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Leichtathletik

Unsere Fünf für die Heim-EM in Berlin

Kleine Oberpfalz ganz groß: Corinna Schwab, Benedikt Huber, Florian Orth, Philipp Pflieger und Jonas Koller sind dabei.
Von Claus-Dieter Wotruba

Der Ort mit der Magie der blauen Bahn: Aber nur drei der fünf Oberpfälzer Starter werden sie betreten, weil der Marathon mit Start und Ziel Breitscheidplatz stattfindet. Foto: Hannibal Hanschke/dpa
Der Ort mit der Magie der blauen Bahn: Aber nur drei der fünf Oberpfälzer Starter werden sie betreten, weil der Marathon mit Start und Ziel Breitscheidplatz stattfindet. Foto: Hannibal Hanschke/dpa

Regensburg.Es begab sich zu Tagen der letzten Leichtathletik-Europameisterschaft auf deutschem Boden, damals 2002 in München. Claudia Gesell spürte immer wieder mal, wie sie auch ob ihrer Herkunft milde belächelt wurde. Es schien fast, als wundere man sich, wie eine Einzelkämpferin aus der Oberpfalz, deren Elternhaus in Neualbenreuth steht, die in Amberg zur Schule ging und seit langem und bis heute in Regensburg lebt, mit ihrem Vater als Trainer in die Weltklasse über 800 Meter vordringen konnte. Doppelte Junioren-Weltmeisterin 1996, zweimal bei Olympia (2000 und 2004), EM-Fünfte – eben in ihrer Studienstadt München – und WM-Fünfte (2003) waren ihre internationalen Erfolge.

Wann die Oberpfälzer am Start sind

  • Benedikt Huber:

    Der 800-Meter-Mann von der LG Telis Finanz Regensburg ist am Donnerstag (9. August) als Erster aus dem Oberpfalz-Quintett an der Reihe. Übersteht er den Vorlauf (11.30 Uhr) folgen am 10. August (19.32) und 11. August (20.30) Halbfinale oder vielleicht sogar das Finale.

  • Corinna Schwab:

    Die Ambergerin hat ihre Einsätze in der deutschen 4-x-400-Meter-Staffel – wenn sie denn nominiert wird – am 10. August (13.40) im Vorlauf und eventuell am 11. August im Finale (21.50).

  • Florian Orth:

    In einem Läuferfeld von rund 25 Läufern über 5000 Meter ist der 29-Jährige von der LG Telis Finanz am Samstagabend um 20.55 Uhr neben Richard Ringer und Marcel Fehr einer von drei deutschen Startern.

  • Philipp Pflieger und Jonas Koller:

    Die beiden Marathonis der LG Telis Finanz Regensburg beschließen die Oberpfälzer Auftritte am Schluss-Sonntag der Leichtathletik-Europameisterschaft ab 10 Uhr. Start und Ziel des Marathons befinden sich am Breitscheidplatz.

Inzwischen hat sich das Bild der Oberpfalz geändert, ja es muss ich geändert haben. Zwar ist das Verhältnis des Vorzeigeklubs LG Telis Finanz um den Chefstrategen Kurt Ring zu den Verbandsoberen traditionell angespannt, doch seit Jahren stellen die Regensburger reihenweise EM-Starter – auch in der nächsten Woche wieder bei der erst dritten EM in Deutschland ab Montag in Berlin. Vier Regensburger Starter in Helsinki 2012, zwei in Zürich und gar sechs Starter 2016 in Amsterdam – man hat sich an solche sportlichen Erfolgsmeldungen gewöhnt. Auch 2018 bei der so reizvollen Heim-EM stellen die Blauen aus Regensburger, wie sie wegen ihrer Trikotfarbe genannt werden, mit den Marathonläufern Philipp Pflieger und Jonas Koller sowie 800-Meter-Meister Benedikt Huber und dem unverwüstlichen 5000-Meter-Mann Florian Orth wieder ein Quartett.

Frisches Blut aus Amberg

Die Überfliegerin: Noch als Jugendliche schaffte Corinna Schwab den Sprung zur EM. Foto: Theo Kiefner
Die Überfliegerin: Noch als Jugendliche schaffte Corinna Schwab den Sprung zur EM. Foto: Theo Kiefner

Dazu kommt – ziemlich überraschend – mit Corinna Schwab frisches Blut vom TV Amberg. Die 19-Jährige nutzte eine Woche, nachdem sie im finnischen Tampere mit der deutschen 4-x-100-Meter-Staffel Weltmeisterin geworden war bei den deutschen Meisterschaften in Nürnberg clever ihre Chance als Dritte und gehört zu einem siebenköpfigen Aufgebot für die Staffel in ihrer Spezialdisziplin 400 Meter. Ob Schwab den Sprung auf die berühmte blaue Bahn in Berlin schafft, ist offen. „Alle sieben haben die gleichen Chancen“, sagt Schwab, die sich schon seit Dienstag in der Sportschule Kienbaum vorbereitet. „Klar ist nur, dass eine der sieben nicht zum Einsatz kommt, weil man vom Vorlauf zum Endlauf ja nur zwei Positionen verändern kann.“

Der Marathon-Youngster: Der gebürtige Äthiopier Jonas Koller läuft für die LG Telis Finanz. Foto: Theo Kiefner
Der Marathon-Youngster: Der gebürtige Äthiopier Jonas Koller läuft für die LG Telis Finanz. Foto: Theo Kiefner

Und es hätte sogar noch besser kommen können. Bei den Regensburger Marathon-Frauen flossen Tränen: Erst musste Franziska Reng einsehen, dass ein Virus ihre Vorbereitung so beeinträchtigt hatte, dass nichts mehr zu retten war, dann sagte auch Olympiastatertin Anja Scherl frustriert ab, weil die eine Verletzung zwar abgeklungen war, aber im Höhentrainingslager von St. Moritz eine andere auftauchte. Dazu hatte mit Katrin Fehm eine zweite Ambergerin in ihrem ersten Jahr in der Frauenklasse das Pech, dass sie zwar ihre Bestleistung explosionsartig auf die exakte EM-Norm von 23,15 Sekunden verbessert hatte, aber eben fünf andere Sprinterinnen die Vorgabe auch erfüllten. Dazu schrammte die junge Regensburger Langstrecklerin Miriam Dattke hauchdünn am Aufgebot vorbei.

Der Rebell: Philipp Pflieger führte einen Rechtsstreit wegen eines Doppelstarts.Foto: Malte Christians/dpa
Der Rebell: Philipp Pflieger führte einen Rechtsstreit wegen eines Doppelstarts.Foto: Malte Christians/dpa

Egal, die kleine Oberpfalz wirkt im deutschen Rekordaufgebot der EM-Geschichte mit den 125 deutschen Startern ganz groß – auch wenn keiner aus dem Quintett zu den heißen deutschen Medaillenkandidaten zählt. Geschichten haben sie alle zu erzählen. Da ist zum Beispiel die von Philipp Pflieger, der sich sportlich sogar einen Doppelstart erkämpft hatte und eigentlich gerne am Dienstagabend bei der zweiten EM-Entscheidung über 10 000 Meter am Start hätte stehen wollen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) nicht, Pflieger schon – und eine Klage vor Gericht scheiterte erst unlängst und raubte im EM-Vorfeld. Pflieger, der sich eigentlich längst von der Bahn auf die Straße verabschiedet hatte, hatte einen Präzedenzfall schaffen wollen – nicht nur für sich („Mit 31 wird es so eine Chance für mich nicht mehr geben“), sondern auch für andere. Zunächst wollte er sogar auch den Marathon absagen, wurde vom Umfeld aber zur Umkehr bewegt: „Es hat sich erst nicht richtig angefühlt. Jetzt muss ich mich in den Modus der Bereitschaft, alles zu geben, zurückkämpfen.“

Dem Meister ging der Urlaub aus

Der Dauersieger: Benedikt Huber ist seit drei Jahren deutscher Meister über 800 Meter. Foto: Christian Brüssel
Der Dauersieger: Benedikt Huber ist seit drei Jahren deutscher Meister über 800 Meter. Foto: Christian Brüssel

Auch Benedikt Huber hatte schon fast aufgegeben. „Ich war kurz davor, den Stecker zu ziehen“, sagt der spät entdeckte Oberbayer, der vor zwei Jahren bei der EM in Amsterdam den Endlauf nur knapp verfehlt hatte. „Ich stehe in der europäischen Bestenliste auf Rang 17, 16 kommen ins Halbfinale“, sagt der 28-Jährige zur nominellen Lage. Übrigens ist auch er ein Produkt des Willens: Für die Europameisterschaft nimmt der deutsche 800-Meter-Meister der letzten drei Jahre unbezahlten Urlaub nehmen. „Die Urlaubstage sind mir ausgegangen“, sagt er und spricht von „null Förderung. Dabei verzichte ich schon auf viel, weil ich ja nur Teilzeit arbeite“, sagt Huber und konnte zumindest den Kienbaum-Aufenthalt um einen Tag verkürzen, wo auch die Regensburger am Samstag einrücken, unter anderem um bei den Medientagen zur Verfügung zu stehen.

Der EM-Routinier: Für Florian Orth ist Berlin die vierte Europameisterschaft in Folge. Foto: Theo Kiefner
Der EM-Routinier: Für Florian Orth ist Berlin die vierte Europameisterschaft in Folge. Foto: Theo Kiefner

Oder Florian Orth, der Dauerbrenner, der seit 2011 bei allen Hallen- wie Freiluft-Europameisterschaften dabei – bis auf Belgrad 2017, wo er ebenfalls wegen Händel mit dem Verband absagte. Jetzt schrieb er Geschichte, indem er am Vortag der DM in Belgien die Norm auf den letzten Drücker lieferte und sich in Nürnberg als Vizemeister ins Team lief. Mal sehen, welche Geschichten in Berlin folgen.

Der Autor Claus Wotruba: Die Fachkundigkeit des Publikums beeindruckt den Sportredakteur jedes Mal neu. Die EM 1986 in Stuttgart hat er kurz vor seinem Einstieg ins Berufsleben als Fan erlebt. Die 2002 in München besuchte er im MZ-Auftrag – wie jetzt auch Berlin nach der WM 2009 wieder.

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