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Fussball

SSV Jahn: Höhenflug im Höllentempo

Die Regensburger stoßen mit dem sensationellen Durchmarsch in die zweite Liga in neue Dimensionen vor – auch finanziell.
Von Heinz Gläser

Der Jahn-Teamgeist ist inzwischen legendär und bei den Gegnern gefürchtet: Kapitän Marco Grüttner (r.) und seine Teamkollegen jubeln auch in der zweiten Liga. Foto: Nickl

Regensburg.Da war sie wieder, diese Mischung aus unbändigem Willen und finsterer Entschlossenheit. Schwer zu greifen, aber bis unters Dach der Continental-Arena spürbar – und typisch für ein Team, das sich sein Glück oft erspielt, es zur Not aber auch erzwingt. Der SSV Jahn war an diesem tristen 4. November gegen die SpVgg Greuther Fürth beileibe nicht die bessere Mannschaft.

Doch die Regensburger wühlten sich ins Spiel, gaben keinen Zentimeter Boden und keinen Ball kampflos preis. Sie verbissen sich in den Gegner, bis dieser vor ihrer Wucht kapitulierte. Fürths Richard Magyar unterlief per Kopf das Eigentor zum 3:2-Endstand aus Jahn-Sicht. Der Platz in der Arena war danach ähnlich aufgewühlt wie die Emotionen. Jahn-Trainer Achim Beierlorzer ballte beim Abpfiff die Fäuste und brüllte die Freude über den Sieg hinaus.

Packende Fußball-Dramen wie dieses produzierten die Regensburger am Fließband, meist versüßt mit einem Happy End für die eigenen Fans. Das Jahn-Jahr 2017 ließ tatsächlich keinen kalt, und es war ein Meilenstein auf dem Weg zum häufig beschworenen, aber meist sehr fernen Ziel, die Region Ostbayern für den chronisch wankelmütigen Traditionsverein einzunehmen. Der Jahn-Slogan ist zwar nicht nach jedermanns Geschmack, manchem kommt er zu anbiedernd und provinziell daher – aber heuer traf er zu: „Mia spuin fia eich!“

Ruhmreiches Kapitel

Als Beierlorzer kurz vor Weihnachten von einem „sensationellen Jahr“ für den SSV Jahn sprach, steckte in dieser Feststellung kein Funken Übertreibung. Was nun auf der Agenda steht, klingt vergleichsweise banal, ist aber ebenso anspruchsvoll: Es gilt, den Erfolg und das Wachstum endlich mal zu verstetigen. Es geht schlicht um Nachhaltigkeit. Maßgebend ist die Tabelle der zweiten Liga. Der Nichtabstieg am Ende der Saison 2017/18 wäre ein ebenso ruhmreiches Kapitel wie zuletzt die zwei Aufstiege in Folge.

„Einen Quantensprung“ bedeute die Zugehörigkeit zum Fußball-Unterhaus, hieß es im Rechenschaftsbericht, den Christian Keller, der Geschäftsführer Sport, Ende September den Jahn-Mitgliedern präsentierte. Kellers Zahlenwerk beleuchtete die unterschiedlichen Dimensionen. In der Drittliga-Saison lag der Umsatz bei 6,96 Millionen Euro, in der Spielzeit 2017/18 steigt er laut Plan auf knapp 14,5 Millionen Euro. Trotzdem bewegt sich der Jahn immer noch deutlich unter dem durchschnittlichen Umsatz eines Zweitligisten im unteren Tabellendrittel, der laut Deutscher Fußball-Liga (DFL) bei rund 22,8 Millionen Euro liegt.

„Richtig Spaß“, so Keller, machen die Fernsehgelder. Die TV-Vermarktung erweist sich als sprudelnde Einnahmequelle. Die Erlöse liegen in dieser Saison laut Plan bei 7,1 Millionen Euro – im Vergleich zu 882 000 Euro in der Drittliga-Saison. Dabei ist der SSV Jahn noch 17. und damit Vorletzter der TV-Einnahmentabelle, nur Holstein Kiel bekommt weniger aus diesem Topf. Aber selbst dieser eine Platz macht schon 200 000 Euro Unterschied aus. Zum Vergleich: Der FC Ingolstadt streicht als Spitzenreiter der TV-Tabelle 17 Millionen Euro ein. Kellers Perspektive hört sich verheißungsvoll an: „Wir kriegen Jahr für Jahr mehr, wenn wir in der Liga bleiben.“ Schon deshalb sei der Klassenerhalt so eminent wichtig. Dieser sei eine „historische Aufgabe“, aber: „Die Luft in dieser Liga ist brutal dünn.“

Im Rausch

Höhenluft schnupperte der SSV Jahn im Jahr 2017 sehr oft, Ende Mai und Anfang Juni schwelgte Fußball-Regensburg sogar im Rausch. Dabei war nach einem zähen Start aus der Drittliga-Winterpause wirklich nicht absehbar, zu welchen Leistungen sich das Team von Erfolgscoach Heiko Herrlich in den folgenden Monaten aufschwingen würde. Mit Beharrlichkeit und einem legendären Teamgeist behaupteten sich Erik Thommy & Co. im vorderen Tabellendrittel.

Mit dem 1:0-Sieg in Münster, den Andreas Geipl mit einem späten Elfmetertor herausschoss, schaffte der SSV Jahn am letzten Spieltag der regulären Saison den Einzug in die Relegation – schon das eine kleine sportliche Sensation. „Krimis, immer nur Krimis!“, stöhnte der auf Socken durch den Kabinengang in Münster schlurfende Vorkämpfer Marvin Knoll.

Aber das finale Spannungsmoment der packenden Spielzeit kam erst noch. Tags darauf spülte die letzte Zweitliga-Runde die ruhmreichen Löwen auf den Relegationsrang der zweiten Liga. Das Duell Regensburger David gegen Münchner Goliath löste einen Fußball-Hype in der Region aus. Der Ansturm auf die begehrten Tickets war enorm.

1:1 (Torschütze Marc Lais) im Hinspiel in der Oberpfalz, 2:0 (Torschützen Kolja Pusch und Marc Lais) aus Jahn-Sicht im denkwürdigen Rückspiel in Oberbayern, so lauteten die Resultate: Begleitet vom heftigen Unmut randalierender Fans stürzte der ehemalige deutsche Meister und Europacup-Finalist TSV 1860 aus finanziellen Gründen gleich noch eine Klasse tiefer ins Jammertal der Regionalliga Bayern, dem der Jahn erst im Jahr zuvor in den Relegationsspielen gegen die Wolfsburger „Zweite“ entflohen war.

Dünnes Eis

Die Regensburger kosteten derweil ihren unverhofften Triumph in vollen Zügen aus. Allerdings nur kurz, allzu kurz. Denn die Tage und Wochen nach dem Coup in der Münchner Allianz-Arena machten mehr als deutlich, auf welch dünnem Eis sich die Oberpfälzer bewegen.

Die Rückkehr des vom FCA ausgeliehenen Publikumslieblings Thommy nach Augsburg war noch absehbar. Überraschender war dann schon der Abgang von Aufstiegsheld Kolja Pusch zum neuen Ligakonkurrenten nach Heidenheim.

Vollends auf dem falschen Fuß erwischte den Klub und seine Anhänger der abrupte Wechsel von Herrlich zum Bundesligisten Bayer Leverkusen. Der Ex-Nationalspieler schied im Zwist. Der Jahn habe es schlichtweg fahrlässig versäumt, ihn mit einem Vertrag für die weite Liga auszustatten, argumentierte Heiko Herrlich. Die Jahn-Verantwortlichen verwiesen derweil auf die öffentlichen Treueschwüre Herrlichs. Dieser hat nach Anlaufproblemen zwischenzeitlich aus dem Leverkusener Team einen Champions-League-Aspiranten geformt. Selbst Bayer-Sportdirektor Rudi Völler ist nunmehr voll des Lobes für den anfangs in Leverkusen skeptisch beäugten Regensburger Aufstiegstrainer.

Von Beginn an höchst umstritten: Investor Philipp Schober Foto: Lex

Unterdessen bahnte sich beim SSV Jahn noch weit größeres Ungemach an. Im Strudel der Regensburger Korruptionsaffäre stieß der langjährige Gönner Volker Tretzel seine Mehrheitsanteile an der KGaA ab und veräußerte diese an einem forschen Jungunternehmer aus München. Das Ringen mit dem bis dato unbekannten und aus Jahn-Sicht von Beginn an undurchsichtigen Investor Philipp Schober zog sich bis in den Herbst hin, garniert mit bundesweiten Schlagzeilen.

Auch hier gab es ein Happy End. Dass es gelungen sei, den Investor aus dem Jahn zu drängen, war für Vorstandschef Hans Rothammer einem „beispiellosen Schulterschluss“ in der Stadt zu verdanken. Rothammer fügte hinzu: „Es ist ein großartiges Signal an Fußball-Deutschland: Man legt sich besser nicht mit uns an, wenn es darum geht, unsere Werte zu verteidigen. Wir sind keine Übungsfirma für gescheiterte Existenzen.“

Trotzdem: Die Korruptionsaffäre, in der sich der SSV Jahn lediglich als „Spielball in einem Politikum“ (Keller) sieht, ist alles andere als ausgestanden. In einem möglichen Prozess 2018 dürfte auch die Rolle des Traditionsvereins im mutmaßlichen Geflecht von Stadtspitze und Immobilienwirtschaft thematisiert werden. Man sehe dem äußerst gelassen entgegen, beteuern indes die Jahn-Verantwortlichen bei jeder Gelegenheit. Der von Rothammer und Keller seit Jahren verfolgten Linie, dem Klub ein hochseriöses Image zu geben, dürfte ein Prozess jedoch nicht gerade zuträglich sein.

Glattes Parkett

An der Jahn-Mannschaft gingen die Turbulenzen im Umfeld derweil fast spurlos vorüber. Das traf auf die Herrlich-Elf zu, das trifft nun auch auf die Beierlorzer-Schützlinge zu. Zumindest hat das lediglich punktuell verstärkte Team um den neuen Kapitän Marco Grüttner auf dem glatten sportlichen Parkett des Fußball-Unterhauses erstaunlich schnell Fuß gefasst. Was nicht heißt, dass die Akklimatisierungsphase reibungslos verlaufen wäre. Hinter vorgehaltener Hand stöhnte manch ein Jahn-Akteur, der schon in der Regionalliga Bayern gegen Buchbach oder Schalding-Heining mit von der Partie war, über das Höllentempo, das gegnerische Zweitligisten anschlugen. Im Heimspiel gegen Dresden und vor allem im Duell mit Mitaufsteiger Kiel zahlte der Jahn unübersehbar Lehrgeld.

Doch ähnlich wie in den vergangenen Spielzeiten bleibt der unbedingte Wille das Markenzeichen der Regensburger. Zu den Kraftakten à la Fürth gesellen sich nunmehr auch Kunststücke wie beim 4:0 gegen Duisburg. Trainer Achim Beierlorzer gilt inzwischen – ähnlich wie sein Vorgänger – als absoluter Glücksgriff. Platz acht mit 25 Punkten ist zur Winterpause eine solide Basis für die historische Mission Klassenerhalt.

Keller hat recht: Der Jahn kann wieder Geschichte schreiben.

So war das Jahr 2017: Hier lesen Sie mehr aus unserer Jahresrückblicks-Beilage!

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