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Leichtathletik

Sechs Läufer für ein Halleluja

Am Mittwoch startet die Europameisterschaft in Amsterdam: Dass so viele Regensburger dabei sind, gab es noch nie zuvor.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Philipp Pflieger (links) und Florian Orth. Foto: Theo Kiefner
Philipp Pflieger (links) und Florian Orth. Foto: Theo Kiefner

Philipp Pflieger: Das Phänomen auf dem Weg zu Olympia

Philipp Pflieger ist das Phänomen im blauen Trikot der LG Telis Finanz. Irgendwas zwickt immer, irgendwie aber findet der Schwabe, der zum Regensburger wurde und am 16. Juli 29  Jahre alt wird, immer einen Weg zu seinem Ziel. „Bei ihm ist das ein Drahtseilakt: Für das, was er an Muskeln hat, ist zuviel dran am Körper“, sagt Kurt Ring. Amsterdam ist für Pflieger eine Etappe auf dem Weg nach Rio. Er ist gerade zurück aus einem Höhentrainingslager in St. Moritz und geht nach der EM noch einmal zu Teil zwei in die Schweiz. Ein letzter Test mit schweren Beinen in Chemnitz brachte ihm nach 32:09 Minuten Rang drei.

„Du bist besser beieinander als du glaubst“, gibt Kurt Ring seinem Schützling mit auf den Weg in die Niederlande, wo Pflieger Teil der deutschen Mannschaft ist, die gleichzeitig auch den Europacup-Sieger kürt. Und noch etwas hofft Ring: „Philipp ist jemand, der die Gabe hat, sich bis zur totalen Erschöpfung zu verausgaben. Das sollte er bitte bleiben lassen.“ Denn wie bei Anja Scherl gilt bei Philipp Pflieger: Rio ist das Maß der Dinge!

Florian Orth: Ein alter Hase ist auf einmal wieder Neuling

Lange konnte es der 26-Jährige selbst nicht glauben. Und auch für Kurt Ring ist es überraschend, dass sich Florian Orth mit nur drei Rennen für die Olympia qualifiziert hat. „Ich glaube, dass mit den 1500 Metern ist endgültig vorbei“, sagt Ring. In der Vergangenheit hatte es Orth da zweimal in den EM-Endlauf geschafft – und sowohl in Helsinki 2012 als auch 2014 in Zürich Sturzpech. Viel Erfahrung mit der neuen Distanz hat Orth nicht: „Sein größtes Problem ist, dass Flo die Regenerationszeiten noch nicht kennt“, sagt Ring. Bisher galt für Orth „reinhängen, mitlaufen, ankommen“ über die Langstrecke, „aber bei Meisterschaften wird ja ganz anders gelaufen.“ Und doch ist für das Finale am Sonntag (18.10 Uhr) für Ring eines klar: „Er ist in einer günstigen Lage und kann unter die ersten sechs laufen.“

Franziska Reng: Die 20-Jährige mit dem Babystatus

Franziska Reng. Foto: Theo Kiefner
Franziska Reng. Foto: Theo Kiefner

Aufsteigerin? Na klar. Shooting-Star? Kann man sehr wohl sagen. Die junge Läuferin im Trikot der LG Telis Regensburg erlebte schon 2015 ein großartiges Jahr und wurde Europameisterin mit dem deutschen U-23-Team im Crosslauf. Mit dem Debüt im Halbmarathon lief die „Sportlerin des Jahres“ im Februar in Barcelona ohne Umweg sofort zur Europameisterschaft – in der Frauenklasse! In welchem D-Zug-Tempo es für Franziska Reng nach oben ging, ist atemberaubend. „Eine 1:12:33 läuft man nicht so nebenher. Sie ist gerade 20, die jüngste im Halbmarathonfeld und die beste U-23-Läuferin Europas: Für sie ist das etwas Monumentales“, sagt ihr Trainer Kurt Ring, der sich längst daran gewöhnt hat, dass bei einer Reng alles möglich ist. Typisch Franzi beim letzten Test, einem Viertelmarathon am Sonntag in Chemnitz: „Dafür, dass wir uns vor dem Ziel noch verlaufen haben und wegen der Straßenbahn warten mussten, ist die Zeit super“, kommentierte sie pfiffig ihre 36:09 Minuten, die zu einem überlegenen Sieg führten.

In unserem Video sprechen Franziska Reng und Philipp Pflieger über ihre Teilnahme an der Leichtathletik-EM 2016:

Leichtathletik-EM mit Sportlern aus der Region

Kurt Ring traut der unbekümmerten Läuferin, die einst vom Schwimmen kam und inzwischen andere Umfänge trainiert („50 Kilometer die Woche reichen jetzt nicht mehr“), am EM-Schlusstag am Sonntag ab 9.30 Uhr alles zu: „Sie kann einen raushauen, es kann aber auch in die Hose gehen. In sehr, sehr guter Verfassung ist sie jedenfalls.“ Wettkampfhärte und „erstaunliche Hitzebeständigkeit“ attestiert ihr ihr Trainer schon. Ihre Jugend ist ein Zusatzplus: „Sie kann von ihrem Babystatus nur profitieren.“

Anja Scherl: Doppelt erfüllter Traum vom Nationaltrikot

Anja Scherl. Foto: Theo Kiefner
Anja Scherl. Foto: Theo Kiefner

Die Ursensollerin, die in Bayreuth wohnt, ist so etwas wie der Rengsche Gegenentwurf und eine Spätstarterin. Sie begann mit Volleyball, fand dann zur Leichtathletik und entdeckte ihr Potenzial. Über Bahnläufe ging es auf die Straße. Eher langsam und stetig, aber bemerkenswert: Anja Scherl steigerte und steigerte und steigerte sich – in Dimensionen, von denen sie selbst nicht zu träumen gewagt hatte. Die ursprüngliche Marathon-Norm für die Olympischen Spiele schien Ende des vergangenen Jahres utopisch. Doch als sie gesenkt wurde, packte sie die Chance beim Schopf und lief die 42,195 Kilometer in Hamburg in 2:27:50 Stunden. „Damit liegt sie in Europa an dritter Stelle“, sagt Kurt Ring, der sie mit Ehemann Marco coacht.

Anja Scherl wird nervös sein, wenn sie am Sonntag ab 9.30 Uhr in Amsterdam erstmals im schwarz-rot-goldenen Trikot läuft, doch der ursprünglich einmal als Karriere-Höhepunkt gedachte Halbmarathon in Amsterdam ist inzwischen nur eine Durchgangsstation, weil der zweite Auftritt in Deutschland-Mission ungleich mehr im Fokus steht. „Sie bereitet sich sehr, sehr seriös auf den olympischen Marathon in Rio vor“, sagt Kurt Ring. „Sie sagt selber, dass sie nicht in der Verfassung von Barcelona ist. Das geht auch nicht. Dennoch traue ich ihr bei der EM immer einen Platz in den Top Ten zu.“

Europa-Torte zum Abschied

  • Erst EM, dann Olympia

    Von den sechs EM-Startern in Amsterdam fahren drei im August zu den Olympischen Spielen: Anja Scherl und Philipp Pflieger sind im Marathon qualifiziert, Florian Orth über 5000 Meter.

  • Verabschiedung

    Mit Pflieger und Franziska Reng verabschiedete Telis-Präsident Norbert Lieske am Montagabend auf dem RT-Trainingsgelände mit seiner neuen Tartanbahn jene zwei LG-Läufer, die von Regensburg aus die Reise starten. Passend zur Klubfarbe hatte Lieske eine blaue Europa-Torte mit Sternen backen lassen.

  • Rückblick

    Bei der letzten EM 2014 waren mit Maren Kock und Florian Orth zwei Regensburger dabei, 2012 in Helsinki neben diesem Duo auch noch Pflieger und Corinna Harrer.

Maren Kock: Spurtstark über 1500 oder doch die 5000 Meter?

Maren Kock. Foto: Theo Kiefner
Maren Kock. Foto: Theo Kiefner

Die 26-Jährige jagte lange den Normen vergeblich hinterher, sowohl für Olympia als auch für die Europameisterschaft. Die 1500 Meter wollte sie in Angriff nehmen, nicht wie bei den beiden letzten Europameisterschaften in Helsinki 2012 und Zürich 2014 die 5000 Meter. „Für sie ist eine Europameisterschaft ja schon normal“, sagt Kurt Ring. Doch erst die erfüllte Norm über die längere Distanz öffnete wenigstens das Hintertürchen für Amsterdam. „Bei ihrer Spurtstärke müsste es schon dumm laufen, wenn es nichts mit dem Finale über 1500 Meter werden würde“, sagt Kurt Ring. „Die Vorläufe werden sich wieder bei Zeiten um eine 4:10 oder 4:11 bewegen.“ In diesen Zeit-Sphären ist Maren Kock bestens dabei, die 2014 und 2015 deutsche Meisterin über 1500 Meter und heuer in Kassel nur von Überfliegerin Konstanze Klosterhalfen geschlagen wurde.

Die Lage für Maren Kock ist jetzt eine, die noch variabel ist und noch Möglichkeiten offen lässt: Nur wenn Kock am Freitag (18.15 Uhr) den Sprung nicht in den Endlauf am Sonntag (17.45 Uhr) schafft, müsste sie am Samstag ab 21.05 Uhr vielleicht doch über die eher ungeliebten 5000 Meter ran. Auch für Maren Kock hält Kurt Ring übrigens durchaus einiges für möglich. „Sie kann auch um die Plätze vier, fünf oder sechs mitlaufen, vielleicht sogar noch mehr“, sagt Ring und verweist auf das Beispiel von Diana Sujew. „Die war 2012 auch Sechste und hält nach der Bereinigung durch die Dopingtests inzwischen Bronze in den Händen.“

Benedikt Huber: Der Mann, der immer an sich glaubte

Benedikt Huber. Foto: Theo Kiefner
Benedikt Huber. Foto: Theo Kiefner

Den 27-jährigen 800-Meter-Läufer, der am Donnerstag (11.35 Uhr) als erster Regensburger im Vorlauf dran ist, ins Halbfinale am Freitag (18.35 Uhr) will und vom Finale am Sonntag (18.30 Uhr) träumt, hatte niemand so recht auf der Rechnung. Er sich selbst schon. Der Oberbayer aus Palling, der sich erst vor der Saison der LG Telis Finanz angeschlossen hatte, kümmerte sich rechtzeitig darum, bei der Antidoping-Agentur angemeldet und damit startberechtigt sein zu können. „Es wäre ja saublöd gewesen, wenn es daran gescheitert wäre“, sagt Huber.

Saublöd wäre auch gewesen, wenn jene sieben fehlenden Hundertstel zur Norm von 1:46:50 den Ausschlag gegeben hätten. Hatten sie aber nicht: Erstens war der Deutsche Leichtathletik-verband (DLV) bei Kock und Huber großzügig, das entscheidende Argument lieferte Huber selbst. In einem sagenhaften Endspurt holte er sich seinen ersten deutschen Meistertitel. „Für ihn ist vieles möglich“, sagt Kurt Ring. „Aber auf seiner Strecke sind viele Gleichschnelle unterwegs. Ein kleiner Fehler und du bist draußen.“

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