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Nigerias „großer Bruder“ Rohr: Eine Frage der Disziplin

Neben Joachim Löw gibt es noch einen weiteren deutschen WM-Trainer. Geht es nach den Wünschen der Nigerianer, soll Gernot Rohr die Super Eagles zum Weltmeister machen. Vor dem Auftakt gegen Kroatien hatte er mit kulinarischen Eigenheiten der Afrikaner zu kämpfen.
Von Martin Moravec und Holger Schmidt, dpa

  • Gernot Rohr ist seit Sommer 2016 Nationaltrainer Nigerias. Foto: Rebecca Blackwell
  • Nigerias Trainer Gernot Rohr begibt sich in Kaliningrad zur Pressekonferenz. Foto: Petr David Josek/AP

Kaliningrad.Vor seiner WM-Premiere mit Nigeria holte sich Gernot Rohr noch weltmeisterlichen Rat. Sein väterlicher Freund Aimé Jacquet triumphierte 1998 als Coach mit Frankreich bei der Heim-WM - und auf die Anregungen eines solchen Erfolgstrainers verzichtet Rohr natürlich nicht.

Vor dem Auftakt seiner Nigerianer in Gruppe D am 16. Juni in Kaliningrad gegen Kroatien ist er aber vielmehr als Stimmungsdämpfer gefordert. Denn im Umfeld afrikanischer Teams bricht oft vorschnell Euphorie aus. Und einen WM-Titel fände Nigerias Verbandschef Amaju Pinnick schon richtig toll. „Es gehört zu den positiven Dingen, dass die Euphorie gebremst werden muss. Wir brauchen jedoch Bescheidenheit“, sagte Rohr der Deutschen Presse-Agentur. Er ist neben Bundestrainer Joachim Löw der einzige deutsche WM-Trainer.

Für Dämpfer haben die Super Eagles, die endlich das Viertelfinale erreichen wollen, selber gesorgt. Denn von den letzten vier Tests vor der Reise nach Russland verlor das Team um den langjährigen Leistungsträger des FC Chelsea, John Obi Mikel, gleich drei. Gerade mal zu einem 1:1 gegen die Republik Kongo reichte es für Nigeria mit dem Mainzer Verteidiger Leon Balogun.

„Alle haben Hunger und Begeisterungsfähigkeit, es fehlt aber an Erfahrung“, räumte Rohr ein, der auf Verständnis hofft. „Wir haben das jüngste aller 32 Teams. Vielleicht kommt diese WM für manche Spieler noch zu früh. Die Nigerianer wissen das“, sagte er: „Ich bin sicher, wir können sie trotzdem stolz machen.“

Im Tor dürfte der Wahlfranzose, der 1977 nach Bordeaux wechselte und unter Jacquet in den 80er Jahren zu Meisterehren kam, auf Francis Uzoho setzen. Der ist mit 19 Jahren ein Talent, spielt aber auch nur in der zweiten Mannschaft des spanischen Erstliga-Absteigers Deportivo La Coruña. Der 64 Jahre alte Rohr soll in dem Land, das sich aus rund 250 ethnischen Gruppen zusammensetzt, den Umbruch einleiten und ein junges Team aufbauen. Erfahrung hat er. Seit 2010 trainiert der frühere Verteidiger des FC Bayern in Afrika. Erst in Gabun und im Niger, dann in Burkina Faso.

„Wir haben einen radikalen Wandel gebraucht“, meinte Kapitän Mikel mit Blick auf die WM 2014. Damals fehlte es Nigeria trotz Einzugs ins Achtelfinale an Disziplin und Ordnung. Und darauf hat auch Rohr seit seinem Amtsantritt im Sommer 2016 Wert gelegt. „Er ist wie ein Vater für uns und wir wie seine Kinder“, beschrieb Mittelfeldspieler Wilfred Ndidi von Leicester City das Verhältnis. „Er gibt uns Ratschläge und bringt uns taktische Disziplin bei.“

Das Wort Vater hört Rohr nicht so gerne. „Das ist ein großes Wort“, sagte er. „Ich bin eher der große Bruder und wir alle sind wie eine große Familie.“ Und als solcher muss man seine Spieler nicht nur auf dem Platz zur Ordnung rufen. Rohr musste im Sinne einer ordentlichen Vorbereitung auch Eingriffe in den Speiseplan vornehmen. Zum Beispiel bei der von seinen Spielern geliebten Ziegenfleischsuppe. Zu scharf, zu fettig. „Ich kann damit nicht immer einverstanden sein“, meinte Rohr, der um den Einsatz des angeschlagenen Leon Balogun bangt. Der gebürtige Berliner, zuletzt bei Mainz 05 unter Vertrag, spielt seit 2014 für das Heimatland seines Vaters.

Angst vor Rassismus in Russland haben Rohr und seine Spieler nach Aussagen des Trainers keineswegs. Im Gegenteil. „Wir haben bisher große Gastfreundschaft erlebt“, berichtete der Trainer.

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