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Chaostage in Wolfsburg - Stimmung wie nach Abstieg

Der VfL Wolfsburg taumelt dem ersten Bundesliga-Abstieg entgegen. Das Bild, das der finanzstarke VW-Club derzeit abliefert, ist erbärmlich. Die Probleme scheinen hausgemacht. Durch Fehler der Clubführung, der sportlichen Leitung, aber auch dem Mutterkonzern.
Von Carsten Lappe und Patrick Reichardt, dpa

VfL-Spieler Maximilian Arnold stellt sich nach der Heimpleite gegen den HSV den völlig aufgebrachten Fans. Foto: Julian Stratenschulte
VfL-Spieler Maximilian Arnold stellt sich nach der Heimpleite gegen den HSV den völlig aufgebrachten Fans. Foto: Julian Stratenschulte

Wolfsburg.Die Wolfsburger Chaostage gehen weiter. Drei Jahre nach dem Pokalsieg droht dem Meister von 2009 nach etlichen personellen Fehlern der Clubführung und sportlichen Leitung der erstmalige Abstieg aus der Fußball-Bundesliga.

Unmittelbar nach dem 1:3-Tiefschlag im direkten Duell gegen den Hamburger SV war die Stimmung beim VW-Club so, als stünde der VfL schon als Zweitligist fest. „Wir liegen jetzt ein Stück weit am Boden“, sagte der bereits dritte VfL-Trainer in dieser erneuten Miserensaison, Bruno Labbadia. Und der langjährige VfL-Profi Maximilian Arnold äußerte drastisch: „Es ist einfach eine Scheiß-Situation.“

Beiden war der Schock nach dem nächsten sportlichen Offenbarungseid deutlich anzumerken. Mit leerem Blick, bleich im Gesicht und vor allem frustriert beschrieben beide die Lage nach dem achten sieglosen Heimspiel am Stück. Die direkte Abstiegszone ist nur noch zwei Punkte entfernt. Am Sonntag fiel der VfL durch den Sieg des FSV Mainz gegen Leipzig bereits auf den Relegationsrang 16.

Beim Training am Sonntag pöbelten zudem einige wenige Fans. Sprüche wie „Ihr seid Absteiger“ und „Scheiß Millionäre“ fielen immer wieder. Labbadia hatte dafür immerhin Verständnis. „Wenn du keine Ergebnisse lieferst, hast du wenig Argumente, dann kommen leider solche Sachen, dann sollte man auch nicht viel dazu sagen, weil es keinen Sinn macht“, sagte der Wolfsburger Coach.

Für das sonst zwar sehr kritische, aber kaum aggressive Publikum war das Nicht-Aufbäumen zu viel. Einige schwarz-gekleideten Anhänger hatten schon am Samstag nach Spielende versucht, das Feld zu stürmen. Nur Arnold, Kapitän Paul Verhaegh und Ersatzkeeper Max Grün gingen zum aufgebrachten Anhang. „Wir haben nur versucht, dass die Emotionen ein bisschen runterkommen. Wir brauchen sie alle zusammen. Nur so geht es. Wenn wir uns selbst zerfleischen, haben wir keine Chance“, sagte Arnold, meinte aber auch: „Ich kann das nachvollziehen.“

Wer den Ex-Meister und ehemaligen Bayern-Jäger derzeit kopflos taumelnd sieht, mag kaum glauben, dass dieser Club noch vor zwei Jahren gegen Real Madrid kurz vor dem Einzug in das Halbfinale der Champions League stand. Seitdem ging beim Mutterkonzern und in der Führungsebene des VfL vieles schief. Der Niedergang begann und könnte in zwei Wochen nach dem letzten Saisonspiel gegen Absteiger 1. FC Köln einen negativen Höhepunkt erleben. „Darüber rede ich nicht“, sagte Torhüter Koen Casteels trotzig zum Abstiegs-Szenario.

Auch der VW-Abgas-Skandal hat zur Lage entscheidend mit beigetragen. Nach dem Aus des fußball-verrückten Martin Winterkorn als VW-Chef im September 2015 wurde der Club in der Krise des Mutterkonzerns lange stiefmütterlich behandelt. Seit anderthalb Jahren sind nach dem Aus von Sportchef Klaus Allofs zwei Posten in der Geschäftsführung vakant. Nachdem nun auch Winterkorn-Nachfolger Matthias Müller abtreten musste, wurde der VfL-Aufsichtsrat entscheidend umgebaut.

VW-Vorstandsmitglied Frank Witter als neuer VfL-Aufsichtsratschef ließ sich bei den öffentlich gewordenen Verhandlungen mit Hannovers Manager Horst Heldt von 96-Clubchef Martin Kind vorführen. Für Außenstehende bleibt es auch durch das Schweigen der Bosse bislang unverständlich, warum der VW-Club nicht bereit war, die von Kind geforderte Ablösesumme von angeblich rund fünf Millionen Euro für den Wunschkandidaten Heldt als neuen Sport-Geschäftsführer zu bezahlen.

Durch das Heldt-Fiasko war auch der bisherige, seit Wochen in der Kritik stehende Manager Olaf Rebbe nicht mehr zu halten. „Ihn heute hier zu haben auf der Bank, hätte es auch nicht besser gemacht“, sagte Clubchef Wolfgang Hotze dem Sender Sky. „Dass dieser Zeitpunkt jetzt nicht optimal gewählt ist, war uns klar.“

Dafür gab es auch deutliche Kritik der Spieler. „Das ist eine Entscheidung der Chefs, da haben wir keinen Einfluss drauf. Aber natürlich ist das nichts, was uns hilft in dieser Situation“, sagte Casteels zur Trennung von Rebbe am Freitagabend - 20 Stunden vor dem Spiel. Labbadia ist nun in Leipzig und gegen Köln auf sich alleine gestellt; auch wenn Hotze dem Eindruck widersprach, der VfL sei führungslos. „Der sportliche Geschäftsführer bin ich, das ist nicht Olaf Rebbe gewesen“, sagte der 65-Jährige vor dem Spiel.

Wie um das Gegenteil zu beweisen, stellte sich Hotze anschließend den drängendsten Fragen aber nicht. Nicht nur da, wo sonst Rebbe und zuvor Allofs stets Rede und Antwort standen, klafft eine große Lücke.

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