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WM

Weltmeister von Mexiko entzaubert

Die DFB-Auswahl legt einen Fehlstart hin. Das 0:1 in Moskau ist die erste WM-Auftaktniederlage für Deutschland seit 1982.
Von Klaus Bergmann, Jens Mende, Christian Kunz und Arne Richter

Timo Werner ist bedient. Foto: Federico Gambarini/dpa
Timo Werner ist bedient. Foto: Federico Gambarini/dpa

Moskau.Joachim Löw bekam noch einen tröstenden Klaps von Oliver Bierhoff auf die Schulter, dann verschwand der Bundestrainer konsterniert in die Kabine. Die Titelverteidiger schlichen bedröppelt in die Fankurve, in der einige Fans noch ihre schwarz-rot-goldenen Fahnen schwenkten. Das Projekt Titelverteidigung ist nach einem krachenden Fehlstart der deutschen Fußball-Weltmeister gegen aggressive Mexikaner schon in Gefahr. „Natürlich stehen wir unter Druck, ohne Frage, wir müssen jetzt sechs Punkte holen“, sagte Toni Kroos nach dem ernüchternden 0:1 (0:1) gegen Mexiko.

Im Moskauer Finalstadion ließen Kroos und seine Kollegen am Sonntag alle Titel-Qualitäten vermissen und kassierten die erste Turnier-Auftaktniederlage in der Ära von Joachim Löw. Offensiv fehlte ein Konzept, defensiv herrschte Notstand. Tempofußball spielte nur der Gegner, der durch den starken Linksaußen Hirving Lozano (35. Minute) vor 78 011 Zuschauern im Luschniki-Stadion den Weltmeister mit seinem Siegtor vor den weiteren Partien gegen Schweden und Südkorea in Not brachte.

Nach der Pleite gab es reichlich Spott für die DFB-Elf auf twitter:

Stabilität und Ordnung fehlen

„Wir haben in der ersten Halbzeit keine Lösungen gefunden“, monierte Kroos - und sprach von zu vielen Ballverlusten. Die erste Niederlage bei einem WM-Start seit dem 1:2 gegen Algerien 1982 in Spanien war so nicht zu verhindern.

Bundestrainer Löw ergriff mit der Einwechslung von Marco Reus für Sami Khedira nach einer Stunde notgedrungen ein taktisches Gegenmittel. Offensives Risiko war notwendig, nachdem zuvor Stabilität und Ordnung gefehlt hatten. Doch die Wende blieb aus. Ein Freistoß von Kroos (39.), den Mexikos Torwart Guillermo Ochoa mit den Fingern an die Latte lenken konnte, schon in der ersten Halbzeit und mehr Druck in der Schlussphase waren einfach viel zu wenig. Mexiko siegte verdient und deckte die Mängel im deutschen Spiel schonungslos auf.

„Wir haben in der ersten Halbzeit keine Lösungen gefunden.“

Toni Kroos

Ein Abtasten gab es nicht in der Betonschüssel Luschniki. Schon in der ersten Minute wurde das deutsche Abwehr-Harakiri von den Mexikanern schonungslos offen gelegt. Über die linke Seite konnte Lozano in den Strafraum eindringen. Jérôme Boateng rettete per Grätsche - eine Riesentat. Wenige Sekunden später musste Manuel Neuer das erste Mal zupacken, als Marvin Plattenhardt den Ball vom Knie Richtung DFB-Tor bugsierte. Der Berliner sprang kurzfristig als rechter Verteidiger für den grippe-kranken Jonas Hector ein.

Reaktionen zur deutschen Niederlage

  • Joachim Löw (Bundestrainer):

    „Das ist in der Tat eine nicht gewohnte Situation. Dem müssen wir uns jetzt stellen. Das Turnier ist lang. Am Ende haben wir in den Kombinationen nicht die Sicherheit gehabt, die man kennt und wie ich mir das vorstelle. Wir konnten uns nicht von hinten raus entfalten. Unsere Kombinationen nach vorn sind nicht mit diesem Risiko, mit dieser Entschlossenheit gemacht worden. Der Start hat nicht geklappt. Jetzt müssen wir das nächste Spiel gewinnen, klar. Ich bin überzeugt, dass wir eine Reaktion zeigen können.“

  • Toni Kroos:

    „Wir waren konteranfällig, weil wir die Bälle viel zu einfach vorne verloren haben. Wir sind unter Druck jetzt, ohne Frage. Wir müssen jetzt, wenn möglich, sechs Punkte aus den zwei Spielen holen.“

  • Mats Hummels:

    „Wir haben wie gegen Saudi-Arabien gespielt - nur gegen einen besseren Gegner. Wir haben ein paar Dinge angesprochen wie leichte Ballverluste und Absicherung, die wir heute leider wieder nicht umgesetzt haben. Dadurch sah die erste Halbzeit aus, wie sie aussah. Mexiko hat das Spiel dadurch auch verdient gewonnen, weil wir es ihnen viel zu leicht gemacht haben, in dem Wissen, dass wir genau das nicht hätten zulassen dürfen. Ein Weckruf zu spät. Wir müssen jetzt zwei Spiele gewinnen, sonst war es das mit der WM. Ich verstehe nicht so ganz, warum wir es heute so gespielt haben, weil wir eigentlich schon einen Schuss vor den Bug bekommen hatten.“

  • Hirving Lozano (Torschütze Mexiko):

    „Wir haben viel dafür gearbeitet, der Trainer hat uns bestens vorbereitet, wir waren nervenstark. Wir haben einfach gezeigt, was wir drauf haben. Es ist das wichtigste Tor meines Lebens. Wir alle träumen davon, eine Weltmeisterschaft zu spielen und ein so bedeutendes Debüt bei einer WM zu haben.“

  • Jérôme Boateng:

    „Ganz ehrlich der schlimmstmögliche Start ins Turnier. Aber wir werden zurückschlagen.“

  • Thomas Müller:

    „Wir lassen zu viele Räume zum Kontern. Wir reden in den letzten Spielen immer über dieselben Probleme und versuchen, sie abzustellen. Jetzt haben wir quasi nur noch K.o.-Spiele.“

  • Oliver Bierhoff (Manager Nationalmannschaft):

    „Wir haben einfach zu wenig gemacht. Wir haben natürlich dominiert, aber so richtig zwingend war es nicht. Die Mexikaner haben eine andere Taktik gefahren, als wir es erwartet hatten. Wir hatten teilweise nicht die Mittel. Das war ärgerlich und für ein Auftaktspiel zu wenig. Ich habe jetzt kein schlechtes Gefühl. Es kann jetzt ein schwieriger Weg sein, den müssen wir jetzt gehen und das werden wir jetzt machen in den nächsten Tagen.“

Nach der Pleite gab es reichlich Spott für die DFB-Elf auf twitter:

Die Problemzone war aber die andere Flanke. Joshua Kimmich spielte praktisch Rechtsaußen. Seine Defensivaufgaben blieben unerledigt. Immer wieder stießen die schnellen Mexikaner per Konter in diese Lücke. Löw reagierte auf dieses taktische Problem nicht.

Das Gegentor durch Lozano zeichnete sich förmlich ab. Die Fehlerkette, die zum ersten Gegentreffer in einem WM-Auftaktspiel unter Löw führte, war symptomatisch für das deutsche Spiel. Der schwerfällige Sami Khedira verlor in der gegnerischen Hälfte einen Zweikampf, Mats Hummels rutschte in der Rückwärtsbewegung aus und die Kimmich-Seite war verwaist. Bezeichnend, dass der eigentlich fürs Kreative weit vorne vorgesehene Mesut Özil den finalen Zweikampf im führen musste - und diesen verlor. Lazano ließ sich die Chance diesmal nicht nehmen.

Löws Taktik ging hinten und vorne nicht auf. Zu große Abstände zwischen den Mannschaftsteilen, keine Ordnung, keine Stabilität. Von der versprochenen Besserung nach den mauen Tests gegen Österreich (1:2) und Saudi-Arabien (2:1) war nicht zu sehen. Vor allem Khedira und Kroos konnten die Lücken nicht schließen.

Ein Auftritt, der einen ratlos hinterlässt, kommentiert MZ-Redakteur Felix Kronawitter:

Kommentar

Der Wurm ist drin

Eigentlich ist Lionel Messi nicht als Mann großer Worte bekannt. Vor der WM hat der argentinische Fußballstar aber etwas durchaus Interessantes zu Protokoll...

Beste deutsche Möglichkeit

Einzig Boateng nahm die Zweikämpfe kompromisslos und körperbetont an, wurde mit seinem Defensivpartner Hummels und dem aufmerksamen und sicheren Neuer aber sehr allein gelassen. Gegen Hector Herrera (10.) und bei einem Kopfball von Hector Moreno (14.) packte der rechtzeitig genesene Schlussmann sicher zu.

Kroos‘ Freistoß war in der ersten Halbzeit die mit Abstand beste deutsche Möglichkeit, nachdem Timo Werner (3.) recht früh aus spitzem Winkel vorbei geschossen hatte. Der Leipziger wurde bei seinem WM-Debüt viel zu selten in Szene gesetzt.

Joachim Löw sah eine erschreckend schwache deutsche Elf. Foto: dpa
Joachim Löw sah eine erschreckend schwache deutsche Elf. Foto: dpa

In der zweiten Halbzeit verzichtete Löw zunächst auf neue Impulse. Die Mexikaner waren nicht mehr so laufstark, doch die DFB-Elf blieb in der Rückwärtsbewegung anfällig. Den Mexikanern fehlte schlicht der Punch - wie Stürmerstar Chicharito (57.) bei einem Konter.

Dann kam Reus - ein Signal für die Jagd nach dem Ausgleich. Der Dortmunder rutschte bei seiner WM-Premiere am Ball vorbei (68.) und schoss aus spitzem Winkel drüber (71.). Bei den nun häufigeren Offensivaktionen war es vor allem Julian Draxler, der immer wieder Richtung Ochoa-Tor strebte, doch auch der PSG-Profi hatte kein Fortune. Mexiko warf sich in jeden deutschen Schuss. Kroos (76.) zirkelte den Ball knapp vorbei. Mario Gomez und Julian Brandt kamen noch als finaler Joker - konnten die Premieren-Pleite aber nicht mehr abwenden. Gomez vergab eine Kopfballchance (87.), Brandt hatte Pech mit einem Kracher an den Außenpfosten (89.).

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