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INTERVIEW

„Ich versuche alles zu genießen“

Weitsprung-Olympiahoffnung Michelle Weitzel spricht mit MZ-Redakteur Claus Wotruba über Musik, ihre Zukunft als Lehrerin und ihre Blitzkarriere.

Hoch das Bein: Michelle Weitzel, Olympia-Hoffnung und angehende Lehrerin, zeigt auch dem Fußball-Nachwuchs des SSV Jahn, wie es geht. Foto: Brüssel

Michelle, mögen Sie die Beatles?

Michelle Weitzel: Beatles? Haben die nicht dieses Lied geschrieben? „Michelle“?

Haben sie: „Michelle, my Belle.“ Das hat 1966 sogar den Grammy gewonnen. Haben Sie das nicht öfter zu hören gekriegt?

Doch, doch. Beim TV Gelnhausen, meinem ersten Verein, hat einer meiner Jugendtrainer das Lied immer gesungen, wenn er mich gesehen hat: Michelle, my Belle (singt).

Hilft Musikalität beim Weitsprung? Man braucht doch Rhythmusgefühl.

Musikalität hat was mit Intelligenz zu tun, habe ich gelesen. Es gibt Untersuchungen bei Kindern, die besagen, dass sie eine bessere Auffassungsgabe haben, wenn sie ein Instrument gelernt haben. Ich spiele Klavier, das habe ich auch früh angefangen. Ich glaube schon, dass mir das hilft, mich an neue Sachen anzupassen.

Denkt man beim Anlauf musikalisch?

Rhythmisch auf alle Fälle. Und beim Einlaufen brauche ich meine Musik, um in Stimmung zu kommen.

Was hören Sie da?

Immer was Anderes. Das Letzte war von Nickelback „When we stand together“. Das drückt so schön diesen Zusammenhalt aus, mit der Trainerin oder den Mitkämpferinnen. Im Sommer hatte ich „Danza kuduro“.

Also auf jeden Fall etwas Positives?

Das macht gute Laune. Und wenn ich gute Laune habe, kann im Wettkampf nichts schiefgehen.

Vergangenes Jahr hatten Sie allen Grund zur guten Laune: Deutsche Meisterin in der Halle und im Freien, Hallen-EM, Fünfte bei der Universiade in China – Sie gelten als eine der Aufsteigerinnen. Diesen Winter läuft es noch nicht so gut.

Stimmt. Aber das ist normal, es kann nicht immer nur bergauf gehen. Und besser jetzt als im Mai. Wenn ich dann mit so einem Wettkampf anfangen würde wie bei den Bayerischen und noch so einer draufkommt und noch so einer, dann wäre es schwer, das Olympiaticket zu lösen. Aber wenn‘s jetzt im Januar passiert... Ich fühl mich im Training schnell, fehlt nur noch vorne der Absprung.

Was fehlt genau?

Das war ein bisschen unglücklich mit den Wettkämpfen. Die ersten beiden bin ich ohne Brett gesprungen. Die nächsten zwei war ich krank und wollte testen, ob das geht. Wenn eine EM ansteht, muss man auch mit Schnupfen springen können. Das war ein Experiment. Die vier schlechten Wettkämpfe haben mich aber auch ein bisschen verunsichert.

Können Sie mal erklären, was Sie zum Weitsprung geführt hat, was die Faszination ist? Das ging ja langsam.

Ich finde es schön, wenn man selbst merkt, dass man etwas verändern kann. Ich habe früher Hochsprung gemacht. Da ist es mir schwergefallen, das umzusetzen, was der Trainer gesagt hat. Irgendwann war technisch die Blockade drin. Ich springe nicht schlecht hoch, aber von Veranlagung, Größe und Sprungkraft her hätte ich mit guter Technik eine 1,80er-Höhe stehen haben müssen.

Was kam dann?

Über die Hürden habe ich schon ein bisschen Verbesserung gesehen aufgrund meiner Schnelligkeit. Aber aus mir wird nie eine richtige Sprinterin. Und im Weitsprung habe ich bei Steffi (Steffi Pietsch, Weitzels Trainerin/d. Red.) von Anfang an das Gefühl gehabt, dass sie mit kleinen Übungen viel erreicht hat und ich das gut umsetzen konnte. Und wenn man sich immer auch in der Weite verbessert, ist das ja auch schön.

Gehört zur Faszination Weitsprung auch die Flugphase?

Ja, schon. Wenn man sich trifft (Weitspringer-Jargon für einen guten Sprung/d. Red.), dann gehe ich aus der Grube und sage: Hast Du gesehen, Steffi? Und sie sagt: Ja, hab ich. Das fühlt sich gut an.

Denkt man dann, man sei länger in der Luft, als es in Wirklichkeit ist?

Es ist mehr der Moment des Absprungs, wenn man sich trifft und merkt: Uuuh, das geht nochmal weiter. In dem Moment wird die Kraft optimal übertragen.

Sie suchen den perfekten Sprung ja noch.

Ja, schon. Hoffentlich kommt er zum richtigen Zeitpunkt. Das ist ja das Spannende, dass er noch nicht da war.

Die Olympiachance kommt überraschend – vor zwei Jahren war kein Gedanke daran zu verschwenden, oder?

Da dachte ich auch nicht, dass ich zweimal deutsche Meisterin werde.

Läuft die persönliche Planung längerfristig? Das Lehramtsstudium ist fast beendet.

Das kommt drauf an, wie ich mich weiterentwickle. Ich hätte Lust, bis 2016 weiterzuspringen. Das geht aber nur, wenn ich erst nach dem Leistungssport ins Referendariat gehe. Mein erstes Staatsexamen will ich 2013 machen. Aber ich muss halt sehen: Das Leben muss man sich ja finanzieren. Solange ich so gut springe, dass ich mir das leisten kann, werde ich auf jeden Fall versuchen, den perfekten Sprung rauszukitzeln.

Auch die Lehrerinnen-Zukunft ist bewusst gewählt und liegt am Herzen, oder?

Das ist zufällig entstanden, eher durch Schicksal. Der Lehrerberuf lässt sich gut mit Familie vereinbaren. Ich habe einen sehr familiären Hintergrund, das möchte ich meinen Kindern und Enkelkindern auch mal bieten können. Ich komme gut mit Kindern klar, sehe mich auch als Vorbild und glaube, dass ich gut etwas weitergeben kann, eben weil bei mir nicht alles sprunghaft am Anfang ging.

Sondern mit Geduld und Hartnäckigkeit.

Ja, genau. Ich bin immer dabei geblieben. Mir hat auch nie jemand richtig Druck gemacht, auch meine Eltern nicht. Das sind lauter gute Sachen, die ich erlebt habe und meinen Schülern weitergeben kann.

Sie üben ja auch schon pädagogisch und machen Koordinationstraining mit Nachwuchsfußballern beim SSV Jahn?

Die Jungs sind mir schon ans Herz gewachsen. Das macht Spaß, und den Jungs gefällt es, glaube ich, auch. Der Jahn hat angefragt, ob ich das für mehrere Mannschaften machen könnte. Meine zukünftige Mitbewohnerin, die Liane Weber, eine Mehrkämpferin, die aus den USA zurück ist und bei Stefan Wimmer, dem Mann von Steffi, trainiert, und ich machen das künftig zusammen. Ich bin für U 12 bis U14 zuständig, sie für U15 bis U17.

Für welchen pädagogischen Stil steht denn Michelle Weitzel?

Ich bin nicht die, die die Kids drillt – auch wenn meine Fußballtrainer das gerne hätten, die ziemlich auf Leistung aus sind. Aber die Kleinen müssen auf koordinativer Ebene dazulernen, das kann man durch kleine Übungen. Das muss nicht die Haudrauf-Methode sein, sondern eher vielseitig und soll Spaß machen.

Bei Ihnen hat sich die Leichtathletik früh herauskristallisiert.

Durch die Bundesjugendspiele: Da war ich ganz gut, auch schon im Weitsprung. Das war meine beste Disziplin, und da bin ich ja auf Umwegen ja auch wieder hingekommen. Meine Tante ist übrigens auch eine ganz gute Weitspringerin gewesen.

Wie ist das als Olympiahoffnung: Werden Sie darauf angesprochen und meldet sich der eigene Kopf mal dazwischen zu Wort?

Ich versuche alles zu genießen. Mehr Leute als in den vergangenen Jahren fragen nicht nach. Die, die sich vorher interessiert haben, interessieren sich immer noch. Und ich versuche auch nicht daran zu denken, was ist, wenn‘s nicht klappt. Es ist ja schon ein Traum, über Olympia reden zu dürfen. Das hätte ich nie gedacht. Ich habe jetzt die Chance. Mit dem richtigen Sprung kann ich da mitmachen.

Wenn es am Sonntag in Karlsruhe bei der Hallen-DM gut klappt, ist die WM in Istanbul ein Thema?

Wenn ich die Norm (6,65 Meter/d. Red.) springe, fahre ich. Das habe ich mit meiner Trainerin so ausgemacht.

Zurück zum Start des Gesprächs: Sie haben einen musikalischen Wunschtitel frei, für Sonntag oder für die ganze Saison. Fällt Ihnen ein passender ein?

(überlegt) Ein bestimmter fällt mir nicht ein. Vielleicht von der Geburtstagsparty meiner Mutter. Da kam mir Tina Turner „Simply the best“ unter.

Der Song passt ja perfekt zum Sport.

Falls ich gewinne, höre ich mir den auf der Heimfahrt auf jeden Fall an.

Wir wünschen es Ihnen. Viel Glück!

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