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Auftakt

Ein Rio-Trio eröffnet EM-Perspektiven

Kroos, Neuer und Boateng sind beim 2:0-Sieg gegen die Ukraine die Erfolgsgaranten. Und spät gesellt sich Schweinsteiger dazu.
Von Heinz Gläser, MZ

Innenverteidiger Jerome Boateng sorgt mit seiner spektakuläre Rettungsaktion in Manuel Neuers Tor für Gesprächsstoff.
Innenverteidiger Jerome Boateng sorgt mit seiner spektakuläre Rettungsaktion in Manuel Neuers Tor für Gesprächsstoff. Foto: Imago

Evian-Les-Bains.Fragezeichen bleiben. Aber immerhin: „Wir sind natürlich schlauer“, bilanzierte Toni Kroos zu mitternächtlicher Stunde im Bauch des Stade Pierre Mauroy in Lille. Diesen größtenteils positiven Erkenntnisgewinn nahm die Mannschaft mit aus dem verregneten Nordfrankreich ins chronisch verregnete EM-Quartier nach Evian, wo die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am Montagmorgen um vier Uhr eintraf.

Dabei hatte es beim 2:0 (1:0)-Auftaktsieg gegen die Ukraine in der Vorrundengruppe C Phasen gegeben, die den Gesamteindruck fast verhagelt hätten. Nach einem ebenso konstruktiven wie beschwingten Beginn sowie der bis dahin verdienten Führung durch den Kopfballtreffer von Shkodran Mustafi (19. Minute) drohte das deutsche Spiel Mitte der ersten Hälfte zu zerbröseln. Die Osteuropäer nutzten primär die Standardsituationen, um die Schützlinge von Bundestrainer Joachim Löw von einer Verlegenheit in die andere zu stürzen.

Eindruck fast verhagelt

Drei Weltmeistern war es zu verdanken, dass sich das Ungemach nicht im Resultat niederschlug. Neben Real-Mittelfeldstar Kroos, der gewohnt umsichtig die Spielzüge einleitete und sortierte, untermauerte Welttorhüter Manuel Neuer, von Löw zum Kapitän befördert, mit spektakulären Paraden seinen ohnehin tadellosen Ruf. 50 Siege in 66 Länderspielen stehen für den 30-Jährigen nun zu Buche, zum 27. Mal stand dabei für Neuer die Null.

„Gut, wenn man einen Jerome als Nachbarn hat. Das hat er klasse gemacht!“

Joachim Löw, DFB-Bundestrainer

Abermals Verlass war auch auf Jerome Boateng in der Abwehrzentrale. Spektakulär war die Rettungstat des 27-Jährigen, als er den Ball im Rückwärtslaufen von der Linie kratzte und anschließend das Tor- als Fangnetz nutzte. „Gut, wenn man einen Jerome als Nachbarn hat. Das hat er klasse gemacht“, spendierte Löw ein Sonderlob für die akrobatische Aktion.

Diese Aussage mit politischen Implikationen kam überraschend. Löws verbale Spitze galt AfD-Vize Alexander Gauland, der im Vorfeld der EM schwadroniert hatte, Deutsche würden Boateng zwar als Nationalspieler schätzen, sie würden aber nicht neben „einem Boateng“ wohnen wollen. Die anschließende hitzige öffentliche Diskussion, so war aus dem DFB-Lager in Evian mehrfach zu hören, sei in der EM-Vorbereitung nicht hilfreich und eigentlich unerwünscht gewesen. Der Bundestrainer griff in Lille dennoch ungefragt das Thema auf.

Hier sehen Sie die spektakuläre Rettungstat von Boateng im Video:

Lesen Sie hier: Boateng äußert sich zu Gauland-Zitat

Das Rio-Trio mit Kroos, Neuer und Boateng erhielt in den letzten Spielminuten sogar noch Zuwachs. Bastian Schweinsteiger, der über die gesamte vergangene Spielzeit meist malade etatmäßige Kapitän, krönte seinen Kurzeinsatz mit dem 2:0 in der Nachspielzeit. „Unglaublich, dass es so etwas gibt, das kann man sich nur wünschen“, strahlte der in Ehren ergraute Routinier. Lang, lang war’s her: Schweinsteigers bislang letztes Turniertor datierte von der EM 2008, als ihm 23-jährig im St.-Jakobs-Park von Basel das 1:0 beim 3:2-Halbfinalerfolg gegen die Türkei geglückt war.

„Unglaublich, dass es so etwas gibt, das kann man sich nur wünschen.“

Bastian Schweinsteiger

„Es freut mich, dass er nach all der Schufterei in den letzten Monaten das 2:0 erzielt hat. Das gibt ihm und uns allen Auftrieb“, sagte Löw. Ob Schweinsteigers Kraftakt beim Sprint über die rechte Seite bis hin zum erfolgreichen Abschluss per Abstauber als Fingerzeig für seine weitere Entwicklung im Turnierverlauf dienen kann, bleibt indes dahingestellt. Er sei schon „außer Atem“ gewesen, gestand der 31-Jährige und fügte optimistisch hinzu: „Die Verletzung ist ausgeheilt. Ich hoffe, dass ich peu à peu mehr spielen kann.“

Bastian Schweinsteiger freute sich über sein gelungenes Comeback:

„Spiel klar dominiert“

Löws Fazit fiel insgesamt so aus: „Es war ein sehr interessantes, laufintensives Spiel. In der ersten Halbzeit haben wir einige Bälle verloren und sind in Konter gelaufen. In der zweiten Halbzeit hatten wir eine gute Aufteilung, haben das Spiel klar dominiert gegen gut verteidigende Ukrainer. Insgesamt bin ich heute zufrieden.“

„Wir sind noch nicht da, wo wir hinmüssen, wenn wir das Turnier gewinnen wollen.“

Toni Kroos

Der erste Schritt ist also gemacht. Dr Stimmungsaufheller ist in Evian, wo weiterhin Regenwetter aufs Gemüt drückt und die EM-Vorbereitung schwer in die Gänge gekommen war, höchst erwünscht. DFB-Teammanager Oliver Bierhoff wies mit einigem Recht darauf hin, dass der 2:0-Erfolg zwar in seiner Entstehung mitunter etwas zäh war, dass aber bis Sonntagabend noch keinem EM-Teilnehmer in Frankreich ein Sieg mit zwei Toren Unterschied gelungen war. Aber auch folgende Feststellung trifft den Kern der Sache: „Wir sind noch nicht da, wo wir hinmüssen, wenn wir das Turnier gewinnen wollen“, sagte Toni Kroos, den die technische Kommission der Uefa zum „Man of the Match“ ausrief.

Steigerung dringend erwünscht

In der Tat: Eine Steigerung bleibt dringend erwünscht, am besten stellt sich diese gleich im nächsten Match gegen die Polen am Donnerstag (21 Uhr) im Pariser Stade de France ein. In der Offensive fanden Mesut Özil, Thomas Müller und Mario Götze gegen die kompakt stehenden und robusten Ukrainer wenig Zugriff aufs Spiel, lediglich Julian Draxler setzte sich einige Male in Szene. Defensiv eröffnet sich Löw derweil schneller als erwartet und erhofft eine personelle Alternative. Mats Hummels ist nach auskurierter Wadenblessur eventuell schon wieder für das Polen-Spiel eine Option. „Das wird für uns wieder ein harter Kampf werden“, sagte Löw mit Blick auf das potenzielle Gruppenfinale um Platz eins gegen Robert Lewandowski & Co. voraus.

Ein gutes Omen

Ansonsten dient der Auftakterfolg von Lille als gutes Omen für das Turnier. Zehn Jahre währt nun die Ära von Joachim Löw auf dem Chefsessel, und seit der EM 2008 kamen seine Mannschaften stets gut aus den Starlöchern. Fünf Siege mit insgesamt 13:0 Toren zeugen davon. Und immer standen die Löw-Teams mindestens im Halbfinale. In Frankreich soll das gewiss nicht die Endstation sein.

„Gläser unterwegs“: MZ-Sportchef Heinz Gläser berichtet im NewsBlog von seinen Erlebnissen bei der EM:

Sie fragen, unser Mann in Frankreich antwortet: Mailen Sie Ihre Fragen an online-redaktion@mittelbayerische.de!

Alles zur Fußball-EM in Frankreich lesen Sie hier.

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