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SSV Jahn: Volles Risiko, voller Erfolg

Erst hängende Köpfe, dann Schulter zurück und Brust raus. Der SSV Jahn feiert ein denkwürdiges Ende einer tollen Derby-Woche.
Von Jürgen Scharf, MZ

Intensives Spiel: Jahn-Stürmer Sargis Adamyan (vorn) geht auf Tuchfühlung zu seinem Gegenspieler. Foto: Nickl
Intensives Spiel: Jahn-Stürmer Sargis Adamyan (vorn) geht auf Tuchfühlung zu seinem Gegenspieler. Foto: Nickl

Regensburg.Das Abstiegsgespenst hat es mit den Regensburgern in der 2. Liga wirklich nicht leicht. Im vergangenen Herbst konnte es sein Kostüm zumindest vorsichtshalber schon mal rauskramen. Da der SSV Jahn plötzlich eine Siegesserie startete, musste es dieses aber wieder verstauen. In der Winterpause konnte das Gespenst nun zu Recht hoffen, vielleicht doch noch irgendwann gebraucht zu werden. Mit Nürnberg, Ingolstadt und Kiel hatte der Spielplan dem Jahn gleich drei Top-Mannschaften hintereinander zum Start ins neue Jahr beschert. Drei Pleiten – und schon könnte das Abstiegsgespenst zumindest auf Alarmbereitschaft umschalten. Nach einer denkwürdigen Derby-Woche des Jahn muss es nun aber ernsthaft darüber nachdenken, wie es mit dauerhafter Arbeitslosigkeit umgehen soll.

Die Torschützen Sebastian Stolze (zweiter von links) und Jonas Nietfeld (zweiter von rechts) jubeln nach dem Spiel mit ihren Mitspielern. Foto: Nickl
Die Torschützen Sebastian Stolze (zweiter von links) und Jonas Nietfeld (zweiter von rechts) jubeln nach dem Spiel mit ihren Mitspielern. Foto: Nickl

Tausende Menschen, die in irgendeiner Form – sei es eine Mütze, ein Schal oder Trikot – ein rot-weißes Kleidungsstück trugen, strömten am späten Freitagabend aus der Regensburger Continental-Arena. Und alle strahlten. Zwei junge Männer klatschten sich mehrmals ab. „Ein Wahnsinn war das“, sagte einer. Und ja, damit hatte er Recht. Im Derby gegen den FC Ingolstadt lag der Jahn bereits zur Halbzeit mit 0:2 hinten. Zwanzig Minuten vor Schluss deutete rein überhaupt gar nichts darauf hin, dass er hier noch als Sieger vom Platz gehen würde. Tat er dann aber doch noch.

Hier finden Sie einen ausführlichen Spielbericht

Es waren 72 Minuten gespielt, da küsste ein Eigentor des Ingolstädters Hauke Wahl die Regensburger wach. Wie aus dem Nichts verwandelte sich das Spiel plötzlich in einen Fußball-Krimi, an dessen Ende der Jahn jubeln konnte. Das Comeback seiner Mannschaft fasste Jonas Nietfeld, der zwei Minuten vor dem Ende das Siegtor geschossen hatte, so zusammen: „Im Endeffekt ist das das Geilste, was dir als Fußballer passieren kann.“

Drei Tage zuvor hatte sich der Jahn für das Spektakel gegen Ingolstadt bereits warm gespielt. In einer tollen Partie beim 1. FC Nürnberg holten die Regensburger verdient einen Punkt. Das war beste Werbung für das zweite Derby innerhalb einer Woche. Gegen Ingolstadt kamen 13 010 Zuschauer. „Das macht einfach Spaß, wenn das Stadion so voll ist – und dann so ein Spiel“, sagte Nietfeld später.

Eine deftige Kabinenpredigt

Damit es am Ende den Jahn-Spielern wirklich so viel Spaß machte, bedurfte es allerdings einer knallharten Ansprache von Coach Achim Beierlorzer während der Halbzeitpause in der Kabine. „Der Trainer hat in der Halbzeit ein paar Worte dazu gesagt, dass es nicht gut war“, meinte Stürmer Sargis Adamyan später. „Klar und deutlich“, erzählte Torwart Philipp Pentke, seien die Fehler angesprochen worden. Übersetzt heißt das wohl nichts anderes, als dass Beierlorzer eine deftige Kabinenpredigt gehalten hat. Der Coach selbst wollte dazu später nichts mehr sagen: „Was in der Kabine passiert, bleibt in der Kabine.“ Aber egal was er seiner Mannschaft im Detail gesagt hat – am Ende hat es geholfen.

„Im Endeffekt ist das das Geilste, was dir als Fußballer passieren kann.“

Jahn-Stürmer Jonas Nietfeld zum Spielverlauf

Die Jahn-Fans auf der Hans-Jakob-Tribüne sangen nach dem Abpfiff glückselig vor sich hin. „Ihr könnt nach Hause fahren“, donnerten sie den Ingolstädtern entgegen. Dem Aufstiegskandidaten aus Oberbayern, bei dem nach der Niederlage im Derby aber keiner mehr wirklich vom Aufstieg reden wollte. „Nach so einem Spiel brauchst du davon nicht mehr sprechen, da hast du nichts mit dem Aufstieg zu tun“, sagte Mittelfeldmann Marcel Gaus. Der konnte es noch gar nicht fassen, dass er hier plötzlich eine Niederlage erklären musste: „Wir stehen nach dem 2:1 noch zweimal alleine vor dem Tor, da müssen wir natürlich ein Tor machen, dann ziehst du denen den Stachel, dann war’s das.“

Stolze wird zum Matchwinner

Den entscheidenden Stich machte aber jemand anders – genau genommen waren es sogar zwei, die Sebastian Stolze in die Abwehr der Ingolstädter setzte. Erst nach einer Stunde war der 22 Jahre alte Angreifer ins Spiel gekommen, schaffte es dann aber noch, zum Mann des Abends zu werden.

Beim Eigentor der Ingolstädter hatte er zuvor die Flanke in den Strafraum der Gäste geschlagen, den Ausgleich besorgte er dann gleich selbst. Ein Ausgleich, der den Jahn ins Gefühlschaos stürzte. „Wir wollten zunächst eigentlich erstmal einen Punkt“, erzählte Verteidiger Marvin Knoll später. Während der zweiten Halbzeit wurde in der Abwehr deswegen bereits auf eine Dreierkette umgestellt, um einen Mann mehr im Mittelfeld zu haben. „Da haben wir alles nach vorne geworfen“, erinnerte sich Knoll. Zehn Minuten vor dem Ende war der Ausgleich dann aber schon geschafft. Was nun? Nun, einfach weitermachen. Knoll umschrieb es mit einem Begriff aus der Pokersprache. „Wir haben dann gemerkt, dass noch mehr drin ist und sind ‚all in‘ gegangen: volles Risiko.“

Schnell weiter: Marco Grüttner holt den Ball nach dem Anschlusstreffer zum 1:2 aus dem Ingolstädter Tor. Foto: Nickl
Schnell weiter: Marco Grüttner holt den Ball nach dem Anschlusstreffer zum 1:2 aus dem Ingolstädter Tor. Foto: Nickl

Ein Risiko, das sich voll auszahlte. Manchmal müsse man sich eben auch was trauen. Zur Halbzeit hätten einige in seinem Team noch die Köpfe hängen lassen, meinte Knoll. „Dann haben wir aber nochmal Charakter bewiesen“ – und das heiße: Schulter zurück und Brust raus. Zur verbesserten Körpersprache kam allerdings auch, das wollte Knoll nicht verschweigen, „ein bisschen Glück. Das hatten wir durch das Eigentor. Aber dann musst du eben auch da sein“.

Dickes Polster erarbeitet

Auf die direkten Abstiegsplätze der 2. Liga hat sich der Jahn nun ein superdickes Polster von neun Punkten erarbeitet. Am kommenden Samstag kann deswegen eigentlich gar nichts groß schiefgehen. Da geht es auswärts bei Holstein Kiel gegen den Tabellendritten. Nach Nürnberg und Ingolstadt sei das „wieder so ein Brocken“, blickte Knoll voraus. Selbst wenn es dort die erste Niederlage des neuen Jahres gibt, wären die Regensburger bei ihrer Mission Klassenerhalt immer noch auf der Überholspur. Denn auch die traumhaften Derby-Woche änderte nichts daran, dass die Jahn-Spieler weiter einzig und allein von einer Marke sprechen. Der Marke von 40 Punkten, die als Nichtabstiegsgarant gilt. Noch fehlen dem Jahn elf Punkte dafür. So schnell wie möglich, sagte Knoll, wolle er diese „einsacken“. Eigentlich hat der Jahn ja noch 14 Spiele Zeit dafür. Es ist ihm aber durchaus zuzutrauen, dass das Abstiegsgespenst schon recht bald Post mit einer endgültigen Absage aus Regensburg bekommen wird.

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