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Die Mauer in den Köpfen

Manche vermeintlich unüberwindbare Hindernisse verlieren schnell ihren Schrecken. Es muss nur einer den Anfang machen.
Von Jan-Lennart Loeffler

Foto: Gruber
Foto: Gruber

Regensburg.Sie galten als unüberwindbare Mauer: die vier Minuten. Schneller ging es einfach nicht. Noch nie hatte ein Läufer es geschafft, die englische Meile, das sind rund 1600 Meter, in weniger als in diesen vier Minuten zurückzulegen. Bis Roger Bannister kam. Das ist nun ziemlich genau 65 Jahre her: Am 6. Mai 1954 durchbrach der britische Leichtathlet diese sportliche Schallmauer, die zuvor ein Jahrhundert lang standgehalten hatte: mit 3 Minuten 59 Sekunden. Im letzten Jahrzehnt vor Bannisters Lauf fehlten den Athleten stets nur wenige Sekunden. Aber die Mauer hielt.

Das Bemerkenswerte an Bannisters Leistung ist nicht, dass sie aufgestellt wurde. Er selbst – später ein renommierter Neurologe – war davon überzeugt, dass sein Beitrag zur Medizin seine sportlichen Leistungen bei Weitem übertreffe. Das Entscheidende war: Bannister konnte sich über seinen Rekord nur sehr kurze Zeit freuen. Was Jahrzehnte lang unüberwindbar galt, wurde nun fast im Monatsrhythmus überwunden. Bereits nur wenige Wochen später lief der Australier John Landy die Meile als zweiter Menschen in unter vier Minuten. Er knackte dabei sogar Bannisters Bestmarke um mehr als eine Sekunde.

In der Folge unterboten immer mehr Läufer die Vier-Minuten-Marke. Heute ist sie nurmehr ein Standard für einen guten Mittelstreckenläufer. Was war passiert? Bannister hatte der Hürde ihren Nimbus genommen. Wie ein „unbesteigbarer“ Berg, der durch die Erstbesteigung seinen Schrecken verliert. Es war plötzlich jedem Läufer klar, dass es zu schaffen ist. Die vier Minuten waren keine körperliche Hürde, sondern eine mentale Mauer. Einmal durchbrochen war sie kein Hindernis mehr. Neben seinen Leistungen in Medizin und Leichtathletik hat Bannister so auch in einem dritten Bereich seinen Betrag geleistet: Die Sport- und Arbeits-Psychologie spricht heute vom Bannister-Effekt, wenn sie eine Mauer im Kopf beschreibt, die es zu überwinden gilt.

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