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Jahn: Herrlich setzt auf Transparenz

Der Trainer des Regionalligisten spricht im MZ-Interview über den Umgang mit den Fans, hohe Ansprüche – und Zitronen.
Von Heinz Gläser, MZ

Gibt beim Jahn nun die Richtung vor: Heiko Herrlich
Gibt beim Jahn nun die Richtung vor: Heiko Herrlich Foto: Eibner

Regensburg.Herr Herrlich, am Samstag startet mit dem Heimspiel gegen den FC Augsburg II für den SSV Jahn die Restrückrunde. Wenn Sie nach gut fünf Wochen Vorbereitung ein Fazit ziehen: Wie fällt dieses aus?

Ich bin zufrieden. Ich bin ja nicht mit der Erwartung hierhergekommen, dass gleich alles rund läuft, dass wir jedes Testspiel gewinnen und nie mehr ein Gegentor bekommen. Wir befinden uns in einem Prozess.

Die Testspielbilanz ist – mit Ausnahme des Sieges gegen Kickers Offenbach – sehr durchwachsen.Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Unsere Gegner waren ambitionierte Teams, die mitspielen und selbst fußballerische Lösungen finden wollten. Daher waren die Partien zwar für mich sehr aufschlussreich, aber für viele der Aufgaben, die uns im Ligaalltag erwarten, nur bedingt aussagekräftig.

Inwiefern?

Viele Mannschaften in der Regionalliga werden sich gegen uns aufs Zerstören konzentrieren, und je nach Wetterlage könnten die Plätze in fürchterlichem Zustand sein. Dann ist es schwierig bis unmöglich, spielerische Lösungen zu finden. Dann musst du auch mal schmutzig gewinnen, dann geht es nicht um einen Schönheitspreis. Wir müssen uns wehren, müssen dagegenhalten, aber trotzdem unsere fußballerische Qualität einbringen. Das will ich von meinen Spielern sehen. Ich will sehen, dass sie sich auch in solchen Spielen behaupten.

Sie sind in Regensburg auf die Medien und die Jahn-Anhänger sehr offen zugegangen, haben bei einem Fan-Abend Ihre Vorstellungen detailliert erläutert. Was erhoffen Sie sich von dieser Offenheit?

Man muss sehen, welche schwierige Zeit hinter dem Jahn liegt. Natürlich herrscht da im Umfeld eine gewisse Unruhe. Also geht es mir darum, Vertrauen zurückzugewinnen. Solche Aktionen wie der Fan-Abend dienen dazu. Ich lege bewusst Wert auf Transparenz. Die Leute sollten die Gelegenheit haben, mich kennenzulernen. Sie sollten sehen: Der Herrlich meint’s ernst, der identifiziert sich hundertprozentig mit der Sache, der lässt sich auf Regensburg ein; für den ist Fußball nicht nur Beruf, sondern Leidenschaft.

Lesen Sie hier den Bericht über das Treffen von Heiko Herrlich mit den Jahn-Fans

Mit welchen Gefühlen und Erwartungen sind Sie an die Aufgabe herangegangen?

Der Jahn ist eine Riesenherausforderung und gleichzeitig eine Riesenchance. Wenn du hier den Aufstieg schaffst, in der dritten Liga gut mitspielst und irgendwann vielleicht noch mehr erreichst, dann wäre das eine tolle Geschichte. Natürlich birgt der Job auch Risiken für mich, keine Frage. Manche haben mich gefragt: Warum tust du dir das an? Aber ich freue mich einfach über die Aufgabe. Ich gebe mein Bestes, entscheide nach bestem Wissen und Gewissen. Ich will Verlässlichkeit vorleben. Mehr kann ich nicht tun. Garantien gibt es im Fußball keine.

Das Regensburger Publikum gilt als begeisterungsfähig, aber beizeiten auch als sehr kritisch...

Das weiß ich. Und damit kann ich leben. Wichtig ist, Ruhe reinzubringen. Alle müssen an einem Strang ziehen. Ich habe das Gefühl, jeder in dieser Stadt und der Region will mithelfen, den Jahn wieder in die dritte Liga oder besser noch höher zu bringen.

Wer die Testspiele verfolgt hat, der hatte den Eindruck, dass Sie Ihrer Mannschaft taktisch sehr viel abverlangen. Die Abwehr steht sehr hoch, Sie fordern ein konsequentes Pressing. Kann ein solches System die Spieler auch überfordern?

Nein. Es gibt bei mir gewisse Prinzipien, die einzuhalten sind. Dazu zählt das Gegenpressing bei Ballverlusten, dazu zählt, gleichzeitig die Ordnung und Kompaktheit herzustellen, um nicht von langen Bällen in den Rücken der Abwehr überrascht zu werden. Dieses Risiko ist natürlich groß, wenn ein Team so hoch steht.

„Ich bin nicht dafür da, die Zitrone ein bisschen anzudrücken und dann wieder loszulassen, weil die Zitrone das nicht mag, wenn sie gedrückt wird.“

Heiko Herrlich

Trotzdem ist Fußball nicht komplett planbar...

Klar. In jeder Partie spielt der Faktor Glück zu 15 bis 20 Prozent eine Rolle. Es geht darum, diesen Faktor soweit wie möglich zu minimieren. Durch Aufmerksamkeit, durch konsequentes Arbeiten gegen den Ball, durch gutes Stellungsspiel...

So offen und sympathisch Sie dem Umfeld begegnen, so fordernd sind Sie dem Vernehmen nach im Training. Direkt gefragt: Ist Heiko Herrlich der Typ Trainer, dem man im Fußball gerne das Etikett „harter Hund“ anheftet?

Dafür werde ich bezahlt. Ich bin nicht dafür da, die Zitrone ein bisschen anzudrücken und dann wieder loszulassen, weil die Zitrone das nicht mag, wenn sie gedrückt wird. Meine Aufgabe ist es, die Zitrone richtig zu quetschen. Und die Spieler werden merken: Das ist gut, wenn der Trainer quetscht. Denn es macht mich besser.

Besteht nicht die Gefahr, von den Spielern zu viel zu verlangen?

Natürlich geht es auch darum, die Balance zu finden und den einen oder anderen nicht zu überfordern. Die Spieler merken schon, dass ich viel von ihnen verlange. Aber ich verzeihe auch Fehler. Es geht mir nicht darum, jemanden an den Pranger zu stellen. Ich lasse die Jungs nicht fallen, sondern will ihnen Sicherheit geben. Ich will sie auf unserem Weg mitnehmen.

Sie haben angedeutet, dass auch mal ein Geheimtraining beim Jahn möglich sein könnte. Geht das für die vierte Liga nicht zu weit?

Dazu wird es ja auch nur in absoluten Ausnahmefällen kommen. Ich schließe es nur nicht kategorisch aus und mache das von der Situation abhängig. Ein Geheimtraining kann vor sehr wichtigen Spielen Sinn machen, wenn wir Standardsituationen oder eine neue taktische Ausrichtung trainieren. Auch in der vierten Liga gibt es Klubs, die mal beim Training des Gegners vorbeischauen...

„Der Jahn ist eine Riesenherausforderung und gleichzeitig eine Riesenchance.“

Heiko Herrlich

Nach einem furiosen Saisonstart trat die Mannschaft zuletzt unter Ihrem Vorgänger Christian Brand wie blockiert auf, vor allem auswärts. Wie wollen Sie diese Blockade lösen? Ihnen bleiben ja gerade mal 13 Rückrundenspiele und hoffentlich die beiden Playoff-Spiele...

Da ist psychologische Raffinesse gefragt – die Spieler aus der Routine rauszureißen, sie aufzurütteln, mal was anders zu machen. Mal schauen, welche Impulse ich je nach Spiel setze.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie Sie auf der mentalen Ebene arbeiten?

Ich habe meinen Spielern schon am zweiten Tag den Film „The Miracle“ über das Eishockey-Wunder von Lake Placid gezeigt, als 1980 eine amerikanische Studententruppe bei Olympia gegen das übermächtige sowjetische Team gewann. Wir haben auch im Trainingslager jeden Tag Sportfilme geguckt, zum Beispiel „When we were Kings“, eine Doku über den Ali-Kampf gegen George Foreman in Kinshasa. Das gehört zum Teambuilding. Wenn du damit vier oder fünf Spieler erreichst, dann tragen die diesen Spirit, diese extreme Siegermentalität und den unbedingten Willen in die Mannschaft hinein.

Das mag in den Ohren mancher Fans ungewohnt klingen...

Wenn’s schiefgeht, haut man mir solche Sachen um die Ohren. Das ist mir bewusst.

Im Spiel gegen Augsburg treffen Sie am Samstag auf Ihren ehemaligen Teamkollegen und Nationalspieler Christian Wörns, der jetzt die „Zweite“ das FCA coacht. Gab’s Kontakt?

Wir haben vor längerer Zeit telefoniert. Aber Christian ist genauso wie ich 24 Stunden am Tag auf seinen Job fokussiert. Was unsere Freundschaft angeht, drücken wir jetzt mal für dieses Spiel die Pausentaste.

Auf welchen Gegner stellen Sie Ihre Mannschaft ein?

Ich habe Augsburg im Test gegen Unterföhring beobachtet. Das ist eine sehr junge Mannschaft mit guten Fußballern. Das wird kein Spaziergang. Wir müssen hellwach sein.

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