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Fussball

Das Ende der Generation Messi: Gescheitert und unvollendet

Messi ist gescheitert. Diesmal wohl endgültig. Er schweigt beharrlich zum möglichen Rücktritt. Zurück bleiben Wut, Bitterkeit, Enttäuschung. Die stolzen Argentinier liegen am Boden. Der Trainer ist kaum zu halten.
Von Jens Marx, Cecilia Caminos und Miriam Schmidt, dpa

Lionel Messi steht nach der Niederlage gegen Frankreich still auf dem Spielfeld. Foto: Cezaro De Luca
Lionel Messi steht nach der Niederlage gegen Frankreich still auf dem Spielfeld. Foto: Cezaro De Luca

Bronnizy.Lionel Messi schweigt, der Trainer spielt auf Zeit, die Fans sind enttäuscht und verbittert. Das krachende Scheitern des Teams um den enttäuschenden Superstar Messi hat Argentiniens Fußball in den Abgrund gerissen.

„Argentinien war wie eine Mannschaft aus einer anderen Epoche. Langsam, nicht überraschend, vorhersehbar“, schrieb die argentinische Zeitung „Clarín“. „Ein Vierteljahrhundert der Enttäuschungen“, meinte „La Nacion“ und schrieb: „Ohne Steuermann, ohne Plan: Die Gründe für die nächste WM-Ohrfeige.“ Legende Diego Maradona bezeichnete den WM-Auftritt Argentiniens in seiner Sendung als „Chronik eines angekündigten Todes“.

Wortführer und Ex-Kapitän Javier Mascherano erklärte noch im Stadion von Kasan mit stockender Stimme und den Tränen nahe seinen Rücktritt aus der Albiceleste. „Es ist vorbei“, sagte der 34 Jahre alte Mittelfeldspieler: „Jetzt bin ich nur noch ein Fan der Nationalmannschaft. Ich hoffe, dass diese Jungs in Zukunft etwas erreichen können.“ Mitspieler Lucas Biglia tat es Mascherano gleich. Weitere dürften folgen. Es ist vorbei.

Die größte Frage ist dabei, ob auch Messi einen Schlussstrich nach der größten seiner vier WM-Enttäuschungen zieht. Auch am Tag danach blieb der mittlerweile 31-Jährige eine Antwort vorerst schuldig. Die Mannschaft reiste nicht geschlossen als Team ab, stattdessen verließen die Spieler in Kleingruppen das WM-Quartier in Bronnizy. Dort herrschte nach schweren Regenschauern am frühen Morgen eine fast schon gespenstische Ruhe, ehe die Sonne ein bisschen rauskam.

Heiter ist bei den Himmelblau-weißen aber nichts mehr. Auf den Tag genau zwölf Jahre nach Messis erstem WM-Aus, bei dem er im Viertelfinale gegen Deutschland mit gerade mal 18 Jahren hilf- und tatenlos das Ende im Elfmeterschießen gegen den Gastgeber ertragen musste, war er am Samstagabend im Pulk seiner Mitspieler im Bus verschwunden. Kein Wort nach dem 3:4 im Achtelfinale gegen den starken Vizeeuropameister Frankreich. Vor zwei Jahren hatte Messi nach dem verlorenen Finale der Copa América noch im Stadion seinen Rücktritt erklärt, wenige Wochen später machte er die emotionale Entscheidung wieder rückgängig.

Zweimal WM-Viertelfinale (2006 und 2010), einmal Finale (2014) und einmal Achtelfinale (2018), sechs WM-Tore in 19 Einsätzen, kein Treffer in einer K.o.-Phase. Messis Weltmeisterschaftsbilanz ist mehr als ernüchternd. Gegen Frankreich wurde der Magier am Ball von Teenager Kylian Mbappé entzaubert, die nächste Superstar-Generation drängt. Der Franzose habe einen Akt poetischer Gerechtigkeit vollstreckt, urteilte „La Nacion“.

Acht Trainer verschliss die Generation Messi, Jorge Sampaoli übernahm den Posten erst vor einem Jahr. Über einen Rücktritt wollte der 58-Jährige, dessen Vertrag bis zur WM 2022 gültig ist, direkt nach dem Spiel nicht entscheiden. Die WM-Quali für Russland schaffte Argentinien nur mit größter Mühe und einem Messi-Dreierpack gegen Ecuador. Ein Testspiel gegen Spanien ging 1:6 verloren. Die WM-Generalprobe in Jerusalem gegen Isreal wurde kurzfristig abgesagt. Sampaoli sah sich Belästigungsvorwürfen im Vorbereitungscamp ausgesetzt, Stammkeeper Sergio Romero fiel verletzt aus.

Erstmal angekommen im WM-Land, ging die Unruhe erst richtig los: Angebliche Sampaoli-Entmachtung, Lügen-Vorwürfe von Verbandsboss Claudio Tapia an die Medien - dazu einmal mehr skurrile und besorgniserregende Auftritte von Edelfan Diego Maradona.

Und immer irgendwie mittendrin war Messi, dessen größte Sehnsucht es war, seinem Land den dritten Titel zu schenken nach 1978 und 1986. Der verschossenen Elfmeter beim 1:1 gegen Island, seine unwürdige Leistung gegen Kroatien - es begann verheerend. Messis Mutter hielt den Dauer-Kritikern, die dem Ausnahmefußballer fehlenden Patriotismus vorwerfen, schon entgegen: „Wir leiden sehr darunter, wenn sie sagen, dass er nicht mit der argentinischen Elf mitfühlt, dass er aus Verpflichtung mitspielt, denn das ist nicht so.“

Messi litt in Russland, und das war spürbar. Nur selten sah man ihn lachen. „Ein Trainer, der Leo trainiert, weiß, dass alle um ihn herum ihm ein gutes Gefühl geben müssen“, sagte Sampaoli während der WM einmal. Messi schien nur selten ein gutes Gefühl zu haben. Ob er selbst die Mannschaft diktierte oder nicht, es war, als wüsste er von Beginn an, dass es eh nicht reichen würde. Und als hätte er damit die Tragweite seines persönliches Scheiterns vorhergesehen. „Das ist Messis Argentinien, nicht meins“, hatte Sampaoli vor der WM gesagt. Bald könnte es ein Argentinien ohne Messi sein.

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