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Fussball

WM: Viel fliegen – für die Gerechtigkeit

Fußball-Teams werden bei Weltmeisterschafts-Endrunden kreuz und quer durchs Land geschickt. Warum eigentlich?
Von Jürgen Scharf

Rein in den Flieger, auf nach Brasilien: die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor dem Abflug zur Endrunde 2014 Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Regensburg.Bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien hatte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ein „eigenes“ Stadion. Der Spielplan der Endrunde in Italien machte es möglich, dass der spätere Weltmeister alle drei Gruppenspiele sowie das Achtel- und Viertelfinale im Mailander Giuseppe-Meazza-Stadion absolvierte. Tausende deutsche Fans begleiteten das Team. Viele blieben gleich die ganze Zeit, machten am Gardasee Urlaub und schauten sich im nahen Mailand die Spiele der deutschen Mannschaft an. Um 16 Jahre später, bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land, alleine die ersten fünf Spiele der deutschen Mannschaft sehen zu können, hätten dieselben Fans knapp 2000 Kilometer zurücklegen müssen.

Von München nach Dortmund, dann nach Berlin, dann wieder nach München, dann wieder nach Berlin, dann wieder nach Dortmund – und zum Abschluss noch nach Stuttgart. So sah die Reiseroute des deutschen Teams bei der WM daheim aus. Für Fans, die alle sieben Spiele sehen wollten, bedeutete das: viel reisen – um genau zu sein, mehr als zweieinhalbtausend Kilometer. Acht Jahre später, als die deutsche Mannschaft beim Turnier in Brasilien Weltmeister wurde, mussten ihre Fans bereits knapp 2000 Kilometer zurücklegen, um alleine die ersten drei Gruppenspiele besuchen zu können. Eine Belastung für den Geldbeutel – und aufgrund der durch die Flüge gestiegenen CO2-Emissionen auch für die Umwelt.

„Die Vermarktung, der Kommerz“

Dr. Christian Magerl ist Grünen-Politiker und seit 2008 Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt und Gesundheit im bayerischen Landtag. Er hat zu den mittlerweile großen Entfernungen bei Weltmeisterschafts-Endrunden eine klare Meinung: „Diese CO2-Emissionen in der Vorrunde könnte man sicherlich einsparen. Das hätte es nicht gebraucht. Es sind ja nicht nur die Mannschaften. Da hängt ja immer ein ganzer Tross daran, Fans und Journalisten etwa, die dann alle hinterhereisen.“ Magerl glaubt, „dass die Vermarktung, der Kommerz dahinter steckt – dass jede Stadt etwas vom Kuchen abbekommen will“.

Und auch die Protagonisten selbst melden sich zu Wort. Die brasilianische Nationalmannschaft muss im kommenden Sommer bei der Endrunde in Russland für die ersten drei Spiele insgesamt mehr als 7000 Kilometer zurücklegen. „Das gefällt mir nicht“, erklärte deren Coach Tite.

„Es sind ja nicht nur die Mannschaften. Da hängt ja immer ein ganzer Tross daran, Fans und Journalisten etwa, die dann alle hinterhereisen.“

Dr. Christian Magerl

Seit 1930 werden Fußball-Weltmeisterschaften ausgetragen. Sie sind neben den Olympischen Spielen das größte Sportereignis der Welt. Das Interesse daran ist riesig. Es wird geschätzt, dass bei den letzten Turnieren weltweit etwa eine Milliarde Menschen die Endspiele am Fernseher verfolgten. Für viele Fußball-Fans ist es ein Traum, bei einer Endrunde die Spiele ihrer Mannschaft live im Stadion sehen zu können. Mittlerweile müssen sie dabei aber nicht mehr nur Tickets und Unterkünfte in ihre Budgetplanung einbeziehen, sie müssen sich auch auf Mehrkosten durch Vielfliegerei einstellen.

Seit 1990 ist nämlich irgendwie alles anders. Bis dahin mussten die Mannschaften in der Gruppenphase der Endrunden normalerweise relativ wenig reisen. Jede Gruppe hatte zumeist maximal zwei Spielorte, die geografisch zudem so nah wie möglich aneinander lagen. Teilweise konnte der Gruppenerste dann auch noch mehrere Partien der nachfolgenden K.o.-Runde in derselben Stadt wie in der Vorrunde spielen – wie etwa Deutschland in Italien.

Mittlerweile – und 2018 auch in Russland – haben die Mannschaften bereits in der Gruppenphase der Endrunde meistens drei verschiedene und oft sehr weit auseinander liegende Spielorte. Beim kommenden Turnier in Russland wird die Vielfliegerei sogar einen vorläufigen Höhepunkt erreichen. Die deutsche Mannschaft wird für die drei Spiele in der Vorrunde in Moskau, Sotschi und Kasan alleine mehr als 4000 Kilometer zurücklegen müssen, um zu den Spielorten und jeweils wieder zurück zu ihrem Quartier in der Nähe von Moskau zu kommen. Andere Mannschaften haben noch größere Distanzen vor sich. Die ägyptische Nationalmmanschaft schlägt ihr Teamquartier in Grosny in Tschetschenien auf. Um in der Vorrunde zu den drei Spielorten und zurück zu kommen wird das Team insgesamt knapp 10 000 Kilometer zurücklegen.

„Niemand benachteiligen“

Warum das alles? Die Mittelbayerische hat beim Fußball-Weltverband Fifa nachgefragt. Ein Sprecher verweist bei seiner Antwort zunächst darauf, dass „jede Ausgabe der Fifa-Weltmeisterschaft, auch wegen der spezifischen Bedingungen in den jeweiligen Gastgeberländern, immer ihren eigenen Charakter gehabt habe, auch bei den Entfernungen zwischen den gastgebenden Städten“. Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass seit 1998 32 Mannschaften an der Endrunde teilnehmen, was eine größere Anzahl von Stadien erfordere. Zudem müsse das Turnier sowohl in Ländern mit großen Entfernungen – etwa 2014 Brasilien oder nun Russland – wie auch mit kurzen wie 2022 in Katar durchgeführt werden. Im Laufe des Turniers solle aber keine Mannschaft „bevor- oder benachteiligt“ werden – etwa bei den logistischen Anforderungen ihrer Reisen oder bei den Spielstätten. Bei der Entwicklung des Spielplans müsse also eine „Vielzahl an Parametern und eine Vielzahl von Interessensvertretern“ berücksichtigt werden.

Aber wird durch diese Strategie nicht die Umwelt durch höhere CO2-Emissionen unnötig belastet? Die Fifa räumt hierzu unumwunden ein, dass es unmöglich sei, eine Veranstaltung dieser Große durchzuführen, ohne dass es Auswirkungen auf die Umwelt hätte. Deswegen habe der Fußball-Weltverband diverse Projekte mit konkreten Maßnahmen gestartet, um negative Auswirkungen zu minimieren beziehungsweise auszugleichen. Die Fifa verweist darauf, dass etwa bei der WM in Brasilien vor vier Jahren „vier zertifizierte klimafreundliche Entwicklungsprojekte in verschiedenen Regionen Brasiliens unterstützt“ habe, mit der die gesamten CO2-Emissionen, die direkt mit der Austragung des Turniers entstanden sind, kompensiert worden sein sollen. Diese Maßnahmen werden von Christian Magerl als „gewisser Ausgleich“ bewertet: „Das Ideale wäre aber natürlich, die CO2-Emissionen von vornherein zu vermeiden. Vermeiden ist immer das Beste.“

Ute Brümmer, Sprecherin der in Berlin sitzenden Heinrich-Böll-Stiftung, die sich mit ökologischen Themen beschäftigt, sagt zu den Ausgleichsmaßnahmen, dass es „dazu selbst bei uns im Haus verschiedene Meinungen gibt. Die einen sagen, das ist wie moderner Ablasshandel. Zuerst etwas schlechtes machen, um es dann wieder gut zu machen. Andere bei uns sagen, dass dadurch überaus sinnvolle Projekte in der gesamten Welt unterstützt werden. Das ist auch meine persönliche Meinung“.

„Es ist eher positiv, dass es nicht zu langweilig wird, wenn man wieder auf Reisen geht.“ DFB-Physiotherapeut Klaus Eder

Dass auch die Hauptfiguren eines Fußball-Turniers, die Spieler, Belastungen durch die vielen und langen Reisen ausgesetzt sind, ist der Fifa nach eigener Aussage übrigens bewusst. Deswegen habe der Verband ein Auge darauf, dass es stets genügend Ruhetage zwischen den Spielen gebe und es sichergestellt sei, dass die Mannschaften unter den besten Bedingungen reisen können.

Etwas Abwechslung in den Alltag

Klaus Eder, Physiotherapeut der deutschen Mannschaft, berichtet, dass auch der Deutsche Fußball-Bund dafür sorgt, „dass wir beim Reisen optimale Bedingungen haben“. Es werde auf viele Details geachtet, etwa auf genügend Beinfreiheit bei den Sitzen, damit die Spieler nicht unnötig belastet werden, erzählt der Regensburger: „Für Knochen und Muskeln ist das deswegen auch kein großer Stress.“ Und auch mental werde die Fliegerei Eder zufolge „nicht als großes Handicap“ erlebt: „Es bringt sogar etwas Abwechslung in den Trainingsalltag. Es ist eher positiv, dass es nicht zu langweilig wird, wenn man wieder auf Reisen geht.“

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