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DFB-Mannschaft

Özil beansprucht den Feldherrnhügel

Bei der WM war Mesut Özil der Kuli der Mannschaft. Nun ist er der Liebling Löws, doch kann er Spiele entscheiden?
Von Heinz Gläser, MZ

Joachim Löws Liebling: Mesut Özil (links gegen Ukraines Andriy Yarmolenko) Foto: dpa
Joachim Löws Liebling: Mesut Özil (links gegen Ukraines Andriy Yarmolenko) Foto: dpa

Evian-les-Bains. Mesut Özil ist einsame Spitze, völlig unangefochten. Statistiken rufen ihn zum „Social-Media-Kapitän“ der deutschen Fußball-Nationalmannschaft aus. Mit 6,8 Millionen Followern auf Instagram und sage und schreibe 30,3 Millionen Facebook-Likes, jeweils Stand Anfang Juni, lässt der gebürtige Gelsenkirchener alle Teamkollegen weit hinter sich. Allein das Facebook-Foto, das ihn als Pilger in Mekka zeigt, erntete binnen weniger Stunden 1,6-Millionen „Gefällt-mir“-Klicks. Manuel Neuer, Jerome Boateng und Mario Götze folgen unter ferner spielten. Mesut Özils netzaffiner Gemeinde ist gewiss auch nicht entgangen, als Bundestrainer Joachim Löw kürzlich beim Ukraine-Spiel im Parterre nach dem Rechten sah.

Ständige Kritik

Und doch bleibt der scheinbar gläserne Star den Fans der DFB-Elf ein ewiges Rätsel. Wie so häufig bei großen Turnieren scheint die Tauchstation Özils bevorzugter Wohnsitz zu sein, wenn es darauf ankommt – so auch im ersten EM-Gruppenspiel am Sonntag in Lille. Den erklärten Löw-Liebling ficht die ständige Kritik nicht an, sagt er: „Es ist mein Ziel, auf dem Platz meine Leistung zu bringen. Es zählt für mich einzig das, was der Trainer will.“

An diesem Donnerstag (21 Uhr/ZDF) im Duell mit Polen bestreitet Mesut Özil im Pariser Stade de France mit gerade mal 27 Jahren sein 75. Länderspiel, er absolviert in Frankreich sein viertes Turnier. Löws Wunsch deckt sich mit dem der deutschen Fans: Der Jubilar möge doch endlich seine unbestrittene Genialität auf dem Platz zur Geltug bringen.

An Vorschlusslorbeeren fehlt es mal wieder nicht: „Mesut ist in einer überragenden Verfassung. Er hat überragende Fähigkeiten – wie kaum ein anderer Spieler auf der Position. Er ist für uns extrem wertvoll. Diese Technik und diese letzten Pässe sind einfach genial“, schwärmt Löw.

Özils letzter Pass, der sogenannte tödliche, war es am Sonntagabend auch, der dem Rekonvaleszenten Bastian Schweinsteiger den Weg zum entscheidenden 2:0 im Auftakt gegen die Ukraine ebnete. Da blitzten sie wieder auf, die Genialität und das feine linke Füßchen.

Bastian Schweinsteiger (links) wusste nach dem Spiel gegen die Ukraine, bei wem er sich bedanken muss. Foto: dpa
Bastian Schweinsteiger (links) wusste nach dem Spiel gegen die Ukraine, bei wem er sich bedanken muss. Foto: dpa

Vor zwei Jahren beim WM-Triumph in Brasilien hatte der Bundestrainer seinen Denker und Lenker freilich zum Kuli der Mannschaft degradiert. Er missbrauchte den Lieblingsschützling, um nach der Verletzung von Marco Reus taktische Löcher zu stopfen. Mesut Özil wirkte abwechselnd auf dem rechten und linken Flügel reichlich desorientiert, bisweilen auch unmotiviert, und er verdiente sich beim umjubelten Titelgewinn den zweifelhaften Titel des schwächsten deutschen Stammspielers bei diesem Turnier.

Ein Tor gelang ihm beim 2:1 nach Verlängerung im Achtelfinale gegen Algerien, eine Vorlage beim 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien. Özils Zahlen auf Instagram und Facebook lesen sich eindrucksvoller. „2014 hatte er so ein bisschen Schwierigkeiten, auch körperlich fit zu sein. Er hat trotzdem ein paar Spiele gemacht, die in Ordnung waren“, erläutert Joachim Löw, ganz nachsichtige Vaterfigur.

Höchstleistungen herauskitzeln

In Frankreich soll alles besser werden. Löw stachelt Özil verbal an, er will bei der Europameisterschaft erkennbar Höchstleistungen aus ihm herauskitzeln. „Heute hat Mesut Özil eine ganz andere Verfassung“, lobt er. Eine Verfassung wie bei der WM 2010 in Südafrika, als der junge Özil Leistungen auf den Platz zauberte, die ihm einen lukrativen Wechsel von Werder Bremen zu Real Madrid eintrugen.

„Mesut ist in einer überragenden Verfassung.“

Jogi Löw

Seit seinem 50-Millionen-Euro-Transfer in die englische Premier League zum FC Arsenal zur Saison 2013/14 wirkt der sensible Ballkünstler zunehmend robuster, auch mental. Mit 19 Torvorlagen verpasste er in der abgelaufenen Saison den Rekord der „Gunners“-Legende Thierry Henry nur knapp. 146 Chancen kreierte Özil für die Londoner. .„Der Spielstil ist gleich geblieben, das kannst du als Spieler nicht ändern“, sagt Özil. Doch er reklamiert nun den Feldherrnhügel im deutschen Spiel für sich, will als unumstrittener Gestalter und echte Zehn hinter der falschen Neun Mario Götze brillieren.

Verheerende Körpersprache

Glückt ihm das an schlechten Tagen nicht, strahlt alles an Mesut Özil Frust aus. Die Körpersprache ist verheerend, der 27-Jährige vermittelt den Eindruck, als wolle er die Begriffe Lustlosigkeit und Lethargie versinnbildlichen. Für den Nationalmannschaftsfanclub scheint aber nur der gute Mesut Özil zu existieren: 2011, 2012, 2013 und 2015 wählten ihn die Anhänger zu ihrem Nationalspieler des Jahres. „Sehr stolz“ machten ihn solche Auszeichnungen, sagt Özil, aber er fragt: „Was bringt es mir, wenn ich der beste Spieler des Turniers werde – und wir werden nicht Europameister?“

Stätte des Terroranschlags

Auf den erfolgreichen Start gegen die Ukraine soll nun in St. Denis gegen Polen ein weiterer Schritt Richtung Gruppensieg folgen. „Ein vorentscheidendes Spiel, klar“, sagt Löw zur Einstufung. Robert Lewandowski & Co. gehen nach dem 1:0 gegen Nordirland ebenfalls mit drei Punkten in die Begegnung. „Wir kennen Polen sehr gut. Wir haben zweimal gegen sie gespielt“, erinnert Keeper und Ersatzkapitän Manuel Neuer an die EM-Qualifikation. Das Auswärtsspiel verlor die DFB-Auswahl 0:2, das Heimspiel gewann sie mit 3:1.„Eine sehr gefährliche Mannschaft“, warnt Neuer.

Der Bundestrainer wird an der Stätte des Terroranschlags vom 13. November vermutlich an seiner Besetzung in der Offensivabteilung festhalten, die sich gegen die Ukrainer nicht entscheidend in Szene setzen konnte. Thomas Müller, Julian Draxler und Mario Götze haben Steigerungsbedarf – Mesut Özil sowieso.

Heinz Gläser unterwegs

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„Gläser unterwegs“: MZ-Sportchef Heinz Gläser berichtet im NewsBlog von seinen Erlebnissen bei der EM:

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