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Sport
Donnerstag, 24. Mai 2018 23° 8

Kommentar

Silberne Utopie auf dem Prüfstand

Ein Kommentar von Claus-Dieter Wotruba

Von schnellem Erfolg träumen sie alle. Dumm nur, dass im Sport so oft Ausdauer, Geduld, Kontinuität und ähnliche Komponenten wegbestimmend, ja regelrechte Grundvoraussetzung sind. Erst recht, wenn einer etwas aufbauen will. Und dann kam als Gegenbeispiel wieder einmal so eine spontan verwirklichte, vermeintliche Utopie. Das deutsche Olympia-Silber von Pyeongchang – und das im Eishockey! Der immer mehr auf Fußball fixierte, ja reduzierte deutsche Sportfan rieb sich verwundert die Augen: Ach, diese Sportart gibt’s ja auch noch. Erst räumte Bundestrainer Marco Sturm mit seinem Team Weltmeister Schweden aus dem Turnier. Dann eliminierte die deutsche Auswahl Kanada, das Mutterland des Eishockeys, was für die Nordamerikaner mindestens so schlimm war, als würde Deutschland ein Fußballspiel gegen Kanada verlieren.

„Kopenhagen wird für die deutsche Eishockey-Mannschaft eine andere WM – mit Risiko und Chance zugleich.“

Und dieser olympische Erfolg entfachte auch hierzulande Interesse, ja Euphorie. Plötzlich interessierten sich selbst weniger eishockey-affine Menschen für den rasanten, imposanten Pucksport, der zwar viele Anhänger hat, die in Deutschland aber eben anders als in Nordamerika nicht flächendeckend vorhanden sind, sondern eher punktuell an den erfolgreichen Standorten wie Mannheim, Köln, Berlin oder Düsseldorf oder traditionellen Standorten – zu denen in einem kleineren Rahmen zum Beispiel auch Regensburg zählt.

In Pyeongchang fehlten Sekunden zum Gold

Eishockey in Pyeongchang wurde zum epochalen Erlebnis. „Wann habe ich in meinem Alter in der Nacht Fernsehen geschaut?“, fragte Eishockey-Held Alois Schloder und suchte nach bedeutenden Vergleichen. „Bei der Mondlandung 1969, bei Muhammad Ali, wenn er geboxt hat – und jetzt beim Eishockey.“ Schloder ist eine jener Figuren, die jahrzehntelang in schöner Regelmäßigkeit im Mittelpunkt standen, weil die olympische Bronzemedaille 1976 in Innsbruck als Jahrhundertereignis, als unwiederholbar galt. Und jetzt fehlten 2018 nur ein paar Sekunden zu Gold, bis die Russen doch noch die Kurve kratzten. An jenem 25. Februar wurde der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) eingeholt von seinen eigenen Ambitionen. Sein Aufbau-Programm sah eigentlich vor, erst in acht Jahren ernsthaft um Medaillen mitzuspielen. „Powerplay 2026“ belächelten deswegen selbst die größten Optimisten unter den Experten.

Jetzt tut das niemand mehr. Es tut sich ein neuer Anspruch auf. Eishockey hat die Eigenheit, dass jedes Jahr eine Weltmeisterschaft ausgetragen wird – selbst in Olympiajahren wird darauf nicht verzichtet. Und so fährt die deutsche Mannschaft in einer neuen Rolle nach Kopenhagen, wo ab heute der nächste Titel vergeben wird und alle schauen werden, ob es eine silberne Eintagsfliege war oder mehr.

2010 im Halbfinale gegen Russland

Kopenhagen wird für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft, die nur knapp zur Hälfte mit der von Olympia übereinstimmt, eine ganz andere Weltmeisterschaft als sonst werden – eine mit Risiko und Chance zugleich: mit dem Risiko, neu geweckte Erwartungen nicht erfüllen zu können; mit der Chance, mit ambitionierten Auftritten zu unterstreichen, dass dauerhaft alles möglich ist. Marco Sturm, der in fast 1000 NHL-Spielen gestählte Bundestrainer, ist klug genug, um die Erwartungen zu dämpfen. Er mahnt ständig an, an wie vielen Ecken es weiterhin fehlt. Anders als Bundestrainer vor ihm redet er nicht von der nächsten Medaille, sondern davon, erst einmal den Top-acht-Platz zu erhalten.

So manche Sportart hatte mit punktuellem Erfolg ihre Chance. Handball schafft es am dauerhaftesten in den Blickpunkt. Basketball oder Volleyball verspielten Gelegenheiten. Und auch das Eishockey tat das nach 2010 schon einmal, als Deutschland die Russen im WM-Halbfinale im eigenen Land am Rande der Niederlage hatte. Damals verpuffte der Boom, es folgte sogar ein neuerlicher Absturz. Und diesmal?

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