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Afrika-Cup

„Wahnsinnige ruinieren Ruf des Turniers“

„Welttorhüter“ Lutz Pfannenstiel aus Zwiesel zieht im MZ-Interview eine Bilanz des Afrika-Cups, den Krawalle überschatten.
Von Heinz Gläser, MZ

  • „Welttorhüter“ Lutz Pfannenstiel kommentierte den Afrika-Cup vor Ort als Experte im Fernsehsender Eurosport. Foto: dpa
  • Chaotische Szenen: Ein Polizeihubschrauber kreist während des Halbfinales zwischen Gastgeber Äquatorialguinea und Ghana über den Rängen des Stadions von Malabo. Foto: dpa

Bata.„Welttorhüter“ Lutz Pfannenstiel kommentierte den Afrika-Cup vor Ort als Experte im Fernsehsender Eurosport. Der 41-Jährige aus Zwiesel ist der weltweit erste Fußballspieler, der in jedem der sechs anerkannten Kontinentalverbände einem professionellen Fußballverein angehörte.

Herr Pfannenstiel, die schweren Zuschauerkrawalle im Halbfinale zwischen Gastgeber Äquatorialguinea und Ghana überschatten das Turnier. Der Afrika-Cup hat sein Image als chaotische Veranstaltung leider wieder einmal untermauert, oder?

Lutz Pfannenstiel: Stimmt, und ich finde das traurig. Angesichts des extrem kurzen organisatorischen Vorlaufs war das Turnier zuvor eigentlich überraschend problemlos über die Bühne gegangen. Aber bereits als sich Tunesien im Viertelfinale gegen Äquatorialguinea betrogen fühlte, war es zu Jagdszenen auf dem Platz gekommen. Der Elfmeter für die Gastgeber war eine skandalöse Entscheidung, ganz schwach vom Schiedsrichter.

Und wie kam es zu den Unruhen im Halbfinale?

Die waren dann der Gipfel, mit Hubschrauber- und Tränengaseinsatz, wirklich krass. Und die Krawalle waren völlig unverständlich angesichts des klaren 3:0-Vorsprungs der Ghanaer. Ein berechtigter Elfmeter für Ghana war wohl der Auslöser, die Trainer und die Spieler von Äquatorialguinea haben anschließend ständig reklamiert. Die aufgeheizte Stimmung übertrug sich auf die Tribüne, dort entwickelte sich eine unkontrollierbare Situation. Die Fans von Äquatorialguinea drehten total durch, warfen mit Flaschen, Steinen, allem Möglichen.

Sie waren in Malabo im Stadion. Hatten Sie Angst?

Nein, ich bin in dieser Beziehung ja einiges gewohnt. (lacht) Aber der Wind hat die Tränengasschwaden auf die Pressetribüne getragen, und einige Kollegen, unter anderem von der BBC, haben etwas abbekommen. Dass das Spiel dann nach 35-minütiger Unterbrechung nochmals provisorisch angepfiffen wurde, war völlig unverständlich, ja sogar verwerflich – angesichts der kriegsähnlichen Zustände, die zu diesem Zeitpunkt außerhalb des Stadions herrschten.

Der Afrika-Cup 2015 stand ja von Anfang an unter keinem guten Stern. Marokko, der ursprünglich vorgesehene Gastgeber, hatte sich wegen der Ebola-Seuche kurzfristig zurückgezogen. Äquatorialguinea, das weltweit als Unrechtsstaat in der Kritik steht, sprang ein. Eine kluge Wahl?

Natürlich ist immer die Frage, ob man ein Turnier in so einem Land veranstaltet. Aber man muss sehen, was für den afrikanischen Fußballverband CAF auf dem Spiel stand, auch finanziell. In Europa klatscht du in so einer Situation in die Hände, und zehn mögliche Ausrichter stehen parat. In Afrika gibt es höchstens eine Handvoll Länder, die das kurzfristig stemmen können. In Äquatorialguinea waren durch das Turnier 2012 (gemeinsam mit Gabun/d. Red.) die Infrastruktur und die Stadien vorhanden. Das Land hat angesichts der widrigen Umstände das Maximum herausgeholt. Umso blöder ist es, dass jetzt wieder die Gewaltszenen in den Köpfen der Leute hängen bleiben. Ein paar Wahnsinnige ruinieren den Ruf des Turniers.

Kommen wir zum Sportlichen: Sie beobachten das Turnier seit langen Jahren. Welche Entwicklungen haben diesen Afrika-Cup geprägt?

Taktisch agieren immer mehr Mannschaften sehr europäisch, extrem diszipliniert. Die Trainer geben ihren Teams ein klares Konzept vor. Natürlich leidet darunter die Spontaneität, das Spiel ist nicht mehr so variabel. Tunesien beispielsweise spielt fast schon italienisch, brutal ergebnisorientiert. Aber das trifft in ähnlicher Form auch auf die Elfenbeinküste, die Kapverden oder Kongo-Brazzaville zu. Gegen die würden sich auch starke europäische Mannschaften schwertun. Die stehen auf dem Platz, als hätten sie mit dem Lineal die idealen Abstände zwischen Mittelfeld und Abwehr gemessen und festgelegt.

Sie sind Scout des Fußball-Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim. Haben Sie hoffnungsvolle Talente bei diesem Afrika-Cup gesehen?

Nein. In diesem Turnier stachen die Profis heraus, die schon in Europa spielen. Da geht es eher darum, dass sich ein Spieler, der beispielsweies in Belgien unter Vertrag steht, für einen Wechsel in eine der großen europäischen Ligen empfiehlt. Generell kann man sagen, dass es in den Zeiten der sozialen Netzwerke und der flächendeckenden Scouting-Systeme kaum mehr möglich ist, bei diesem Turner zwei oder drei Rohdiamanten zu entdecken, die zuvor noch keiner auf der Rechnung hatte.

Haben Sie in Äquatorialguinea auch die Angst vor der Ebola-Seuche gespürt?

Klar. Bei der Einreise und vor dem Betreten jedes Stadions wurde die Körpertemperatur kontrolliert. Das Land hatte sich auf dieses Problem relativ gut vorbereitet.

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