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Fußball

Ein Video beweist nicht alles

In der ersten Saison gab es für die Videoschiedsrichter Kritik. Fifa-Assistent Eduard Beitinger ist zufrieden.
von Michael Sperger

  • In Köln sitzen die Video-Assistenten vor ihren Bildschirmen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
  • Schiedsrichter Harm Osmers zeigt den Videobeweis an, nach einer Spielaktion im Strafraum. Foto: Annegret Hilse/dpa

Regensburg.Abseits, Elfmeter, Eckball, Platzverweis, Tor. Etwa 300 Entscheidungen trifft ein Schiedsrichter pro Spiel. Damit möglichst viele der Pfiffe richtig sind, bekamen die Regelhüter in der abgelaufenen Saison der Fußball-Bundesliga neben der Torlinientechnik ein weiteres Hilfsmittel zur Verfügung – den Videobeweis. Nach 34 Spieltagen und 306 Einsätzen allein in der Bundesliga ist die Probephase vorbei. Dazu kommen alle DFB-Pokalspiele ab dem Viertelfinale und die Relegationspartien am Ende der Saison. Der Deutsche Fußball-Bund und die Vereine der 1. Bundesliga entschieden nun, dass der Videobeweis dauerhaft Teil der Bundesliga bleibt. In der Zweiten Bundesliga wird er ebenfalls kommen – wohl in der Saison 2019/20.

Eduard Beitinger steht in der Bundesliga an der Seite von Deniz Aytekin. Foto: Eibner
Eduard Beitinger steht in der Bundesliga an der Seite von Deniz Aytekin. Foto: Eibner

Eduard Beitinger ist Assistent im Team von Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin. 18 Spiele bestritten die beiden in dieser Saison zusammen in der Bundesliga und machten die ersten praktischen Erfahrungen mit dem Videobeweis. „Auch wir Assistenten wurden seit zwei Jahren regelmäßig zu dem Thema geschult und waren bestens vorbereitet“, sagt der Regensburger. Bereits in der Saison 2016/17 testete die DFL den Videoschiri „offline“. Es gab während des Spiels keine Verbindung zum Schiedsrichtergespann.

Der Mann an der Linie: Eduard Beitinger

  • Eduard Beitinger

    aus Regensburg steht, seit er 13 Jahre alt ist, als Schiedsrichter auf dem Fußballplatz. 2009 gelang ihm der Sprung ins Profigeschäft.

  • Der Regensburger

    ist seit 2013 auf die Rolle als Assistent an der Linie spezialisiert und pfeift nur noch selten.

  • Ein Highlight

    in seiner Karriere war das DFB-Pokalfinale 2017 zwischen Borussia Dortmund und Eintracht Frankfurt. An der Seite von Deniz Aytekin stand er im Olympiastadion an der Linie.

  • 2018

    wurde Beitinger vom Weltverband zum Fifa-Assistenten befördert.

Aller Anfang war schwer

Zu Beginn der abgelaufenen Saison gab es immer wieder Schwierigkeiten mit dem Videobeweis. „Wir haben anfangs lernen müssen, wie wir damit umgehen“, sagt Beitinger. Am ersten Spieltag gab es Probleme mit der Verbindung zwischen Köln und den Spielorten, das Projekt stand sofort in der Kritik. Auch sonst war die Umsetzung der Vorgaben an den ersten Spieltagen nicht ideal. Die eine oder andere Fehlentscheidung rutschte auch mit Videoschiri durch. Nach der Hinrunde gab der DFB erste Zahlen zum Videobeweis heraus.

48 Mal änderte der Unparteiische bis zu diesem Zeitpunkt seine Entscheidung auf Hinweis des Videoschiedsrichters, elf Mal war das falsch. Ein Problem waren auslegbare Entscheidungen im Graubereich bei Foulspiel. „Da haben wir zu Beginn nicht immer ein einheitliches Bild abgegeben“, sagt Beitinger. Eine solche Entscheidung im Graubereich war wohl auch die Elfmetersituation in der Nachspielzeit des DFB-Pokalfinales.

Kommentar

Auf dem Weg aus dem Abseits

Fußball ist ein komplizierter Sport. Da gibt es nicht nur Schwarz oder Weiß. In einem Spiel gibt es viele Entscheidungen in der Grauzone – vor allem beim...

In der Winterpause wurde von DFB und DFL etwas geändert. Die Pfiffe sollten für die Fans transparenter werden. Die Schiedsrichter gingen in der Folge in der Rückrunde öfter in die „Review Area“, ein Bildschirm am Spielfeldrand. Dort konnten sie sich zu strittigen Szenen selbst eine Meinung bilden. „Das war wichtig für das Vertrauen der Zuschauer im Stadion. Die Entscheidung sollte am Ende auf dem Platz liegen“, sagt Beitinger. „In der Rückrunde gab es nun bei 27 positiven Entscheidungen aus unserer Sicht nur noch drei fehlende Eingriffe“, sagt Schiedsrichterchef Lutz Fröhlich dem „Kicker“. Der DFB testete zuletzt die Möglichkeit, dass der Schiedsrichter die Entscheidungen über Lautsprecher den Zuschauern im Stadion kurz erläutert. Vorbild sind amerikanische Sportarten wie Eishockey oder American Football.

Transparenz durch „Review“

Andreas Allacher, Bezirksschiedsrichterobmann der Oberpfalz, findet, der Videobeweis macht seine Sache in der Bundesliga gut. „Das Grundübel ist noch nicht beseitigt. Nämlich, dass man allen Beteiligten am Fußballplatz Fehler zugesteht, nur dem Schiedsrichter nicht“, sagt Allacher.

Das sagen Schiedsrichter aus der Region zum Videobeweis: Klicken Sie sich über die Pfeile rechts unten durch die Bilder oder wischen Sie auf mobilen Geräten nach links.

Vom Videobeweis ist man im deutschen Amateurfußball noch weit entfernt. Dennoch machen technische Neuerungen die Runde. In Bayern werden alle Spiele der Bayernliga und einige Spiele der Landesligen auf der Plattform „Sport Total“ über die gesamte Spielzeit live im Internet übertragen. In der kommenden Spielzeit wird das Projekt bis in die Bezirksliga ausgeweitet. Was sich zunächst nach einem reinen Service für die Fußballinteressierten anhört, hat auch für die Schiedsrichter Folgen. „In seiner Leistungsklasse wird jeder Schiedsrichter beobachtet“, erklärt Andreas Allacher. Bisher entschied der Beobachter nach seiner eigenen Sichtweise. „Nun stehen ihm auch die Bilder der Kamera zur Verfügung“, erklärt Allacher. So werden Fehler der Schiedsrichter öfter aufgedeckt. Und auch den Zuschauern stehen die Bilder zur Verfügung. Diese könnten dann selbst versuchen, Videoschiri zu spielen und den unangenehmen Dialog mit dem Schiedsrichter suchen.

Die besten Szenen aus dem Amateurfußball finden Sie schon jetzt an jedem Spieltag im FuPa-Videobeweis von Mittelbayerische Video.

Gespräche wie bei der Bundeswehr

In der Bundesliga läuft die Kommunikation zwischen dem Schiedsrichtergespann und dem Videoassistent in Köln laut Beitinger einwandfrei. Der Videoassistent meldet sich in einem Spiel öfter, als es die Zuschauer im Stadion und an den Fernsehgeräten mitbekommen. Jedes Tor, jede Rote Karte und jeder Elfmeter wird über das Headset bestätigt oder bei Fehlentscheidungen revidiert. Damit die Gespräche übersichtlich bleiben, gibt es Vorgaben. „Wir haben Funkdisziplin fast wie bei der Bundeswehr. Bei einem Tor heißt es zum Beispiel ‚Tor korrekt‘“, sagt Beitinger. Beitinger selbst war in der vergangenen Saison von keiner Änderung betroffen. Alle entscheidenden Abseitsentscheidungen, die der 34-Jährige traf, waren korrekt.

Weltmeisterschaft ohne Beitinger, aber mit Videobeweis

Bei der Weltmeisterschaft ist Beitinger nicht dabei, Schiedsrichter Felix Brych fährt mit seinen Assistenten als einziger deutscher Hauptschiedsrichter nach Russland. Der Videobeweis reist auch mit. Das beschloss der Weltverband Fifa im Mai. Bastian Dankert und Felix Zwayer fahren als Videoschiedsrichter zur WM.

Der Videobeweis kommt bei der WM zum Einsatz. Video: Sperger

Der Video Assistant Referee (VAR) wurde sogar ins Regelwerk aufgenommen. Ligen und Ausrichter von Turnieren können aber weiter selbst über den Einsatz des Hilfsmittels entscheiden. So wie die Uefa, die weiter auf einen Einsatz in der Champions League und der Europa League verzichtet. Dort arbeitet man mit zusätzlichen Torrichtern. „Es ist eine Tatsache, dass der Videobeweis in den Ligen, in denen er bereits Anwendung findet, ein großes Durcheinander verursacht hat“, sagt Uefa-Präsident Aleksander Ceferin.

„Es ist eine Tatsache, dass der Videobeweis in den Ligen, in denen er bereits Anwendung findet, ein großes Durcheinander verursacht hat.“

Uefa-Präsident Aleksander Ceferin

In den europäischen Wettbewerben wird Beitinger als Fifa-Assistent in der kommenden Saison wohl an der Seite von Aytekin an den Auslinien Europas stehen – weiter ohne Videobeweis. „Für uns ist es keine Umstellung. Die Entscheidung treffen wir ja immer selbst – auch in der Bundesliga“, sagt Beitinger. Einzig das sofortige Feedback fehle bei den europäischen Wettbewerben. „Bei strittigen Entscheidungen bekomme ich dann erst im Gespräch nach dem Spiel mit, ob ich richtig lag oder eben nicht“, sagt Beitinger.

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