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Selbstversuch

Curling: Schach auf dem Eis

Bei Olympischen Winterspielen lockt Curling Millionen vor die TV-Geräte. Felix Kronawitter hat den Sport selbst ausprobiert.

  • Daniel Herberg (hier im Einsatz bei den Olympischen Winterspielen 2010 im kanadischen Vancouver) hat die Quali für Pyeongchang mit seinem Team verpasst. Fotos: Dan Levine/dpa(1)/Sebastian Böhm(2)

Oberstdorf.Beim Gedanken an Curling geht es mir wie vielen. Wenn am Freitag die Olympischen Spiele in Pyeongchang starten, werden die Athleten mit Granitstein und Besen wieder Millionen vor die TV-Geräte locken – mich eingeschlossen. Dass mich das Curling-Fieber nicht schon eher gepackt hat, ist wohl einer traumatischen Erfahrung aus meiner Jugend geschuldet. Denn oberhalb unseres Fußballplatzes gab es eine Stockbahn. Und die Aktivitäten dort zogen stets mehr Zuschauer an, als die technischen Raffinessen, die wir auf dem Rasen unterhalb zeigten. Seither wurden stocksport-ähnliche Aktivitäten meinerseits irrtümlicherweise lange Jahre boykottiert. Doch 2014, während der Olympischen Winterspiele in Sotschi, hat mich das „Schach auf dem Eis“, wie Curling wegen seiner vielen taktischen Raffinessen auch bezeichnet wird, dann doch in seinen Bann gezogen. Und jetzt – wie alle vier Jahre – erwacht Curling medial wieder zum Leben. Zeit für einen Selbstversuch.

Hilfe vom erfahrenen Lehrmeister

Markus Messenzehl, Vorsitzender der Curling-Abteilung beim EC Oberstdorf, hat seine aktive Karriere vor vier Jahren beendet.
Markus Messenzehl, Vorsitzender der Curling-Abteilung beim EC Oberstdorf, hat seine aktive Karriere vor vier Jahren beendet.

Oberstdorf, eingerahmt von den Allgäuer Alpen, ist ein malerischer Ort, der allen Skisprung-Fans aus diversen TV-Übertragungen ebenso bekannt ist, wie die Schattenbergschanze am Fuße des gleichnamigen Bergs. Alljährlich jubeln hier Tausende Zuschauer Ende Dezember beim Eröffnungsspringen der Vierschanzentournee den Skispringern auf ihrer Weitenjagd zu. Beeindruckt von der Anlage schweift mein Blick aber nach links – zum Eissportzentrum.

Bei meinem ersten Curling-Schnupperkurs beim EC Oberstdorf, der einen von 20 deutschen Curling-Klubs beheimatet, steht mir mit Markus Messenzehl einer der erfolgreichsten deutschen Curler zur Seite. Doch bevor er mit mir eintaucht in die Faszination der Curling-Welt und nebenbei noch 29 Kinder und Jugendliche zu koordinieren hat, ist er erst mal mit der Eismaschine im Einsatz. Das Curling-Spielfeld (auch „sheet“ oder „rink“ genannt) ist eine Eisfläche, die speziell für den Curling-Sport präpariert wird. Die auf der Eisfläche gleitenden Granitsteine sollen sich mit so wenig Reibung wie möglich darauf bewegen können. Die Eismaschine hobelt die oberste Schicht ab. Dann wird die Eisfläche mit feinen Wassertropfen (sogenannten „pebbles“) besprüht. Somit gleitet der Granitstein nicht über eine vollkommen glatte Fläche, sondern nur über die Erhebungen, die durch das pebbling erzeugt werden.

Impressionen gibt es in unserem Video:

Curling-Selbstversuch: Kollege Kronawitter trainie

Messenzehl drückt mir erstmal einen Besen in die Hand. Mit einem Haushaltsbesen hat der aber wenig zu tun. Curler verwenden Hightech-Geräte mit unterschiedlichen Besenköpfen (Haarbesen oder Kunststoffbesen) für unterschiedliche Eisbeschaffenheiten. Die modernsten Besen sind mit Karbonstielen versehen. Die große Bedeutung des Besens und der kraftvolle Einsatz der Kollegen eines Curling-Teams, das aus vier Spielern besteht, wird mir am Ende meines Selbstversuchs noch nachhaltig bewusstwerden.

Mit dem Besen unterm Arm schnappe ich mir den ersten Granitstein. Ein Exemplar, das knapp 20 Kilo schwer ist und mindestens 500 Euro teuer. Unter meinem linken Schuh befestige ich eine „Sliding-Sohle“. Jetzt sind meine Gleitfähigkeiten gefragt. Mit dem rechten Fuß stoße ich mich vom „Hack“, einer Startvorrichtung, ab, schiebe das linke Bein nach vorne und halte dank des Granitsteins, dessen Griff ich festhalte, dem eingespreizten Besen unter meinem linken Arm und dem ausgestreckten rechten Bein, einigermaßen die Balance. Bei Messenzehl, dem zweifachen Europameister, Vize-Weltmeister und Olympiateilnehmer von Salt Lake City 2002, sieht das etwas ästhetischer aus, meint Sebastian Böhm vom MZ-Videoteam, der das ganze mit der Kamera festhält.

„Curling ist ein wunderbarer Teamsport.“

Markus Messenzehl

Das primäre Spielziel beim Curling ist es, möglichst viele der acht eigenen Steine eines Teams näher beim Zentrum (Button) des Hauses, zu platzieren, als der am besten platzierte gegnerische Stein. Für jeden solchen Stein gibt es einen Punkt. Wer am Ende des Spieles die meisten Punkte erreicht hat, gewinnt das Spiel. Bis die zehn Durchgänge gespielt sind, dauert es schon mal zweieinhalb Stunden.

„Curling ist ein wunderbarer Teamsport“, schwärmt Messenzahl, dessen Curling-Veranstaltungen für Jedermann sich großer Beliebtheit erfreuen. Eine gelungene Kombination aus Konzentration, Präzision und Technik sowie der richtigen Taktik, sei der Schlüssel zum Erfolg, erklärt Messenzehl.

Jetzt will ich sehen, ob ich den Dreh schon raus habe. „Aufgrund mangelnder Erfolgsaussichten“ bittet mich Messenzehl, es aber erstmal nur über die halbe Distanz zu versuchen, den Granitstein im Haus zu platzieren. Langsam gleite ich nach vorne – und schicke den Granitstein viel zu schnell auf die Reise. Meine Träume von der großen Curler-Karriere und einer Teilnahme bei den Spielen 2022 in Peking schwinden dahin.

Angelika Sauerer startete beim Biathlon einen Selbstversuch. Bernhard Fleischmann hatte viel Spaß in der Mausefalle. Und: Marianne Sperb hat sich als Skispringerin versucht.

Er curlt, und curlt und curlt

MZ-Redakteur Felix Kronawitter begibt sich auf ungewohntes Terrain.
MZ-Redakteur Felix Kronawitter begibt sich auf ungewohntes Terrain.

Während ich mich noch mit der Fehleranalyse beschäftige, startet Daniel Herberg sein Aufwärmprogramm mit Dehnübungen. Eigentlich sollte sich der Oberstdorfer jetzt rund 8000 Kilometer weiter entfernt in Südkorea vorbereiten. Aber das deutsche Team hat die Qualifikation verpasst. Die olympischen Curling-Wettbewerbe finden ohne deutsche Beteiligung statt. Die Konkurrenz nimmt Herberg nun als Kommentator bei Eurosport unter die Lupe.

Dass ich nach rund zwei Stunden mit grinsendem Gesicht die Eishalle verlasse, habe ich primär Herberg und Messenzehl zu verdanken. Zum Schluss wage ich mich auf die volle Distanz. Mein Blick richtet sich auf das rund 40 Meter entfernte Haus. Herberg zeigt mit seinem Besen den Punkt an, den ich anvisieren soll. Als ich den Griff des Granitsteins loslasse, erschleicht mich das Gefühl, dass das gute Ding wohl auf halber Strecke verhungert.

Doch er curlt und curlt und curlt. Die beiden Profis wischen, was das Zeug hält – und erzeugen dadurch einen dünnen Wasserfilm, auf dem der Stein besser gleitet. Er landet tatsächlich im Haus. Völlig begeistert klatsche ich mit meinen beiden Teamkollegen ab, die lobende Worte finden für meinen ersten Versuch auf der Langdistanz. Zig Gedanken schießen mir, ganz euphorisiert, durch den Kopf. Jetzt dranbleiben und versuchen, noch zu Herberg ins deutsche Team zu rutschen, das vom 31. März bis 8. April bei den Weltmeisterschaften in Las Vegas an den Start geht? Nein! Ich verkünde mein Karriereende. Man soll schließlich aufhören, wenn es am schönsten ist!

Hier geht es zu unserem Olympia-Spezial:

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