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Sport

Den Berg runter kommt man immer

Skispringer sind die heimlichen Stars der Winterspiele. Marianne Sperb hat es in Thüringen versucht. Immerhin: nix gebrochen.
Von Marianne Sperb

Das ist doch schon ein ganz ordentliches V, das die Skier zeigen. Maik Seidel aus Oberbayern testet eine Schanze des Wintersportvereins 08 im thüringischen Lauscha. Fotos (3): Sperb
Das ist doch schon ein ganz ordentliches V, das die Skier zeigen. Maik Seidel aus Oberbayern testet eine Schanze des Wintersportvereins 08 im thüringischen Lauscha. Fotos (3): Sperb

Lauscha.Oli Reck schippt Schnee an der Schanze im Thüringer Wald, mit dem ausdauernden Gleichmaß des Routiniers. Lauscha liegt 800 Meter hoch und ist dick verschneit. Noch eine Schaufel. Noch eine Schaufel. Und noch eine. Passt!

Der 28-Jährige – drahtig, Undercut, notorisch gute Laune – präpariert an diesem Samstagmorgen die Anlage des Wintersportvereins 08 Lauscha für einen Kurs. 14 Neulinge wollen lernen, sich in die Tiefe zu stürzen, um abzuheben. Das Skispringen für Jedermann ist ein Renner. Hier lernen Menschen im Alter von sechs bis 80 Jahren die Freiheit auf zwei Brettern kennen, und sie kommen aus halb Deutschland.

Im Auto, während der gut zweistündigen Anfahrt aus Regensburg, nudelt der Radiosender Meldungen aus Oberstdorf. Die deutsche Olympia-Hoffnung Richard Freitag holt bei der Skiflug-WM Bronze im Einzel, verpasst aber mit seinem Team die Medaille. Der Sachse, der 2012 als erster Deutscher auf Skiern 230 Meter Weite gemeistert hat, ist so etwas wie meine Benchmark für den Selbstversuch.

Die Schwerkraft macht’s

Skisprung ist mein Ding, dachte ich bei der Themenauswahl der Redaktion im Vorfeld. Ich bin zwar kein geborener Skiflieger wie Jens Weißflog, Sven Hannawald und Richard Freitag, die alle drei im Krankenhaus Erlabrunn zur Welt gekommen sind, dafür aber mit 53 Kilo deutlich leichter, also flugtauglicher. Ich bringe Erfahrung als Fallschirmspringer mit und glaube: Wer sich freiwillig in 4500 Metern Höhe aus einer Flugzeugluke in den freien Fall und das große Nichts kippen lässt, wird auf einer Schanze nicht kneifen. Mein Plus: Ich habe eine Heidenangst vor seelischen Schmerzen, aber eine Todesverachtung für die körperlichen. Das stärkste Argument ist aber: Springen scheint die Sportart zu sein, die am wenigsten Schweiß verlangt. Die Schwerkraft wird die Sache schon schaukeln.

14 Neulinge probieren an diesem Samstag in Lauscha, wie Skisprung funktioniert. Foto: Sperb
14 Neulinge probieren an diesem Samstag in Lauscha, wie Skisprung funktioniert. Foto: Sperb

Oli Reck hat die Schneeschippe inzwischen beiseite gestellt. Im Vereinsheim erklärt er den künftigen Skifliegern die Basics. Der Thüringer springt seit 22 Jahren, sagte der Karriere als Leistungssportler aber nach einem Sturz 2003 bye-bye. Mit 28 gilt er in der Sparte bereits als Senior. „Der Sprung hat fünf Phasen“, erklärt Oli. „Das Ziel ist, Mensch und Material heil den Hang runter zu bringen.“

Kollegin Michelle legt sich bäuchlings auf einen Barhocker und demonstriert, wie man das Gleichgewicht hält. Eine Doku des MDR, 2006 in Lauscha gedreht, führt den Kursteilnehmern vor Augen, was da auf sie wartet. Später absolvieren die Gäste im Dachstüberl Trockenübungen. Wir balancieren auf einem Kippelbrett, wir springen von Stühlen aus 60 Zentimetern Höhe in einen meistens blitzsauberen Telemark, wir beugen uns weit vor, machen uns ganz lang, die Arme eng am Körper. Hochgefühl kommt auf. An mein Ohr brandet schon der Chor tausender enthusiastischer Fans: Ziiiieeeh!

„Man kann die Angst aus den Handschuhspitzen zupfen oder seine innere Mitte beim Streicheln der Skier finden.“

Oli Reck

Der Sieg über die Angst macht 50 Prozent des Erfolgs aus. Angst, die dich anspringt wie ein Tier und zubeißt. Oli Reck empfiehlt Rituale: Man kann die Angst aus den Handschuhspitzen zupfen oder seine innere Mitte beim Streicheln der Skier finden. Beruhigen kann auch die Statistik. Unser Übungsleiter hat mehr als 3000 Menschen ans Springen herangeführt, nur fünf oder sechs holten sich Blessuren.

Hier sehen Sie im Video, wie sich unsere Reporterin geschlagen hat:

Selbstversuch: MZ-Redakteurin Marianne Sperb wird

„Denk an Nicole!“

Die Truppe ist inzwischen vollgepumpt mit Theorie und giert nach Praxis. Oben im Sprungturm schlängeln wir uns in hautenge Neopren-Anzüge. Meiner ist froschgrün und außerordentlich sturzerfahren, wie der vielfach geflickte Hosenboden belegt. Am meisten Widerstand bietet der linke Stiefel. Ein arthritischer Zeh, in dem Knochensplitter frei flottieren, macht eine klare Ansage, bevor er endlich verstaut ist. Die Skier sind imposant, elf Zentimeter breit, sie ragen 70 Zentimeter über den Kopf und haben keine Kanten. Dafür hat die Schanze sauber profilierte Laufbahnen; man fährt wie auf Schienen.

Kursleiter Oli Reck hat seine Augen überall und erklärt mit Engelsgeduld, wie Fliegen auf Skiern funktioniert. Foto:Sperb
Kursleiter Oli Reck hat seine Augen überall und erklärt mit Engelsgeduld, wie Fliegen auf Skiern funktioniert. Foto:Sperb

Die Ausrüstung stellt der Verein. Sie ist teuer. „7180 Euro für die Erstausstattung“, sagt Oli Reck in der Kleiderkammer – viel Geld vor allem für die Jugend, die hier trainiert. Lauscha hat in Skispringer-Kreisen einen guten Klang; fünf Mitglieder sind aktuell international erfolgreich unterwegs. Jede Kursgebühr tut der Nachwuchsförderung gut. Auch das ist ein Grund, warum Mitglieder wie Oli ihre Samstage ehrenamtlich zubringen. Der Übungsleiter winkt ab: „Ein Skispringer lebt für seinen Sport.“

„Noch 30, 40 Trainingstage, und ich denke, Richard Freitag kann sich warm anziehen.“

Oli Reck

Unerschrockenheit auf ebenem Boden ist eine billige Tugend. Erst oben, am Startpunkt, gilt’s. Die Cracks, die die 92-Meter-Bahn hinabrauschen, erreichen gut 100 km/h Tempo. Mir ist ein bissl flau. Ich denke an die SMS, die einer meiner Brüder am Morgen noch geschickt hat: „Denk an Nicole! Flieg nicht zu hoch, mein kleiner Freund.“

Glücklicherweise ist die 92er Bahn für Frischlinge tabu. Der Verein hat’s auch ein paar Nummern kleiner. Es gibt für Knirpse die Drei-Meter-Schanze, außerdem eine 10er, 16er, 27er und 47er Bahn. An diesem Samstag ist die 10-Meter-Schanze präpariert. Die nackten Fakten klingen geradezu beschämend. Springer erreichen dort mickrige 20 km/h Tempo. Der Schanzentisch ist feige 25 Zentimeter hoch. Beim dritten Sprung schaffe ich es wenigstens, 50 Zentimeter Höhe zu gewinnen, bevor ich aufsetze.

Der froschgrüne Flieger ist Marianne Sperb, kurz nach der Landung. Ohne Telemark-Fußstellung, aber mit bildschöner Armhaltung.
Der froschgrüne Flieger ist Marianne Sperb, kurz nach der Landung. Ohne Telemark-Fußstellung, aber mit bildschöner Armhaltung.

Das gloriose Bild – ich neben Richard Freitag, der elegant und tollkühn abhebt und weit hinaus fliegt – macht im Gehirn „pfffft!“ wie ein Luftballon, der zusammenschnurrt. Ich bin kein DSV-Adler mehr, nicht einmal mehr Eddie the Eagle, der lustige Brite, der 1988 als Brille tragender Seiteneinsteiger in Calgary springen durfte.

Lesen Sie mehr über unsere Reihe „Selbstversuch“ im Vorfeld der Olympischen Winterspiele: Bernhard Fleischmann stellt sich der Streif in Kitzbühel.

Noch 30, 40 Trainingstage

Im Lauscha ist Maik Seidel aus Oberbayern am Ende des Tages der Star, mit neun Metern Bestweite. Er hat ja auch Übung. Der Oberbayer besuchte das Sportinternat Oberwiesenthal, eine Eliteschmiede, und flog schon als Kind 100 Meter weit. Aber auch der sechsjährige Johannes aus Oberviechtach kann bei der Heimfahrt stolz sein. Er hat seinen Schweinehund zum Teufel gejagt.

Mit meinen drei Metern Bestweite lande ich unter „ferner liefen“. Ich halte mir zugute, dass es eben anspruchsvoll ist, in Personalunion zu recherchieren, zu schreiben, zu fotografieren, zu filmen und zu springen. Ich schau’ nach vorn: Drei Meter pro Tag – da müsste irgendwann vieles möglich sein.

Oli Reck gibt mir eine nachsichtige Schlusswertung mit. Ich hätte alle Anweisungen umgesetzt und dem Druck gut standgehalten, sagt er, und: „Noch 30, 40 Trainingstage, und ich denke, Richard Freitag kann sich warm anziehen.“ Yep!

Was ist für einen perfekten Sprung nötig? Seit wann ist Skisprung olympische Disziplin? Wichtige Fakten zum Skisprung haben wir hier für Sie zusammengefasst.

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