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Olympia

Eishockey-Team verpasst Olympia-Wunder

Das historische Olympia-Finale von Pyeongchang ging dramatisch verloren, doch das Nationalteam hat die ganze Nation verzückt.
Von Carsten Lappe, Kristina Puck und Maximilian Haupt, dpa

  • Patrick Hager (r) erzielte den Treffer zum 1:1-Ausgleich. Foto: Joel Marklund/Bildbyran via ZUMA Press
  • Björn Krupp (r) versucht den OAR-Spieler Krill Kaprisow zu stören. Foto: Julio Cortez/AP
  • Eishockey gehört wieder zu den Highlights bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang. Foto: Daniel Karmann
  • Das DEB-Team schwört sich auf das Finale ein. Foto: Julio Cortez/AP
  • Deutschlands Goalie Danny aus den Birken beißt in seine Silbermedaille. Foto: Michael Kappeler

Pyeongchang.Erst nach dem Partybefehl von Marco Sturm verflog beim deutschen Olympia-Wunderteam die lähmende Enttäuschung über das um 55,5 Sekunden verpasste Eishockey-Gold.

Das DEB-Team unterlag den Olympischen Athleten aus Russland mit 3:4 nach Verlängerung. Foto: Michael Kappeler
Das DEB-Team unterlag den Olympischen Athleten aus Russland mit 3:4 nach Verlängerung. Foto: Michael Kappeler

Minutenlang erklärte der Bundestrainer Deutschlands neuen Sport-Lieblingen, was sie mit dem größten Erfolg des deutschen Eishockeys geleistet haben. „Er hat gesehen, dass jeder nur enttäuscht war und hat uns dann klargemacht, dass wir eine Medaille haben. Das ist die Silbermedaille, das gab es noch nie im deutschen Eishockey, und wir sollen stolz sein“, sagte Kapitän Marcel Goc nach dem 3:4 (0:1, 1:0, 2:2) nach Verlängerung gegen die Stars der Olympischen Athleten aus Russland (OAR).

Die Bilder des letzten Olympiatages sehen Sie hier:

Silber gewonnen, nicht Gold verloren

Sturms Worte zeigten Wirkung. „Deshalb werden wir heute mal richtig die Sau rauslassen“, sagte Stürmer Patrick Reimer, der zuvor besonders geknickt war. Während einer Strafzeit gegen den Nürnberger schossen die Russen in der Verlängerung das Siegtor durch Kirill Kaprisow in der 10. Minute der Overtime. Der große Goldfavorit hatte gegen ein bravourös kämpfendes Team erst 55,5 Sekunden vor dem Ende ausgeglichen. „Hat Ihnen schon mal jemand ins Herz gestochen? So fühlt sich das an“, sagte der starke Goalie Danny aus den Birken.

„Hat Ihnen schon mal jemand ins Herz gestochen? So fühlt sich das an.“

Danny aus den Birken

Doch nach der Ansprache von Sturm trockneten allmählich die Tränen der deutschen Spieler, die die Russen nach Toren von Felix Schütz (30.), Dominik Kahun (54.) und Jonas Müller (57.) beinahe in der Knie gezwungen hätten. Erst mit den Silbermedaillen um den Hals kehrte das Lächeln ganz langsam in die Gesichter zurück. „Ganz Deutschland ist stolz auf uns“, meinte aus den Birken über den grandiosen Erfolg, der nach 42 Jahren endgültig Olympia-Bronze von 1976 vergessen machte.

DEB-Goalie Danny aus den Birken ärgert sich über den Gegentreffer. Foto: Angelika Warmuth
DEB-Goalie Danny aus den Birken ärgert sich über den Gegentreffer. Foto: Angelika Warmuth

„Wir lassen uns jetzt auch 40 Jahre lang feiern. Vielleicht hat ja Hollywood Lust einen Film über uns zu machen. Ich möchte nur, das Brad Pitt mich dann spielt“, witzelte der zum besten Olympia-Keeper benannte aus den Birken. „Yannic Seidenberg stand neben mir und hat gesagt: 'Das ist ein Bild, auf das schauen wir ein Leben lang zurück'. Da will ich nicht mit irgendeiner Grimasse dastehen, sondern mit lachendem Gesicht“, sagte Reimer (35). „Wir haben es uns verdient, dass wir lachen können. Wir können mehr als stolz sein.“

Der Medaillenspiegel zum Abschluss der olympischen Spiele 2018:

Ehrhoff trug deutsche Fahne bei der Schlussfeier

Zunächst ging es für die Silbergewinner weiter zur Schlussfeier, auf der Abwehr-Ass Christian Ehrhoff stellvertretend für das gesamte Team die deutsche Fahne trug. Danach stand die Abschluss-Sause im Deutschen Haus in den Bergen von Pyeongchang an.

„Wir sind nicht nur als eine Mannschaft zusammen gewachsen. Ich denke auch ganz Deutschland ist zusammengewachsen. Das werden wir als eine Mannschaft auch nicht vergessen“, sagte der ergriffene Bundestrainer zu den wundersamen 17 Tagen von Pyeongchang. Seit der Ankunft am 8. Februar in Südkorea entwickelte sich aus einem von der Fachwelt und Öffentlichkeit belächeltem Außenseiter ein Team, das zusammenwuchs, sich steigerte und die großen Nationen das Fürchten lehrte.

Gegner Russland zollt den deutschen Jungs Respekt

David Wolf versucht den OAR-Goalie Wassili Koschetschkin zu überwinden. Foto: Daniel Karmann
David Wolf versucht den OAR-Goalie Wassili Koschetschkin zu überwinden. Foto: Daniel Karmann

Selbst der russische Super-Stürmer Pawel Dazjuk war beeindruckt. „Ich bin sehr überrascht, sie haben sehr gut gespielt. Sie waren besonders läuferisch gut, sie haben gut verteidigt, sie haben ein gutes System, eine gute Organisation“, sagte der frühere NHL-Star. „Je länger das Turnier ging, desto mehr haben wir dran geglaubt. Ich denke, wir haben hier Großes geleistet“, sagte Kapitän Goc (34).

„Dieses Turnier und diese Mannschaft werde ich mein Leben lang nicht vergessen“, sagte Sturm. „Das gab es noch nie und wird es nicht so schnell wieder geben“, sagte DEB-Präsident Franz Reindl, der 1976 beim Bronze-Gewinn von Innsbruck selbst auf dem Eis gestanden hatte. Dies ist nun endgültig Geschichte. „Man kann das noch nicht richtig realisieren. Aber eine Eishockey-Nationalmannschaft hat ein ganzes Land sportlich begeistert, die Zuschauer elektrisiert“, sagte Reindl.

Deutsche Sportler gratulieren dem Eishockey-Team

Unmittelbar mit Spielschluss gingen permanent Glückwünsche aus der Heimat ein. „Ihr seid Helden! Feiert die Silbermedaille!“, twitterte Fußball-Nationalspieler und Eishockey-Fan Thomas Müller. „Absolute Inspiration für Wille, Kampfgeist und Zusammenhalt! Danke!“, schrieb Golf-Profi Martin Kaymer und Fußball-Weltmeister Lukas Podolski schrieb: „Aber ihr habt viele neue Eishockey Fans dazugewonnen und ganz Deutschland hinter euch gebracht. Ihr habt unser Land und Eishockey super präsentiert. Danke für diese geile Zeit!“

Auch die Nationalspieler aus der NHL, die wegen des Olympia-Boykotts der besten Liga der Welt nicht mithelfen konnten, fieberten mit. „Jungs ihr wart Weltklasse. Könnt unglaublich Stolz auf euch sein“, twitterte Stanley-Cup-Sieger Tom Kühnhackl und Abwehrspieler Korbinian Holzer meinte: „So unglaublich stolz auf diese Jungs. We’ll be back.“ Genau darauf setzen nun auch Reindl und Sturm.

Der sensationelle Gewinn der Silbermedaille soll nun einen Boom begründen. Nach dem Fußball ist Eishockey zwar nach Zuschauerzahlen immer noch die populärste Mannschaftssportart in Deutschland, hatte es in der Öffentlichkeit auch wegen ausbleibender Erfolge aber zunehmend schwerer. „Ich hoffe, dass es dem deutschen Eishockey einen Push nach vorne gibt. Jeder zu Hause war aufgeregt, ganz viele haben geschaut. Da sind wir natürlich stolz, dass wir ein Land so mitziehen konnten“, sagte auch Sympathieträger Ehrhoff.

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MZ-Redakteure beim Selbstversuch – Bernhard Fleischmann versuchte sich auf der Streif, Marianne Sperb probierte die Disziplinen Skeleton und Skispringen aus, Felix Kronawitter war beim Curling, Angelika Sauerer bewies beim Biathlon Ausdauer und Präzision und Maximiliane Groß war mit dem Bob im Eiskanal am Königssee unterwegs.

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Kommentar

Macht diesmal mehr daraus!

Eine deutsche Mannschaft in einem Finale eines großen Eishockey-Turniers? Beinahe Olympiasieger? Es klingt sooooo unwirklich. 2010 war man schon einmal...

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