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Die Latinos tanzen nicht: „Partitur ohne Orchester“

Südamerika ist in Russland noch nicht richtig angekommen. Brasilien, Argentinien und Kolumbien legen ihren Fokus zu sehr auf ihre Superstars. So sieht es auch Trainer-Legende Menotti.
Von Ulrike John, dpa

Der Kolumbianer Radamel Falcao liegt nach der der Niederlage gegen Japan enttäuscht auf dem Platz. Foto: Natacha Pisarenko/AP
Der Kolumbianer Radamel Falcao liegt nach der der Niederlage gegen Japan enttäuscht auf dem Platz. Foto: Natacha Pisarenko/AP

Moskau.Die Auftaktniederlage kam über Kolumbien „wie ein Eimer mit eiskaltem Wasser“. Das schrieb die Zeitung „El Espectador“ nach dem 1:2 bei der Fußball-WM. Gegen Japan!

Brasilien und Argentinien geht es nach ihren Unentschieden nicht besser. Südamerika in Not: Den zwei Giganten und dem Geheimfavoriten tut der Hype um ihre Stars James Rodríguez, Neymar und Messi nicht gut.

„Weil wir einen außergewöhnlichen Spieler wie Messi haben, soll Leo alle Probleme lösen. Er allein!“, kritisierte Trainer-Legende César Luis Menotti in seiner Kolumne für die katalanische Tageszeitung „Sport“. Bei Vizeweltmeister Argentinien konzentriere sich wie bei Brasilien alles auf einen. Bei Neymar wisse man nicht, „ob er antritt, um zu glänzen, oder ob er versucht, alleine die Spiele zu gewinnen. Er kommt mir vor wie ein eigensinniger Fußballer, der seiner Partitur folgt, ohne das Orchester mit einzubeziehen.“

Messis verpatzter Strafstoß beim enttäuschenden 1:1 gegen WM-Neuling Island? „Ich habe Pelé, Maradona, Platini erlebt, wie sie verschossen haben. Aber Argentinien dürfte keinen Elfmeter nötig haben, um eine Begegnung zu gewinnen“, sagte der 79 Jahre alte Chefcoach des Weltmeister-Teams von 1978. Eine große Auswahl generiere Fußball und Chancen und sei nicht vom Pech vom Elfmeterpunkt abhängig.

Vor dem nächsten Auftritt am Donnerstag (20.00 Uhr) weiß Eintracht Frankfurts Ante Rebic von Gegner Kroatien längst, worauf es ankommt: „Messi ist 50 Prozent der argentinischen Mannschaft. Wenn wir ihn stoppen können, haben wir eine gute Chance.“ Bei einer Niederlage droht Argentinien das erste Aus in der Vorrunde seit 2002.

Während Kapitän Messi noch mannschaftsdienlich spielte, geriet Neymars Auftritt gegen die Schweiz zur One-Man-Show. Um an den Ball zu kommen, ließ sich der 222-Millionen-Euro-Mann aus Paris oft weit zurückfallen - zur Freude der Eidgenossen. Trainer Tite versucht seit seinem Amtsantritt, die Taktik nicht nur auf Neymar auszurichten. Doch der Stürmer macht auf dem Platz einfach, was ihm gefällt.

Der Hype um Messi und Neymar treibt mitunter so bunte Blüten, dass Tite schon mal dazwischen grätscht. So warb das Kreditkarten-Unternehmen Mastercard damit, bis 2020 für jedes Tor der beiden Markenbotschafter 10.000 Mahlzeiten an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen zu spenden. Die Aktion wurde dann doch geändert. Tite hatte kritisiert, dass sie Superstars allein in den Fokus rücke.

Im fernen Russland fremdeln die großen südamerikanischen Teams mit ihren Topstars aus Europa jedenfalls bislang. „Eine WM in Russland ist nicht dasselbe wie eine in Brasilien. Hier sind wir Latinos eher Gäste“, hatte Hernan Dario Gomez vor dem Turnier gewarnt. Panamas Coach war schon 1998 mit Kolumbien und 2002 mit Ecuador dabei.

Die kolumbianische Tageszeitung „El Tiempo“ schrieb von einem „Nationalen Erdbeben“ und meinte damit nicht den Sieg des konservativen Kandidaten Iván Duque bei der Präsidentenwahl. Die Euphorie, vor allem um Nationalheld James Rodríguez, war wieder mal riesig gewesen beim Viertelfinalisten von 2014.

Doch der Bayern-Profi und WM-Torschützenkönig von 2014 kam angeschlagen nur von der Bank, am Ende stand ein ernüchterndes 1:2. „Wir müssen bei Null wieder anfangen. Wir haben noch zwei Spiele, um weiterzukommen“, sagte Angreifer Falcao mit Trauermiene.

Sein Chefcoach José Pekerman ist einer von gleich fünf argentinischen Trainern bei der WM. Dessen Kollegen Jorge Sampaoli bei der Albiceleste hatte Fußball-Ikone Diego Maradona gleich mal bescheinigt: „Wenn sie so spielen, kann Sampaoli nicht nach Argentinien zurückkehren.“

Noch weniger Chancen, wie einst Menotti den WM-Pokal zu erobern, werden Pekermans und Sampaolis Landsmännern eingeräumt: Juan Antonio Pizzi vermasselte mit Chiles großer Generation die WM-Qualifikation und müht sich jetzt mit Saudi-Arabiens Team ab. Hector Cuper ist mit Ägypten fast schon draußen, und Ricardo Gareca hat mit Peru nach 36 Jahren Abstinenz beim Endrundenturnier einen schweren Stand.

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