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„Noch sieben Minuten“: WM-Liebling Island spricht deutsch

Finnbogason, Gíslason, Kolvidsson und Co.: Auf dem Trainingsplatz der isländischen Nationalmannschaft ist deutsch so etwas wie eine zweite Amtssprache. Nur eine zentrale Person kann damit nicht ganz so viel anfangen.
Von Maximilian Haupt, dpa

Bundesliga-Legionär bei WM-Neuling Island: Augsburgs Alfred Finnbogason. Foto: Maximilian Haupt
Bundesliga-Legionär bei WM-Neuling Island: Augsburgs Alfred Finnbogason. Foto: Maximilian Haupt

Gelendschik.Helgi Kolvidsson ist mit seinen langen Haaren, dem gebräunten Gesicht mit Lachfalten und den O-Beinen als Typ eine sympathische Mischung aus Wikinger, Harley-Fahrer und einem ehrenhaft gealterten Spielmacher einer Kreisligamannschaft mit Ballgefühl und kleinem Bauch.

Nach einem festen Händedruck zum Abschied brüllt er über den Platz an der russischen Schwarzmeerküste und ruft auf deutsch: „Noch sieben Minuten.“ Die Torhüter um den Messi-Elfmeterkiller Hannes Thór Halldórsson recken den Daumen.

Sie wundern sich nicht über die Sprache ihres Co-Trainers, sie haben verstanden - denn deutsch auf dem Trainingsplatz ist für Islands Nationalspieler alles andere als ungewöhnlich und neben ihrer Muttersprache fast so etwas wie eine zweite Amtssprache.

„Es wird nicht mehr lange dauern, dann sind die Teambesprechungen auch teilweise auf deutsch“, sagt Stürmer Alfred Finnbogason vom FC Augsburg nur halb im Scherz vor der Abreise zum zweiten Gruppenspiel gegen Nigeria am Freitag (17.00 Uhr MESZ).

Das kleine Land mit nur etwas mehr als 330.000 Einwohnern zieht seine Stärke bei der Fußball-WM - gegen Argentinien um Superstar Lionel Messi gab es ein völlig unerwartetes 1:1 zum Auftakt - wie schon bei der Europameisterschaft in Frankreich aus der Gemeinschaft, aus einem guten Plan und aus der Bereitschaft, Einflüsse von außerhalb der Insel zuzulassen und zu verarbeiten. „Wir haben Spieler in so vielen verschiedenen Ländern, da glaube ich nicht, dass ein Land eine besonders große Rolle spielt“, sagt Finnbogason. Dass Deutschland allerdings einen Anteil hat am Erfolg, das sei auch klar.

Finnbogason ist einer von zwei Profis im Kader, die ihr Geld in Deutschland verdienen. Der andere ist Rúrik Gíslason vom Zweitligisten SV Sandhausen, der seit seiner Einwechslung gegen Argentinien in den sozialen Netzwerken zum Sexsymbol gehypt wird. „Du lernst Disziplin und Pünktlichkeit“, erzählt Finnbogason von den Vorteilen einer Anstellung im Land des derzeit strauchelnden Weltmeisters.

Noch größer ist der Einfluss Deutschlands im Trainerstab. Athletik-Trainer Sebastian Boxleitner lebt zwar seit Jahren in St. Gallen, kommt aber ursprünglich aus Dinslaken. „Es ist super, dass der Verband nach der EM Geld investiert hat und wir in diesem Bereich jetzt viel professioneller sind“, lobt Kapitän Aron Einar Gunnarsson die Arbeit des Deutschen, der bei allen Lehrgängen dabei ist. „Da musst du nicht überlegen. Klar, ich musste das mit meiner Familie abklären. Aber meine Frau meinte auch: Das musst du machen“, erzählt Boxleitner von der Anfrage vor knapp zwei Jahren.

Vermittelt wurde der 42-Jährige von Kolvidsson, der in seiner aktiven Karriere Mitte der Neunziger zum damaligen Regionalligisten SC Pfullendorf ging und nach Stationen in Ulm, Mainz und den USA inzwischen längst in Oberschwaben heimisch geworden ist. „Der einzige, der von uns eigentlich kaum deutsch versteht, ist Heimir“, sagt Kolvidsson über Chefcoach Heimir Hallgrímsson. Zumindest noch nicht.

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