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Interview

Nur staatliche Ermittler zielführend

Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag (SPD) spricht mit der MZ über die WM-Affäre und die Lehren für die Politik.
Von Heinz Gläser, MZ

Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach sind zwei der großen Schlüsselfiguren im Skandal um die WM-Vergabe 2006. Foto: dpa
Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach sind zwei der großen Schlüsselfiguren im Skandal um die WM-Vergabe 2006. Foto: dpa

Regensburg.Frau Freitag, Sie sind seit 2009 Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Sind Sie als erfahrene Sportpolitikerin überrascht über die Dimension der Skandale beim Fußball-Weltverband Fifa und beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), die jetzt ans Licht kommen?

Dagmar Freitag: Nein, ich halte schon lange vor allem auf internationaler Ebene sehr vieles für möglich – und nicht erst seit diesem Jahr. Dass wir allerdings hier in Deutschland Teil einer solchen Affäre sein könnten, das habe ich mir in dieser Form nicht vorstellen können.

Welcher Aspekt überrascht Sie am meisten?

Ich finde es gelinde gesagt sehr bedenklich, dass sich der deutsche Fußball im Zusammenhang mit der Vergabe oder der Organisation der WM 2006 in ein Umfeld begeben hat, in dem zumindest der Verdacht besteht, es könnte schwarze Kassen gegeben haben – oder auch Versuche, Geldflüsse, ihre Quellen und ihren Verwendungszweck zu verschleiern.

Aktuell lässt eine Nachricht aus dem Umfeld der Fifa aufhorchen. Demnach hat eine mit der Kontenprüfung beauftragte US-Kanzlei keinerlei Hinweise darauf, dass jene 6,7 Millionen Euro, die Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus dem deutschen WM-Organisationskomitee quasi als Anschubfinanzierung gepumpt haben soll, im Jahr 2002 auf einem Fifa-Konto eingegangen sind. Genau das hatte jedoch DFB-Chef Wolfgang Niersbach behauptet. Es wird immer bunter, oder?

Auf der einen Seite bestätigt das die Aussagen das Fifa-Chefs Sepp Blatter, der einen solchen Geldeingang von vorneherein bestritten hat. Und es ist in diesem Zusammenhang ein Faksimile eines von Theo Zwanziger (Ex-Präsident des DFB) und Horst R. Schmidt (Vizepräsident des WM-Organisationskomitees 2006/d. Red.) unterzeichneten Schreibens aufgetaucht. Dieses Schreiben enthält neben einer Bankverbindung, die dem besagten früheren Adidas-Chef Louis-Dreyfus zugeordnet wird, dubiose Formulierungen hinsichtlich einer „sinngemäßen Verwendung der Mittel“ und einer „Optimierung der umsatzsteuerlichen Handhabung“. Das sind Vorgänge, die lösen nicht nur bei mir Kopfschütteln aus. Meine Reaktion war: Das darf doch nicht wahr sein!

Allenthalben ertönt der Ruf nach lückenloser Aufklärung. Ist eine solche angesichts der widersprüchlichen Aussagen der Beteiligten überhaupt noch zu erwarten?

Persönlich glaube ich, dass es nur zielführend ist, wenn sich staatliche Ermittler mit der Materie befassen. Ich traue diese Aufklärung weder einer internen Kommission innerhalb des DFB noch der extern eingeschalteten Wirtschaftsprüfungskanzlei zu, zumal ja jetzt auch noch private Verbindungen zwischen einem Mitarbeiter dieser Kanzlei und einem führenden Vertreter des DFB bekannt geworden sind. Nein, das Beispiel der US-Justiz und der Fifa zeigt: Die Dinge kommen erst ins Rollen, wenn sich staatliche Ermittlungsbehörden mit ihren speziellen Befugnissen einschalten. Das wäre aus meiner Sicht die einzige Chance, überhaupt Licht in dieses Dunkel zu bringen. Ich sage seit Jahren, dass ich große Zweifel an den Selbstreinigungskräften des Sports habe.

Wolfgang Niersbach sollte dem Sportausschuss in der Sitzung am 4. November Rede und Antwort stehen. Er hat die Einladung vorerst ausgeschlagen – mit der Begründung, er wolle erst die Ergebnisse der vom DFB in Auftrag gegebenen externen Prüfung abwarten. Ist seine Begründung für Sie nachvollziehbar?

Ja, sie ist zumindest im Moment nachvollziehbar. Ich erwarte allerdings, dass Herr Niersbach zu seiner Zusage steht, in den Sportausschuss zu kommen, sobald er detaillierte Angaben machen kann. Und wie viele andere erwarte auch ich, dass er alles tut, um zu einer Klärung der Vorwürfe beizutragen. Das gilt übrigens nicht nur für Wolfgang Niersbach, sondern ausdrücklich für alle in den Fall involvierten Personen. Von den meisten der Beteiligten ist ja momentan eher wenig Substanzielles zu hören. Und es ist unübersehbar, dass im DFB im Gefolge dieser Affäre etliche alte Rechnungen beglichen werden.

Vertreter der Bundestagsfraktionen der Grünen und der Linken kritisieren, dass der für den Sport zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maizière die Affäre bislang nicht öffentlich kommentiert hat.

Das Ministerium sichtet nach meinen Informationen derzeit die einschlägigen Akten und hat mir zugesagt, den Sportausschuss nach Abschluss dieser Überprüfung über die Ergebnisse zu informieren. Und auch wenn Wolfgang Niersbach am 4. November nicht erscheint, wird uns die Affäre im Ausschuss beschäftigen. CDU und CSU haben beantragt, den damaligen Innenminister Otto Schily sowie Claudia Roth (Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit/d. Red.) von den Grünen zu hören.

Ihr SPD-Parteifreund Schily war Mitglied des Aufsichtsrats im WM-Organisationskomitee 2006. Hatten Sie schon Kontakt mit ihm?

Nein, noch nicht. Aber ich habe natürlich seine Stellungnahmen zu der Affäre gelesen. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis wir verstehen, wie das Ganze im OK damals gelaufen ist und welche Wege die Gelder im Einzelnen genommen haben. Ich glaube nicht, dass Otto Schily viel zur Aufklärung beitragen kann. Aber wir werden sehen...

Schily war immerhin OK-Aufsichtsratsmitglied. Und es stellt sich generell die Frage nach der Rechtsform des OK. Die „Wirtschaftswoche“ spricht von einer „unselbstständigen Einheit des eingetragenen Vereins DFB“ und bezeichnet das OK als rechtliches Konstrukt, das auf „maximale Intransparenz“ abzielte. Hatten die Aufsichtsratsmitglieder – neben Schily unter anderen auch der heutige IOC-Chef Thomas Bach – also nur rein repräsentative Funktion und vom Geschäftsgebaren des OK schlicht keinerlei Ahnung?

Da ich diesem Gremium nicht angehört habe, kann ich hierzu keine Auskunft geben. Aber wenn von „maximaler Intransparenz“ gesprochen wird, wirft das jedenfalls kein gutes Licht auf das damalige Konstrukt. Und das dürfte die Arbeit eines Aufsichtsrates auch nicht leichter gemacht haben.

 Dagmar Freitag, MdB Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Foto: Eibner
Dagmar Freitag, MdB Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Foto: Eibner

Saubere Buchführung, testierte Bilanzen – all das hat im Zusammenhang mit der WM 2006 also niemanden interessiert?

Der Bundesrechnungshof hat die Buchführung des DFB und seiner Kulturstiftung, die zum Teil mit Steuergeldern finanziert wurde, im Nachgang zur Fußball-WM geprüft und kritisiert, dass für die Auftragsvergabe zum Kulturprogramm Förderrichtlinien gefehlt und die Buchführung nicht den Anforderungen der Bundehaushaltsordnung genügt hätte. Das hatte aber nichts mit den jetzt zur Debatte stehenden Vorgängen zu tun.

Steht die Einrichtung eines eigenen Untersuchungsausschusses im Bundestag zur Debatte?

Interne Unregelmäßigkeiten von Sportverbänden können grundsätzlich nicht Gegenstand eines Untersuchungsausschusses des Bundestages sein. Dafür müsste schon der Verdacht der Veruntreuung von Steuergeldern vorliegen. Oder Personen aus der Politik müssten in solche Dinge verwickelt gewesen und damit Belange des Bundes berührt sein.

Die Affäre werfe einen Schatten auf das Sommermärchen 2006, heißt es nun oft. Aber hat das eine wirklich etwas mit dem anderen zu tun?

Was damals hinter den Kulissen gelaufen ist, muss selbstverständlich aufgeklärt werden. Aber dass die Weltmeisterschaft als Veranstaltung und die Begeisterung in den Straßen und auf den Plätzen die Menschen im In- und Ausland begeistert hat, daran besteht nach wie vor kein Zweifel.

Deutschland soll ja in den kommenden Jahren Schauplatz weiterer sportlicher Großveranstaltungen sein. Wächst in der Politik angesichts der DFB-Affäre die Skepsis, wenn es um die weit gediehenen Pläne für eine Fußball-EM 2024 in Deutschland geht?

Es wäre jedenfalls eine logische Konsequenz dessen, was wir gerade erleben, wenn die Politik demnächst noch genauer hinschaut, wenn Forderungen aus dem Sport kommen – etwa Steuerbefreiungen als Voraussetzung für die Bewerbung um Großereignisse. Wobei genauer hinschauen nicht automatisch Ablehnung bedeuten muss. Aber es ist unendlich viel Porzellan zerschlagen worden, und da darf, nein da muss man zukünftig sicher die ein oder andere Frage zusätzlich stellen.

Im Jahr 2024 will Hamburg zudem Olympische Sommerspiele ausrichten. Ende November stimmen die Bürger der Hansestadt über die Bewerbung ab. Befürchten Sie, dass sich der Unmut über die DFB-Affäre beim Votum niederschlägt?

Ja, ich befürchte schon negative Auswirkungen. Es besteht die Gefahr, dass die Menschen sich zunehmend vom Sport abwenden. Ich persönlich finde es immer noch gut und sinnvoll, wenn sich ein demokratisch organisiertes Land wie Deutschland um Olympische Spiele bewirbt.

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