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Fussball

Videobeweis sorgt weiter für Tohuwabohu

Der Fußballfeldversuch droht zum Saisonende aus dem Ruder zu laufen. Debatten um den elektronischen Assistenten ufern aus.
Von Heinz Gläser

Die ominöse Szene: Schalkes Franco Di Santo nimmt in der Nachspielzeit des Pokalhalbfinales den Ball an – mit dem Oberarm oder mit der Brust? Der Ausgleichstreffer zählt nicht, der Videobeweis wird aber in diesem Fall nicht bemüht. Referee Robert Hartmann hatte schon abgepfiffen. Foto: Bernd Thissen/dpa
Die ominöse Szene: Schalkes Franco Di Santo nimmt in der Nachspielzeit des Pokalhalbfinales den Ball an – mit dem Oberarm oder mit der Brust? Der Ausgleichstreffer zählt nicht, der Videobeweis wird aber in diesem Fall nicht bemüht. Referee Robert Hartmann hatte schon abgepfiffen. Foto: Bernd Thissen/dpa

Regensburg.Es klang nach Durchhalteparole und blieb leider ein frommer Wunsch. „Das ziehen wir jetzt alle gemeinsam durch. Ich denke, es ist in der Rückrunde bereits deutlich ruhiger geworden um das Thema“, sagte Anfang März Rouven Schröder. Damals konnte der Sportvorstand des 1. FSV Mainz 05 nicht ahnen, dass ausgerechnet sein eigener Klub die Debatte wieder so richtig befeuern würde.

Das Thema Videobeweis in der Fußball-Bundesliga nimmt noch einmal enorm Fahrt auf, je näher das Saisonende rückt. Zunächst der kuriose Halbzeit-Elfmeter beim Montagspiel Mainz gegen Freiburg (2:0), dann nicht enden wollende Diskussionen nach dem Pokalhalbfinale Schalke – Frankfurt (0:1): Aktuell scheint die Situation zu eskalieren. Ein Fußballfeldversuch droht aus dem Ruder zu laufen, es herrscht Tohuwabohu im Videoland.

Falsche Wahrnehmung

Das Rumoren war schon in der Hinrunde unüberhörbar, weshalb DFB-Chef Reinhard Grindel im November höchstpersönlich im sonntäglichen Fußball-Hochamt „Doppelpass“ des TV-Senders Sport1 zur Klarstellung schritt – und lediglich neue Verwirrung stiftete. „Der Video-Beweis soll zunächst einmal bei Szenen eingreifen, die der Schiedsrichter gar nicht gesehen hat und deshalb keine Entscheidung treffen konnte. Darüber hinaus aber eben auch bei Szenen, die er nach seiner Wahrnehmung klar sieht und bewertet, der Video-Assistent nach wenigen Sekunden aber anhand der TV-Bilder erkennt, dass der Schiedsrichter mit seiner Wahrnehmung und damit seiner Entscheidung klar falsch lag. Aber die Betonung liegt auf klar falsch“, dekretierte Reinhard Grindel.

Die ominöse Geste – hier von Schiedsrichter Bastian Dankert
              Foto: Carmen Jaspersen/dpa
Die ominöse Geste – hier von Schiedsrichter Bastian Dankert Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Klarheit herrschte damit offenbar mitnichten, zumindest nicht im Kölner Videokeller, wo die Szenen bewertet werden. Der vorweihnachtliche Höhepunkt der Konfusion war am 16. Dezember das 3:3 des FC Augsburg gegen den SC Freiburg, bei dem Referee Christian Dingert auf eine Einflüsterung des Videoassistenten hin einen Foulelfmeter zugunsten der Schwaben zurücknahm, weil etwa eine halbe Minute zuvor FCA-Stürmer Alfred Finnbogason den Ball im Mittelfeld verbotenerweise mit der Hand gespielt hatte. Was umgehend die brisante Frage aufwarf: Hat nicht auch eine falsche Einwurf-Entscheidung in der achten Minute zumindest indirekt und irgendwie Einfluss auf die Szene in der 23. Minute, in der ein Tor fällt?

Nur noch bei glasklaren Fehlern?

Rouven Schröder hatte insofern recht, als nach der Winterpause vorübergehend eine deutliche Tendenz erkennbar war, den Videobeweis nur noch bei glasklaren Fehlern zu bemühen. Inzwischen jedoch bricht sich der offensichtlich ausgeprägte Gerechtigkeitssinn hierzulande wieder ungehemmt Bahn. Exemplarisch zu besichtigen am 7. April beim Duell der Gladbacher mit der Berliner Hertha. Die Hausherren jubeln in der 54. Minute über den vermeintlichen Ausgleich durch Patrick Herrmann, aber Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus bemüht nach einem Tipp aus Köln den Videobeweis. Das Tor zählt doch nicht. Das unbestechliche elektronische Assistent enthüllt: Vorlagengeber Thorgan Hazard stand Millimeter im Abseits.

Mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar. Eine – in Grindels Sinne – klar falsche Entscheidung von Bibiana Steinhaus? Die Gladbacher Fans sind in diesem Fall Fußballvolkes Stimme. Sie brüllen: „Scheiß DFB! Ihr macht unseren Sport kaputt!“

Und nun also der groteske Halbzeit-Elfmeter in Mainz, vor dem Schiedsrichter Guido Winkmann nach einem Wink von Bibiana Steinhaus aus dem Kölner Keller beide Teams aus der Kabine zurück aufs Spielfeld zitierte. „Der Gipfel der Absurdität“, wie die „Welt“ urteilt.

Tipp aus dem Keller: Ein Operator sitzt in Köln vor dem Monitor. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Tipp aus dem Keller: Ein Operator sitzt in Köln vor dem Monitor. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Das Pokalhalbfinale schreibt den Unfug fort. Die heißen Debatten drehen sich um zwei Szenen, die ohne Wenn und Aber dem Ermessensspielraum des Schiedsrichters zuzuordnen sind. Der Schweizer Gelson Fernandez sieht nach seiner Einwechslung bei seiner ersten Aktion nach 33 Sekunden für ein Foul an Leon Goretzka zunächst Gelb. Dann folgt der Videobeweis, der Frankfurter fliegt vom Platz. War die Verwarnung, die Referee Robert Hartmann aussprach, eindeutig falsch, weil als Bestrafung zu milde?

Raub der Emotionen

Darüber lässt sich trefflich streiten, ebenso über das aberkannte Ausgleichstor des Schalkers Franco Di Santo in der Nachspielzeit. „Vielleicht war es nicht hundertprozentig Hand. Aber meiner Meinung nach war es Hand“ – schöner als Eintracht-Torhüter Lukas Hradecky kann man es nicht ausdrücken.

WM: Fifa will im Stadion informieren

  • Der Weltverband Fifa

    will den Fans in den Stadien und an den Bildschirmen während der Weltmeisterschaft in Russland im Sommer genau erklären, warum der Videobeweis zum Einsatz gekommen ist.

  • „Natürlich wissen wir,

    dass Kommunikation innerhalb und außerhalb des Stadions wichtig ist“, sagte Sebastian Runge, der bei der Fifa für Innovationen zuständig ist, am Mittwoch während des Seminars für WM-Schiedsrichter in Florenz. „Wir werden Grafiken und Wiederholungen auf den riesigen Bildschirmen haben – und wir werden die Fans über den Ausgang eines Videobeweises und die Überprüfung informieren.“ (dpa)

Der naheliegende Videobeweis kann indes in dieser spielentscheidenden Szene nicht bemüht werden. Hartmann hatte schon während Di Santos Aktion abgepfiffen. Die Frankfurter hätten also jederzeit argumentieren können, sie hätten nach dem Pfiff nicht mehr mit vollem Einsatz weitergespielt. Aber hätte sich Hartmann korrigiert, obwohl er in unmittelbarer Nähe stand und freie Sicht hatte?

Egal ob bei den Klubs oder den Fans – es herrscht Uneinigkeit darüber, ob der Videobeweis den Fußball wirklich besser macht. Er hat weiterhin seine Anhänger, denen TV-Kommentator ‚Marcel Reif eine Stimme gibt: „Wir können uns doch nicht blind stellen!“ Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic brachte es jedoch am Mittwochabend nach dem Abpfiff auf den Punkt: „Das ist nicht mehr mein Fußball.“

Wenn die Testphase eines sicher erwiesen hat, dann dies: Der Videobeweis raubt diesem Sport ein zentrales atmosphärisches Element: die unmittelbaren Emotionen. Ekstatischen Torjubel gibt’s seit dieser Saison nur noch unter Vorbehalt.

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