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Tschertschessow macht Russland fit für Salah

Russland will gegen Ägypten das umjubelte 5:0 gegen Saudi-Arabien bestätigen. Die Afrikaner bauen wieder auf Stürmer Salah. Dem WM-Gastgeber fehlt ein hochkarätiger Glücksbringer.
Von Wolfgang Jung und Martin Moravec, dpa

Russlands Trainer Stanislaw Tschertschessow erklärt seinen Spielern die Taktik. Foto: Dmitri Lovetsky/AP/dpa
Russlands Trainer Stanislaw Tschertschessow erklärt seinen Spielern die Taktik. Foto: Dmitri Lovetsky/AP/dpa

St. Petersburg.Der Mann mit Russlands derzeit schwerstem Job redet nicht viel. Aber wenn Stanislaw Salamowitsch Tschertschessow einmal spricht, hört sich die tiefe Stimme des Trainers oft an wie eine Bassorgel.

„Ich will mit der Nationalmannschaft einen Fußball spielen wie Bayern München unter Jupp Heynckes: intensiv, vielfältig und doch einfach“, sagt der 54-Jährige vor der wichtigen Partie der Sbornaja am Dienstag (20.00 Uhr MESZ) gegen Ägypten.

Ägypten mit Starstürmer Mohamed Salah steht nach dem 0:1 gegen Uruguay schon unter massivem Erfolgsdruck. Turniergastgeber Russland will das umjubelte 5:0 aus dem Eröffnungsspiel gegen Saudi-Arabien bestätigen. Nach anfänglicher Skepsis sind die Erwartungen vieler Fans hoch. Über die Bedeutung Salahs sagte Tschertschessow: „Natürlich ist Salah der beste von ihnen. Aber wir spielen nicht nur gegen einen Spieler.“ Im ersten Spiel der Ägypter hatte der Stürmer vom FC Liverpool noch wegen einer im Champions-League-Finale erlittenen Schulterverletzung gefehlt.

Tschertschessow, der frühere Bundesligatorwart von Dynamo Dresden, betonte am Montag: „Das Spiel gegen Saudi-Arabien ist jetzt schon Geschichte. Es geht wieder bei Null los“. Und weiter: „Wir spielen zu Hause, das hilft uns natürlich. Und nach dem ersten Spiel unterstützen uns die Fans noch mehr.“ Nicht zu vergessen der ultimative Auftrag von Wladimir Putin: „Weiter so!“, hatte der Kremlchef nach dem Kantersieg gefordert. Gegen Ägypten ist der „Glücksbringer“ vom Eröffnungsspiel aber ausgerechnet in seiner Heimatstadt St. Petersburg nicht dabei: Putin weilt in Weißrussland.

Aber auch ohne ihn ist in der ehemaligen Zarenmetropole die Bühne in Gruppe A bereitet. Funkelnd steht das neue Stadion im Licht der Junisonne. Wie eine gewaltige Lupe bündelt das Dach die Strahlen aus blau-weißem Himmel. Für viele ist die glanzvolle Arena auf der Krestowski-Insel aber ein Symbol für explodierende Kosten und Skandale bei „Putins WM“. Medien berichteten von sklavenähnlichen Bedingungen für Gastarbeiter aus Nordkorea.

Und waren die Kosten bei Baubeginn 2007 auf rund 220 Millionen US-Dollar geschätzt worden, errechneten Experten inzwischen das Vierfache. All das soll aber das Fußballfest nicht trüben, das die Sbornaja ihren Fans bereiten will. Tschertschessow soll Russland erstmals in ein WM-Achtelfinale führen. Als Spieler verpasste der Mann mit dem charakteristischen Schnauzbart dies bei der WM 2002.

Nun, in neuer Rolle, will er den historischen Erfolg. Es ist eine Herkulesaufgabe: Tschertschessow soll die verwöhnten Leistungsträger der russischen Spitzenclubs bändigen, er muss die Kluft zwischen oft verfeindeten Vereinen aus St. Petersburg und Moskau schließen und die Macht der Medien zähmen. Im russischen Staatszirkus namens Fußball ist der Mann aus dem Kaukasus längst zu einer Art Dompteur geworden.

Tschertschessows Freunde mögen seinen trockenen Humor. Auch die Spieler haben zu schätzen gelernt, dass er nicht mit fletschenden Zähnen in der Kabine herumrast, als wolle er ihre Köpfe abreißen. Das Gebrüll eines Scharfmachers käme wohl auch nicht an. Trotzdem geht von ihm Autorität aus, die keinen Widerspruch duldet. „Er ist ein harter Trainer mit gutem Fußballverständnis. Eine Respektsperson, zu dem Spieler aufschauen“, sagt der deutsche Ex-Nationalspieler Kevin Kuranyi, der bei Dynamo Moskau einst von Tschertschessow trainiert wurde.

Dynamo Moskau, FC Wacker Tirol, Legia Warschau: Noch fehlt der Glanz in Tschertschessows Trainerstationen. Mit einer Reise ins Achtelfinale - oder sogar weiter? - würde er sich ein sportliches Denkmal setzen. Sich bei der Eishockey-Nation Russland als Fußballer bemerkbar zu machen, schaffen nur die wenigsten. Aber wenn es nicht klappt und vielleicht bereits an diesem Dienstag gegen Ägypten schief geht? Bleibt er dann Nationaltrainer? „Alles zu seiner Zeit“, sagt Tschertschessow mit seiner Brummstimme. „Ich habe keinen Plan B.“

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