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Fussball

WM-Finale: Frankreichs Spiel des Lebens

Die Équipe Tricolore will den Triumph von vor 20 Jahren wiederholen. Für Kroatien wäre es der erste WM-Titel überhaupt.
Von Jens Marx, Ulrike John und Florian Lütticke

  • Am Mittwoch feierte die kroatische Mannschaft den Finaleinzug, am Sonntag könnte eine noch größere Party folgen. Foto: Petter Arvidson/dpa

Moskau.Grande Nation oder kleines Kroatien – im Spiel ihres Lebens wollen Frankreich und der Überraschungsfinalist vom Balkan ihr russisches Sommermärchen krönen. Aber nur einer kann am Sonntag im Moskauer Luschniki-Stadion die Nachfolge des entthronten Titelverteidigers Deutschland antreten und sich in den Party-Marathon stürzen. „Es ist mir völlig egal wie: Ich will diesen Stern!“, sagt Frankreichs Antoine Griezmann vor dem WM-Finale mit einem Milliarden-Publikum vor den Fernsehern.

„Wir lassen es nicht zu, dass eine andere Mannschaft den Pokal mitnimmt“, betont Paul Pogba. Kroatiens Kapitän Luka Modric kontert: „Ein Finale spielt man, um es zu gewinnen. Wir werden 22 Krieger sein.“ Denn Kroatien hat in seinem ersten Endspiel überhaupt die einmalige Chance auf eine Revanche de luxe: 1998 beendete die Équipe tricolore den WM-Traum der „Generation Suker“ im Halbfinale durch einen 2:1-Sieg. 20 Jahre und sieben Tage später wollen die Kroaten nun die Sehnsucht der Franzosen auf den zweiten WM-Triumph nach 1998 zunichtemachen.

Der Superstar ist die Mannschaft

„Jeder erinnert sich in Kroatien an dieses Spiel“, sagt Trainer Zlatko Dalic. „Vielleicht hat uns der liebe Gott ja die Möglichkeit gegeben, dieses Ergebnis zurechtzurücken.“ Es ist nicht das Finale, das viele vor der WM erwartet hatten, auch wenn Frankreich zum Anwärterkreis gerechnet werden musste. Die ganz hoch gehandelten Nationen fielen tief bei dieser sportlich teilweise verrückten WM in Russland: Titelverteidiger Deutschland raus nach der Gruppenphase. Europameister Portugal raus im Achtelfinale, am gleichen Tag scheiterte auch Vizeweltmeister Argentinien – gegen Frankreich. Rekordweltmeister Brasilien raus im Viertelfinale. Das Fußball-Mutterland England raus im Halbfinale gegen die Kroaten, ebenso wie Geheimfavorit Belgien gegen Frankreich.

Eines eint die ungleichen Finalisten: Sie haben viele Stars, aber der Superstar ist die Mannschaft. Herausragende individuelle Klasse unter anderem bei Spielern wie Griezmann, Pogba, Kylian Mbappé auf der einen und Modric, Mario Mandzukic, Ivan Perisic auf der anderen Seite – gepaart mit taktischer Disziplin, auch wenn die Trainer ebenfalls kaum unterschiedlicher sein könnten. Didier Deschamps, 49 Jahre alter Weltmeister-Kapitän von 1998, Europameister-Kapitän von 2000, zweimaliger Champions-League-Sieger als Spieler. Ehemaliger Trainer des Jahres in Frankreich, weltweit geachtet. Er kann beim Titeltriumph mit Franz Beckenbauer und dem Brasilianer Mario Zagallo gleichziehen – den einzigen, die als Spieler und Trainer die WM-Trophäe eroberten. Den EM-Titel als Trainer im eigenen Land verpasste Deschamps durch eine Niederlage gegen Portugal. Aus den Fehlern von damals lernte die Mannschaft. Nach dem Sieg gegen Weltmeister Deutschland im Halbfinale sei man zu euphorisch gewesen, betont Blaise Mauidi. Dass seine Spieler nicht wieder zu früh abheben, dafür sorgt auch Kontroll-Coach Deschamps.

Sein Pendant Dalic war bis zur WM ein Nobody als Spieler und Trainer. Die WM 1998 erlebte er als Fan teilweise vor Ort. Den bitteren Geschmack der damaligen Enttäuschung spürt er noch heute. Den Einzug ins Finale gegen die Franzosen genoss der 51-Jährige dann auch im Kroatien-Trikot auf der Pressekonferenz nach dem 2:1-Sieg gegen England. „Es ist eine einzigartige Gelegenheit, ein Finale bei einer WM zu spielen. Wir wären nach Uruguay das kleinste Land, das jemals Weltmeister wurde. Lasst uns das Wunder fortsetzen, so lange es geht.“ Eine Reise mit dem Wunschziel jedes Fußballers. „Die Worte, um die Gefühle zu beschreiben, gibt es nicht“, sagt Ivan Rakitic: „Dafür muss man im Duden richtig lange suchen – oder etwas Neues erfinden. Für uns alle in Kroatien ist dieses Finale eine Riesen-Geschichte.“ Für alle in den rot-weißen Karos wird es das größte Spiel ihrer bisherigen Karrieren.

Genauso wie für die Franzosen. „Das ist ein Kindheitstraum, der wahr wird. Wir sind so nah dran, ihn zu berühren. Das ist das Spiel unseres Lebens. Wir müssen alles geben, um diesen Traum wahr werden zu lassen“, sagt Matuidi.

Hoher Besuch zum Finale

Dass die Franzosen nicht einmal, die Kroaten aber in jedem ihrer drei K.o.-Spiele in die Verlängerung mussten und einen Tag weniger zur Erholung hatten, sieht Matuidi nicht als Vorteil. Und die Kroaten wähnen sich deswegen nicht im Nachteil. „Im Endspiel holt man die Kraft, woher auch immer“, meint Rakitic. Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic ist schon aufgeregt: „Ich weiß gar nicht, wie ich das bis Sonntag aushalten soll“, wurde sie von der Boulevardzeitung „24sata“ zitiert. Mit ihrem feschen Outfit in den Landesfarben sorgte sie bereits für Aufsehen, das Endspiel will sich Grabar-Kitarovic auch nicht entgehen lassen.

Emmanuel Macron kommt auch nach Moskau. Nach vielen schweren Monaten, vor allem durch die Terrorattacken vom November 2015 am Rande des Freundschaftsspiels gegen Deutschland in Paris, will die Équipe tricolore die rauschende Titelparty auf den Champs-Elysées perfekt machen.

Alle Infos zur Fußball-WM in Russland:

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