mz_logo

Sport
Samstag, 23. Juni 2018 18° 3

Interview

Sven Hannawald im MZ-Gespräch

Die Skisprung-Legende sprach im Interview mit Autor Bastian Schmidt über sein Karriereende und den neuen Job als Kommentator.
Von Bastian Schmidt

Sven Hannawald bezeichnet den Sieg bei der Vier-Schanzen Tournee als seinen größten Erfolg. Foto: Peter Kneffel/dpa
Sven Hannawald bezeichnet den Sieg bei der Vier-Schanzen Tournee als seinen größten Erfolg. Foto: Peter Kneffel/dpa

Sven Hannawald ist einer von Deutschlands erfolgreichsten Skispringern. Mit seinen vier Siegen bei der Vier-Schanzen-Tournee 2001/02 sicherte er sich einen ewigen Platz in den Geschichtsbüchern dieses Sports. 2005 beendete er in Folge eines Burnout-Syndroms seine aktive Karriere. Zur Saison 2016/17 kehrte er als Experte für Eurosport in die Öffentlichkeit zurück und wird an der Seite von Matthias Bielek die Skisprungwettbewerbe der Olympischen Spiele in Pyeongchang kommentieren.

Können Sie sich an Ihre Anfangszeit als Springer erinnern?

Nicht an das allererste Springen, aber mein Vater hat mir einmal erzählt, dass ich schon als Kind so ehrgeizig war, dass ich über einen zweiten Platz geweint habe und an jeder neuen Schanze als Erstes nach dem Schanzenrekord gefragt habe. Ich wollte unbedingt am weitesten springen, hatte beste körperliche Voraussetzungen und dazu schon sehr früh die Fähigkeit, die Ratschläge und Anweisungen der Trainer sofort umzusetzen. Das ist eine Gabe, die nicht jeder hat, die aber in jungen Jahren den Unterschied ausmacht. Dadurch konnte ich mir früh einen Vorteil gegenüber den anderen herausarbeiten und bin relativ einfach in die Sportart reingekommen. Mit dem Ziel vor Augen, die Vier-Schanzen-Tournee gewinnen zu wollen, habe ich meinen Weg daher schon früh vor mir gesehen.

Was ist das Schwierigste daran, ein hauptberuflicher Skispringer zu sein?

Sven Hannawald gewann 2002 als erster Skispringer alle vier Wettbewerbe der Vier-Schanzen-Tournee. Foto: Frank_Leonhardt/dpa
Sven Hannawald gewann 2002 als erster Skispringer alle vier Wettbewerbe der Vier-Schanzen-Tournee. Foto: Frank_Leonhardt/dpa

Eigentlich ist das Thema Finanzierung von Anfang an am problematischsten. Sobald man die Kaderzugehörigkeit geschafft hat, bekommt man zwar Unterstützung von der Sporthilfe, viele Sportler gehen außerdem zur Bundeswehr, zum Bundesgrenzschutz oder zur Bundespolizei und bekommen ein monatliches Gehalt. Aber es ist auch immer klar, dass man seine sportliche Karriere irgendwann um das Alter von 30 einmal beenden wird. Dafür muss man vorsorgen. Als Skispringer betreiben wir im Prinzip eine Saisonsportart, die zwar während der Vierschanzentournee im Fokus der Öffentlichkeit steht, aber ansonsten vom Verdienst her nicht mit Sportarten wie Fußball, Formel 1 oder Golf mithalten kann. Außerdem ist es wie bei vielen anderen Sportarten so, dass nur die Besten wirklich verdienen. Liegen die Ergebnisse im Mittelfeld oder am Ende des Tableaus, muss man immer überlegen, ob es nicht vielleicht besser wäre, aufzuhören und sich beruflich anderweitig zu orientieren.

Haben Sie zwischenzeitlich überlegt, aufzuhören?

Ich hatte schon auch solche Überlegungen. 1989 zum Beispiel. Mit 15 Jahren sind einem auch mal andere Sachen wichtig und das merkt man direkt bei der Leistung. Zwar philosophiert man in dem Alter noch nicht groß über die Zukunft, aber mir und meinen Eltern war klar, dass ich einen Plan B brauche. Als ich dann 1991 in den Westen gewechselt bin, habe ich mich dem Skiinternat in Furtwangen angeschlossen, wo ich nach der Schule eine Lehre zum Kommunikationselektroniker gemacht habe. Die Ausbildung hat vier statt zweieinhalb Jahre gedauert, dafür konnte man zu jedem Wettkampf oder zu jeder Fortbildung. Dabei war es mir völlig egal, was ich lerne. Mir war nur klar, dass ich eine handwerkliche Ausbildung und kein Abitur wollte. Ich komme da nach meinem Vater, ich bin Bastler und fühle mich auf der Schulbank nicht so wohl. Es war ganz klar auch nur mein Plan B. Das Ziel war immer Skispringer. Aber man muss ja beispielsweise auch in weniger erfolgreichen Jahren das Internat zahlen und dann kommt man schon hin und wieder mal ins Grübeln und zweifelt, ob man den richtigen Weg geht.

Welches ist Ihr größter sportlicher Erfolg?

Mit Abstand die Vier-Schanzen-Tournee. Natürlich bin ich auch stolz, mich Mannschaftsolympiasieger nennen zu dürfen. Das ist ein Riesending. Aber schlussendlich ist dieser Wettkampf ein Tagesevent. Das heißt, es gibt auch eine Menge glückliche Olympiasieger in der Geschichte. Das ist bei der Tournee anders. Das sind acht Sprünge, in denen man bestehen muss und acht Mal Glück in Folge hat keiner. Es gibt überraschende Tourneesieger, die zuvor und danach nicht mehr so in Erscheinung getreten sind, aber über die Zeit der Tournee haben sie voll funktioniert. Deshalb steht die Tournee über allem. Außerdem war die Tournee das Event, welches mich zum Skifliegen gebracht hat und das ich mein ganzes Leben lang gewinnen wollte. Dass ich dann der Erste mit Siegen in allen vier Springen war, ist natürlich umso grandioser. Das nimmt mir keiner mehr.

In diesem Jahr konnte Kamil Stoch (links) den Grand Slam bei der Vier-Schanzen-Tournee erzielen. Foto: AFP PHOTO / APA / BARBARA GINDL / Austria OUT
In diesem Jahr konnte Kamil Stoch (links) den Grand Slam bei der Vier-Schanzen-Tournee erzielen. Foto: AFP PHOTO / APA / BARBARA GINDL / Austria OUT

Sie sind seit diesem Jahr nicht mehr alleiniger Gewinner aller vier Springen der Vierschanzentournee. Auch Kamil Stoch ist dieses Kunststück gelungen. Schmälert das Ihren Stolz auf den Erfolg?

Nein. Natürlich hatte ich jedes Jahr die Hoffnung, dass ich weiter der Einzige bleibe, aber mir war auch klar, dass es irgendwann jemanden geben wird, der es nachmacht. Jetzt habe ich mit Kamil jemandem im Club, auf den ich sehr stolz bin, weil ich weiß, was dazugehört. Ab Innsbruck hat es nichts mehr mit Skispringen zu tun, sondern es ist nur noch Kopfkino und unglaublicher Druck. Wer das meistert, hat es in meinen Augen absolut verdient. Man hat bei Kamil dieses Jahr früh gesehen, dass er auf einem guten Weg ist und es war für mich sehr interessant zu sehen, wie er damit umgeht. Bei meinem Tourneeerfolg war ich so im Tunnel, dass ich das alles kaum mitbekommen habe. Und obwohl ich natürlich wieder gehofft habe, der Einzige zu bleiben, war es ein gutes Gefühl, ihm zu gratulieren und nicht mehr allein in diesem elitären Club zu sein. Von jetzt an kann ich jede Tournee vom ersten Springen an voll genießen. Ob jetzt zukünftig noch mehr Springer dazukommen, ist wurscht. Am Ende zählt, wer Präsident im Club ist.

Ich habe eine quälende, innere Müdigkeit und gleichzeitig Unruhe empfunden, die mich nicht mehr losgelassen hat.

Sven Hannawald, ehemaliger Skispringer

Sie haben vor nicht allzu langer Zeit die ehemalige Profifußballerin Melissa Thiem geheiratet und haben einen zweiten Sohn bekommen. Welchen Sport würden Sie sich für ihn wünschen?

Ich denke, er wird nicht so viel mit Skispringen zu tun haben, weil seine Mutter da ein Veto einlegt. Es ist aber auch nicht so wichtig für mich. Ich halte das so, wie es meine Eltern mit mir gehandhabt haben. Was Kinder sehen, das machen sie nach. Dementsprechend werden sie viel mit Fußball in Kontakt kommen, aber wir werden uns auch weiterhin regelmäßig die Springen an den Schanzen anschauen. Für welchen Sport er sich dann entscheidet, werden wir sehen. Wichtig ist für mich vor allem, dass sich meine Kinder überhaupt gerne bewegen und nicht ständig nur vor einem Smartphone oder Computer sitzen.

Sven Hannawald und ist mit der Fußballerin Melissa Thiem verheiratet. Foto: Tobias Hase/dpa
Sven Hannawald und ist mit der Fußballerin Melissa Thiem verheiratet. Foto: Tobias Hase/dpa

Sie haben Ihre Karriere 2005 wegen eines Burnouts beendet. Wie haben Sie gemerkt, dass Sie unter den Symptomen leiden und warum war es dann die richtige Entscheidung für Sie, die Karriere zu beenden?

Ich habe eine quälende, innere Müdigkeit und gleichzeitig Unruhe empfunden, die mich nicht mehr losgelassen hat. Sie hat mich meinen Sport nicht mehr ausüben lassen. Ich habe zahlreiche Ärzte abgeklappert, die immer zu dem Schluss kamen, dass mir eigentlich nichts fehlt. Dieses Gefühl der Müdigkeit war so tief in mir verwurzelt, dass ich meinen Körper selbst nach einem Klinikaufenthalt und deutlich mehr Abstand nicht überzeugen konnte, dass ich doch eigentlich skispringen wollte. Ich hatte dieses Gefühl in jeder Zelle meines Körpers. Und selbst als ich vom Kopf her wieder bereit war, hat diese Unruhe meinen Körper sofort wieder ergriffen, wenn ich wieder angefangen habe zu springen. Da habe ich dann gemerkt, dass ich jetzt umgekehrt meinen Kopf davon überzeugen muss, dass es keinen Sinn mehr macht.

Heute arbeiten Sie unter anderem als Kommentator für Eurosport und kommentieren die Leistungen anderer. Wie gefällt Ihnen der Rollentausch?

Die Arbeit bei Eurosport gibt mir die Möglichkeit, mit genügend Abstand wieder dabei zu sein. Es macht mir unglaublich Freude, wieder ganz nah am Geschehen dran zu sein, ohne aktiv sein zu müssen. Ich freue mich über jeden weiten Sprung und habe mit Matthias Bielek einen wirklich kongenialen Partner beim Kommentieren.

Inzwischen hat Sven Hannawald (rechts) eine Karriere als TV-Kommentator gestartet. Foto: Thomas Bremser/dpa
Inzwischen hat Sven Hannawald (rechts) eine Karriere als TV-Kommentator gestartet. Foto: Thomas Bremser/dpa

Wenn Sie heute aus der Kommentatorenkabine ein Springen begleiten, kitzelt es Sie dann manchmal noch, sich oben auf die Schanze zu stellen und zu springen?

Bei der Skiflug-WM dieses Jahr in Oberstdorf muss ich gestehen, dass ich den Gedanken schon das eine oder andere Mal im Kopf hatte. Wichtig ist für mich nur, dass der Verstand am Ende siegt und es bei Gedankenspielen bleibt. Je näher ich aber an den Sachen dran bin, die mir früher so viel Spaß gemacht haben, desto mehr spüre ich, wie es innerlich kribbelt und ich eine Gänsehaut bekomme. Dadurch ist der Winter mittlerweile ein toller Ausgleich zum großen Teil des Jahres, wo ich gemeinsam mit meinem Geschäftspartner Sven Ehricht mit unserer Unternehmensberatung Vorträge und Seminare zur betrieblichen Gesundheit (Corporate Health) gebe. Das ist teilweise schwere Kost, bei der man mit Menschen zu tun hat, denen es wirklich nicht gut geht. Da erinnert mich vieles an meine eigene Situation und ich möchte den Unternehmern, Führungskräften und Mitarbeitern helfen, wieder zurück in Work-Life-Balance zu finden. Das könnte ich aber nicht das ganze Jahr über. Daher ist das Kommentieren eine riesige Freude und eine tolle Abwechslung, auch ohne selber zu springen.

Zur Person

  • Sven Hannawald

    wurde am 9. November 1974 in Erlabrunn im Erzgebirge geboren. Er begann in jungen Jahren mit dem Skispringen, ging mit 12 Jahren auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) in Klingenthal und wechselte 1991 an das Skiinternat Furtwangen im Schwarzwald. Im Laufe seiner Karriere gewann Hannawald unter anderem insgesamt 18 Weltcupspringen, wurde viermal Weltmeister (je zweimal mit dem Team und zweimal im Skifliegen) und Olympiasieger 2002 mit der Mannschaft.

  • Hannawald gewann 2001/02

    als erster Springer überhaupt den Grand Slam der Vier-Schanzen-Tournee mit allen vier Einzelerfolgen und sicherte sich zweimal den Gesamtweltcup. 2005 beendete er seine aktive Karriere. 2016 gründete Hannawald gemeinsam mit dem Diplom-Betriebswirt Sven Ehricht eine Unternehmensberatung mit den Schwerpunkten Betriebliche Gesundheit (Corporate Health) und Sportsponsoring.

  • Ebenfalls seit 2016

    kommentiert er für den TV-Sender Eurosport das Geschehen im Skisprungzirkus. Gemeinsam mit Matthias Bielek wird er die Skisprungwettbewerbe bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang kommentieren. Sven Hannawald ist seit 2016 mit der ehemaligen Profifußballerin Melissa Thiem verheiratet, beide haben einen gemeinsamen Sohn. Hannawald hat einen weiteren Sohn aus einer früheren Beziehung.

Sie werden als Kommentator für Eurosport die anstehenden Skisprungwettbewerbe der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang kommentieren. Macht ein solches Event als aktiver oder passiver Teilnehmer mehr Freude?

Das kann ich noch gar nicht sagen. Dadurch, dass Eurosport bei den Spielen federführend sein wird, haben wir die Möglichkeit, uns ziemlich ungehindert bewegen zu können. Aber es werden meine ersten Spiele, die ich passiv begleite. Als Sportler ist man vollkommen in seinem Tunnel, versucht die Konzentration hoch zu halten und bekommt dadurch oft nur die Eröffnungsfeier und eventuell die Schlussfeier mit.

Wen haben Sie bei Olympia ganz vorne auf der Rechnung und wem drücken Sie besonders die Daumen?

Ich habe immer noch die Hoffnung, dass sich Richard Freitag für seine eigentlich tolle Saison belohnen kann. Er hatte mit seinem Sturz bei der Vier-Schanzen-Tournee so viel Pech und ich sage immer, dass sich so etwas im Laufe einer Saison ausgleicht. Er hätte es verdient, aber es ist nun mal kein Wunschkonzert. Daniel-André Tande ist aktuell wieder unglaublich stark, was er als Skiflugweltmeister gerade unter Beweis gestellt hat, und mit Kamil Stoch ist selbstverständlich immer zu rechnen. Er springt eine Technik, die sehr fehlerunanfällig und somit sehr gut für die teilweise schwierigen Bedingungen in Südkorea geeignet ist.

Das Leben wird auch nach Olympia weitergehen. Was sind Ihre Pläne für die absehbare Zukunft?

Ich lebe immer im Hier und Jetzt. Genauso wie ich mein Leben nicht durch die permanenten Erinnerungen an die Vergangenheit dominieren lassen möchte, schaue ich auch nicht zu weit in die Zukunft. Es kann sich einfach zu vieles zu schnell ändern. So wie sich die Dinge aktuell entwickeln, gefallen sie mir sehr gut und ich möchte sowohl beruflich als auch privat Schritt für Schritt weitergehen.

Der Text ist eine Leseprobe aus der Sonntagszeitung, die die Mittelbayerische exklusiv für ePaper-Kunden auf den Markt gebracht hat. Ein Angebot für ein Testabo der Sonntagszeitung finden Sie in unserem Aboshop.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht