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Olympia

Snowboard-Star White triumphiert in Halfpipe

Snowboard-Star Shaun White hat in Pyeongchang mit einer großen Show alle überboten und seine Niederlage von 2014 wettgemacht. Nach seinem dritten Gold denkt der Amerikaner schon an den nächsten Triumph. Und in zwei Jahren könnte er ein Protagonist der Sommerspiele werden.
Von Kristina Puck und Florian Lütticke, dpa

  • Shaun White hat die Herzen der Südkoreaner erobert. Foto: Gregory Bull/AP
  • Der Japaner Yuto Totsuka stürzte im Finale schwer. Foto: Gregory Bull/AP
  • Yuto Totsuka musste nach seinem Sturz von Helfern mit einem Rettungsschlitten abtransportiert werden. Foto: Angelika Warmuth
  • Shaun White hat die Herzen der Südkoreaner erobert. Foto: Gregory Bull/AP

Pyeongchang.Shaun White weinte hemmungslos. Es waren Tränen der Freude und der Erleichterung. Sein dritter Halfpipe-Olympiasieg und die geglückte Wiedergutmachung für Rang vier vor vier Jahren weckten ungekannte Emotionen bei dem Snowboard-Superstar.

Nach einem Nervenkrimi und dem aufreibendsten Lauf seines Lebens stand er mit der amerikanischen Fahne über den Schultern und seinem Board in der gen Himmel gestreckten Hand allein auf dem Podium. Nur für sich genoss der 31-Jährige auch einen Moment an der Halfpipe, blickte auf den Ort seines Triumphs und saugte die Gefühle auf. „Es bedeutet mir alles, nach der Niederlage von Sotschi so zurückzukommen, die Liebe und Leidenschaft wiederzufinden“, sagte White stolz und überwältigt.

Aus dem olympischen Finale hatte der Snowboard-Millionär eine große Show gemacht und dem zwölf Jahre jüngeren Widersacher Ayumu Hirano mit dem allerletzten Lauf getoppt. Er war zu einem Auftritt mit einer Komplexität gezwungen, die er zuvor noch nie bewältigt hatte. „Ich wusste vor dem Lauf, dass ich es in mir habe“, erklärte White. „Es ist der beste Lauf, den ich je in meiner Karriere gemacht habe. Die Furcht war weg. Es ist Olympia. Ich musste es vollbringen.“

Das Spektakel in der Halfpipe sorgte am Mittwoch für eine volle Tribüne im Phoenix Snow Park bei den Winterspielen von Pyeongchang. Noch 90 Minuten nach der Entscheidung harrten kreischende White-Fans bei trübem Himmel im Schnee aus und drückten für Fotos und Autogramme gar die Begrenzung nieder. Konkurrenten gratulierten dem Amerikaner, manch geschlagener Teamkollege freute sich lediglich bescheiden mit dem polarisierenden Ausnahmeathlet.

In der freundschaftlichen Snowboard-Szene zieht Businessman White sein Ding durch. Er kapselt sich ab, wie der deutsche Snowboarder Johannes Höpfl beobachtete. Abseits des Sports beschädigt eine Klage wegen sexueller Belästigung seinen Ruf. Der 31-Jährige bestreitet den Vorwurf, tat die Angelegenheit nach seinem Triumph als „Klatsch“ ab. Später entschuldigte er sich für „eine schlechte Wortwahl, um ein so sensibles Thema zu beschreiben“.

Im Wettbewerb inszeniert er sich gern. White liebt die Show. Nach seinem gelungenen, aber nicht ausreichenden ersten Lauf schleuderte der US-Boy sein Board übertrieben über den Zielbereich hinaus. Bevor er nach einem Interviewmarathon für zehn Minuten in der Pressekonferenz erschien, kämmte er sich das Haar. „Bin ich nun der Größte aller Zeiten?“, fragte er.

Whites Geschichte und Emotionen lassen sich nicht losgelöst von der Vergangenheit erzählen. 2006 und 2010 hatte der Kalifornier in Turin und Vancouver triumphiert, seine Sportart über Jahre wie kein anderer geprägt. Vor Sotschi war ihm dann die Leidenschaft verloren gegangen. Nach ungewohnten Unsicherheiten musste er Gold dem Schweizer Iouri Podladtchikov überlassen. „Man kommt darüber nicht wirklich hinweg. Es ist ein bisschen wie eine Wunde von einem Fahrradsturz, sie bleibt für immer. Aber du lernst daraus“, sagte White bei NBC.

Die Niederlage habe ihm die Augen geöffnet, erklärte er in Südkorea. Er hatte längst neuen Antrieb gefunden. Auch ein Trainingssturz in Oktober in Neuseeland, nach dem er mit 62 Stichen genäht werden musste, hielt ihn nicht auf. „Es geht nichts über ein gutes Comeback, oder“, schrieb Schwimmstar Michael Phelps auf Twitter. „So wird das gemacht, Mann.“

Im Finale der Top 12 hatte Hirano, 2014 in Sotschi als 15-Jähriger mit Silber dekoriert, vorgelegt und White bis zum Äußersten herausgefordert. Vor 4909 Zuschauern beeindruckte der Japaner mit zwei Sprüngen nacheinander mit jeweils vierfacher Umdrehung, einem back-to-back 1440. White lag vor dem letzten Durchgang nur auf Platz zwei. Doch der Superstar hatte den letzten Versuch und nutzte ihn.

White ging so viel Risiko wie nie zuvor und zeigte ebenfalls zwei Tricks mit vierfachen Schrauben nacheinander - genau diese Kombination hatte er nicht mal im Training ausgiebig getestet. Nach einem bangen Moment des Wartens leuchtete die Wertung von 97,75 Punkten auf: Er besiegte den Zweiten Hirano um mehr als zwei Punkte (95,25) und lag deutlich vor Australiens Bronzegewinner Scotty James.

„Er trägt die Last einer Nation und der Welt auf seinen Schultern“, sagte Whites Coach, J.J. Thomas, Bronzemedaillengewinner von 2002. Mit Blick auf das in den USA so immens bedeutende Finale im American Football fügte er an: „Dies ist unser Super Bowl. Aber es ist größer, weil es nur alle vier Jahre ist.“

Als Erster seines Sports hat der Amerikaner nun zum dritten Mal Gold in der gleichen Disziplin geholt. Dem Team der USA bescherte er den 100. Olympia-Sieg bei Winterspielen. Doch das muss noch nicht das Ende seiner Erfolgsliste sein.

In vier Jahren wird der Snowboard-Millionär voraussichtlich noch einmal angreifen. Aber schon bei den Sommerspielen 2020 liebäugelt er mit einem Auftritt in seiner zweiten großen sportlichen Leidenschaft: In Tokio werden erstmals Medaillen im Skateboarden vergeben. „Ich muss eine schwere Entscheidung treffen, meine Kontrahenten haben dann zwei Jahre Vorsprung vor Peking 2022“, sagte White. Dreimal Halfpipe-Gold müssen auch mit dann 35 Jahren noch nicht genug sein.

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