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Virtual Fitness: Sport vor der Leinwand

Virtual Fitness: Durch ein Videospiel oder auf einer Dachterrasse in Las Vegas radeln. Experten sehen hier ein Problem.
Von Teresa Nauber, dpa

 Dieser junge Mann stemmt eine Langhantel im John Reed-Fitness-Studio in Potsdam. Angeleitet wird er dabei von einem amerikanischen Fitnesstrainer – nicht im Kursraum, sondern auf einer großen Leinwand. Foto: Karolin Krämer/dpa-tmn
Dieser junge Mann stemmt eine Langhantel im John Reed-Fitness-Studio in Potsdam. Angeleitet wird er dabei von einem amerikanischen Fitnesstrainer – nicht im Kursraum, sondern auf einer großen Leinwand. Foto: Karolin Krämer/dpa-tmn

Berlin.Der junge Mann auf der Leinwand trägt Jeans-Shorts, Chucks und ein ölverschmiertes T-Shirt. Er steht auf einem Ölfeld, im Hintergrund sandige Hügel, ein blitzblanker roter Sportwagen vor blauem Himmel. In seinen Händen hält Josh Martin eine Langhantel, die er so nonchalant schwingt, als sei sie aus Plastik, nicht aus Metall. 8550 Kilometer weiter östlich, in Potsdam, schüttelt ein Teilnehmer des Fitnesskurses den Kopf. „Die Amis spinnen“, murmelt er.

Die Filme ermöglichen ein Training Non-Stop

Virtual Fitness heißt das Konzept, bei dem Tausende Kilometer Distanz zwischen Trainer und Trainierenden keine Rolle spielen. Eine Agentur in Los Angeles produziert die aufwendigen Clips für das Berliner Unternehmen Cyberobics, eine Marke von McFit. Von 6.00 Uhr morgens bis Mitternacht flimmern ununterbrochen Trainingsfilme von 30 bis 55 Minuten Länge über die beiden Leinwände in dem Potsdamer Studio der Kette John Reed, die ebenfalls zu McFit gehört. „Es gibt keine Kursausfälle und 400 Kursmöglichkeiten pro Woche“, schwärmt Unternehmenssprecher Pierre Geisensetter. Ständig werden neue Filme produziert.

Pierre Geisensetter ist Unternehmenssprecher der McFit Global Group. Foto: McFIT Global Group/dpa-tmn
Pierre Geisensetter ist Unternehmenssprecher der McFit Global Group. Foto: McFIT Global Group/dpa-tmn

Neu ist diese Idee freilich nicht. Schon in den 1980er-Jahren tanzten Bewegungsfreudige vor ihren Fernsehern mit Cindy Crawford und Jane Fonda um die Wette. Jetzt sind die Leinwände größer, die Kulissen imposanter, die Soundanlagen lauter. Die Probleme sind aber die gleichen geblieben, sagt Prof. Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln: „Das Testimonial ist viel zu weit weg vom Kunden.“

Frustration und Verletzungs-Risiko – Experten sehen das Konzept problematisch

So wie Miss Crawford schon damals ihre perfekten Beine etwas zu hoch werfen konnte, lächelt Josh Martin nach 45 Minuten wahnsinnig hartem Work-out unter der sengenden Südstaatensonne eine Spur zu entspannt. Froböse befürchtet eine gewisse Frustration bei den Teilnehmern. Und nicht nur das: „Die Gefahr, falsch zu trainieren und sich zu verletzen, ist ohne anwesenden Trainer sehr hoch.“ Geeignet seien solche Angebote deshalb nur für Sporterfahrene.

Geisensetter hält dagegen: Es gebe Kurse in unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen. Gerade für Einsteiger werde alles sehr genau erklärt, „sowohl durch visuelle Hinweise als auch durch einen Off-Sprecher“. Marco Holtz, Leiter des Potsdamer Studios, beteuert zudem: „Im Studio ist immer ein Trainer anwesend, und der schaut auch mal in den Kursräumen vorbei.“ Sieht er dabei Fehler, korrigiere er die Teilnehmer auch.

Marco Holtz leitet das John Reed-Fitness-Studio in Potsdam. Foto: Karolin Krämer/dpa-tmn
Marco Holtz leitet das John Reed-Fitness-Studio in Potsdam. Foto: Karolin Krämer/dpa-tmn

Neben Gruppenfitness-Angeboten wie dem texanischen Langhanteltraining oder Wellness-Kursen wie „Soul meets Body“ bietet Cyberobics auch Cycling-Kurse vor der Leinwand an. Das Fahrrad-Ergometer des Trainers steht dann beispielsweise auf einer Dachterrasse in Las Vegas.

Training wie im Videospiel

Noch einen Schritt weiter geht das Fitness-Unternehmen Les Mills, bekannt geworden durch das Body-Pump-Workout. Seit rund eineinhalb Jahren bauen die Neuseeländer zehn Meter große, gebogene Leinwände in Fitnessstudios ein. Die Fahrrad-Ergometer werden so platziert, dass die Teilnehmer an drei Seiten von der Leinwand umgeben sind.

Während des Trainings tauchen sie in eine Art Videospiel ein, sausen glitzernde Achterbahnen hinunter, jagen Avatare und radeln durch überdimensionale Waldlandschaften. Nicht umsonst heißt das Work-out „The Trip“. „Es ist aber ein realer Trainer dabei, der mit der Gruppe zusammen fährt“, erklärt Philip Mills, CEO des Unternehmens.

Beim Work-out „The Trip“ vom neuseeländischen Fitnessanbieter Les Mills „fahren“ die Teilnehmer auf ihren Fahrrad-Ergometern durch eine virtuelle Welt – unterstützt von passender Musik und einem Trainer, der mit in der Gruppe fährt.Foto: Kristian Frires/Les Mills/dpa-tmn
Beim Work-out „The Trip“ vom neuseeländischen Fitnessanbieter Les Mills „fahren“ die Teilnehmer auf ihren Fahrrad-Ergometern durch eine virtuelle Welt – unterstützt von passender Musik und einem Trainer, der mit in der Gruppe fährt.Foto: Kristian Frires/Les Mills/dpa-tmn

In Deutschland kann man bisher nur bei Fit One in Hamburg und Nürnberg vor der Riesenleinwand strampeln. Weitere Studios sollen folgen. Les Mills geht davon aus, dass die Teilnehmer intensiver und härter trainieren, weil sie durch die Projektion abgelenkt sind. Das habe allerdings nicht nur Vorteile, sagt Nadja Walter vom Institut für Sportpsychologie und Sportpädagogik der Uni Leipzig: „Sportunerfahrene können sich schnell übernehmen.“

Das Kino-Feeling wirkt motivationsfördernd

Dass es Sportlern durch die Kombination aus Musik und Videoinstallation leichter fällt, dranzubleiben, vermuten Sportwissenschaftler indes schon lange. „Der cineastische Eindruck motiviert die Menschen“, das ist auch Pierre Geisensetters Erfahrung. „Wir holen den Sommer in den Kursraum, dadurch können sie ihren Alltag mal für eine Stunde vergessen.“ Auf eine enge Betreuung durch einen Trainer müssen sie dafür verzichten. Jeder trägt selbst die Verantwortung dafür, den richtigen Kurs auszuwählen und sich beim Training nicht zu überfordern.

Sport und Entertainment – das sind die Zutaten von Virtual-Fitness-Konzepten wie „The Trip“ von Les Mills. Dabei radeln die Sportler vor einer riesigen Leinwand. Foto: Kristian Frires/Les Mills/dpa-tmn
Sport und Entertainment – das sind die Zutaten von Virtual-Fitness-Konzepten wie „The Trip“ von Les Mills. Dabei radeln die Sportler vor einer riesigen Leinwand. Foto: Kristian Frires/Les Mills/dpa-tmn

Ob auch der Personal Trainer eines Tages nur noch auf dem Bildschirm erscheint? In den John-Reed-Studios können sich Trainierende auf der Fläche bereits einzelne Übungen auf Touchscreens zeigen lassen. Abgeschafft wird der Trainer dadurch aber nicht, sagt Geisensetter. „Wir sehen die virtuellen Angebote eher als sinnvolle Ergänzung.“ Es werde immer Menschen geben, die eine enge Betreuung und ein auf sie zugeschnittenes Trainingsprogramm wollen – und bereit sind, dafür extra zu bezahlen.

Im Potsdamer Kursraum haben sich mittlerweile einige Damen eingefunden. Sie werden auf der Leinwand von Andrea Speir begrüßt, einer blendend aussehenden Trainerin, die in den USA die Körper von Supermodels für den Laufsteg vorbereitet. Ihr Work-out an diesem Morgen heißt „Ballett Fit“ und kombiniert Ballettfiguren mit Pilates-Übungen, laut Beschreibung auch für Einsteiger geeignet. Speir steht schon nach wenigen Minuten auf der halben Spitze und beugt ihre Beine. Während die Teilnehmerinnen versuchen, ihrem Beispiel zu folgen, blicken sie durch riesige Glasscheiben hinab auf die pulsierende Innenstadt von Los Angeles.

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