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Olympia
Freitag, 25. Mai 2018 24° 8

Selbstversuch

Kopf voraus in den Eiskanal

Die Skeleton-Profis rauschen mit Tempo 115 bäuchlings zu Tal und finden es toll. Marianne Sperb machte einfach die Augen zu.
Von Marianne Sperb

Skeleton im Selbstversuch: Marianne Sperb braucht 22 Sekunden für 200 Meter im Eiskanal. Altenberg gilt als eine der anspruchsvollsten Strecken weltweit.Foto: Philipp Froschhammer

Altenberg.Die Videos, die Matthias Benesch vorab mailt, lassen nichts Gutes ahnen. Da werfen sich Menschen im hautengen Rennanzug auf ein Brett mit Kufen und rasen bäuchlings, den Kopf voraus, im Affentempo durch eine Achterbahn aus Eis. „Ein kleiner Vorgeschmack“, nennt der Manager der Bobbahn die Filmchen aus Altenberg/Sachsen. Mir wird klar: Bei diesem Selbstversuch für unsere Olympia-Reihe werde ich nicht so billig davon kommen wie eine Woche zuvor, beim Skispringen in Thüringen und den eher harmlosen Hupferln von der Schanze.

Drei Tage später rolle ich, Kameramann Philipp Froschhammer auf dem Beifahrersitz, im Auto den Kohlgrund in Altenberg hinunter. Haushoch ragt neben uns die Bobbahn auf. Die Röhre sieht aus wie eine Rutsche im Spaßbad – nur viel dicker, mit 1,413 Kilometern auch viel länger und für den Anfänger wohl auch viel weniger spaßig. Matthias Benesch wartet schon. Der 49-Jährige ist kein Mann, der Zeit verliert. Er wirft mir einen dünnen Skeleton-Anzug zu, Größe 46, der komfortabel über Jeans und Anorak passt, und drückt mir einen Sturzhelm in die Hand. Los geht’s.

Jeden Morgen eine Rasur

Der Bahn-Manager führt uns gleich in die Auslauf-Kurve. Er klettert vor mir über das Stahlgitter in den Eiskanal. „Du kommst hier runter, durch die Kurve, und hier geht die Bahn wieder bergauf, damit du Tempo verlierst. Und hier oben fang’ ich dich dann ab.“ Ich bin skeptisch. Die Bahn ist glatter als ein Marmorschenkel in der Münchner Glyptothek. Zwölf Eismeister halten die drei bis sechs Zentimeter dünne Eisdecke in Schuss. Sie modellieren die Bahn mit der Delikatesse, wie sie ein Patissier für die Schoko-Glasur einer Sachertorte aufwendet. Jeden Morgen schaben sie hauchfeine Eiskristalle ab, bedampfen die Bahn, glätten Kurven, erklärt Benesch. „Das ist wie die Rasur eines Männerkinns.“

„Wenn man einmal Blut geleckt hat, findet man Skeleton toll!“ Ich versteh’ nur „Blut geleckt“.

„Hallo!“ ruft es vom Treppchen am Eiskanal. Diana Sartor stößt zu uns. Die Skeleton-Weltmeisterin von 2004 hat Erfahrung mit Anfängern. Erst Ende Januar veranstaltete sie hier, auf ihrer Hausbahn, „Skeleton für Jedermann“. 45 Anfänger stürzten sich unter ihrer Anleitung in die Tiefe. „Es gab nur sechs oder acht Verletzte“, sagt die 47-Jährige. Ein Scherz, zeigt das Lachen, das sie hinterher schickt. Die Frau hat einen reschen Humor am Leib. Als sie meinen erschrockenen Blick sieht, wird sie fürsorglich. Die Spitzenathletin will mich aufmuntern. „Wenn man einmal Blut geleckt hat, findet man Skeleton toll!“ Ich versteh’ nur „Blut geleckt“.

Sehen Sie im Video, wie Marianne Sperb durch den Eiskanal rauscht.

Auf dem Skeleton durch den Eiskanal

Die Szene spricht ehrfürchtig von Altenberg. Die Anlage gilt als eine der gefährlichsten und schwierigsten überhaupt. Sie wurde 1986, zu DDR-Zeiten, eröffnet. Auf der „anspruchsvollsten Kunsteisbahn der Welt“ sollten DDR-Athleten trainieren, wie sie die Konkurrenz aus dem kapitalistischen Westen deklassieren. Tatsächlich rangiert die außerordentlich komplex gestaltete Röhre im Ost-Erzgebirge auf Augenhöhe mit legendären Adressen wie Whistler/Kanada und Lake Placid/ USA; Bahnen mit ausladenden Kurven wie Innsbruck (bei Insidern: „Autobahn“) hängt Altenberg locker ab.

Schon knalle ich an die Bande

Sieben Startpunkte bietet die Bahn, mehr als 122 Meter Höhendifferenz überwindet sie. Ich steige recht weit unten ein, bei 200 Metern. Die Bodycam ist montiert, Diana Sartor legt den 28 Kilo schweren Schlitten aufs Eis und gibt letzte Instruktionen. Ich denke kurz an Flucht. Dann schalte ich um auf den Modus, der sich bei meiner Friseurin bewährt: Ich lasse die Expertin machen, was sie will, und denke: Sie wird wissen, was sie tut.

Bäuchlings auf dem Metallbrett, Arme eng an den Seiten, Hüften leicht angehoben, die Schultern nach unten gedrückt, das Kinn dicht über dem Boden, die Beine kerzengerade gestreckt bis in die Zehenspitzen: Dafür, denke ich, will ich wenigstens eine gute Haltungsnote.

Diana Sartor bringt Marianne Sperb in Start-Position. Eiin paar Sekunden später knallt die Skeleton-Pilotin schon das erste Mal gegen die Bande. Foto: Philipp Froschhammer

Vor mir dehnt sich blankes gnadenloses Eis. Diana Sartor hebt meine Unterschenkel an und schiebt. Point of no return, ab hier kann nichts mehr mich halten. Der Schlitten rauscht ab. Und schon knalle ich an die Bande, links, rechts, links. Ich höre nur: Boing! Boing! Boing! Die Haarnadelkurve vor mir nehme ich kaum noch wahr. Augen zu und durch. Für ein Stoßgebet bleibt keine Zeit. Da biege ich bereits in die Endkurve und zische mit kaum gebremstem Karacho in den Auslauf. Matthias Benesch steht am Rand des Eiskanals, um mich abzufangen. Er hat keine Chance. Ich brause an ihm vorbei nach oben, gleite wieder abwärts, wieder aufwärts, bis der Schlitten zur Ruhe kommt. Was fühlt ein Jojo? Ich weiß es.

Im Video spricht die ehemalige deutsche Skeletonfahrerin Diana Sartor über den Sport:

Diana Sartor spricht über den Skeleton-Sport

„22 Sekunden!“ meldet eine Stimme über Lautsprecher als Ergebnis meiner 200 Meter. Ungefähr 40 km/h – das bedeutet Schneckentempo im Vergleich zu Cracks wie Axel Jungk, einem der deutschen Favoriten bei den Winterspielen in Pyeongchang. Jungk braucht ungefähr 55 Sekunden – allerdings für die gesamten 1,4 Bahn-Kilometer mit sämtlichen 17 bzw. 18 Kurven. Der zweifache Weltmeister ist einer der großen Namen von Altenberg. Das Gesicht von Kohlgrund aber ist Diana Sartor. Sie hat Skeleton im Ost-Erzgebirge salonfähig gemacht.

Diana Sartor hat Skeleton im Ost-Erzgebirge salonfähig gemacht. Die Weltmeisterin trat 2002 in Salt Lake City und 2006 in Turin 2006 an. Ihr Mann Steffen trainiert die südkoreanischen Rennrodler. Foto: Froschhammer

„Es hat mit einer Wette begonnen“, erzählt die Sportlerin. Ihre Karriere nahm spät Fahrt auf. 2002 startete sie bei den Spielen in Salt Lake City, 2006 in Turin. „Da war ich schon fast 36.“ Und im dritten Monat schwanger. Heute dreht sich ihr Leben um Familie, Kinder (9 und 11) und ihre Pension in Bärenfels. Sport spielt noch immer eine Rolle: Ihr Mann Steffen, früherer Weltklasse-Rennrodler, trainiert seit 2013 das südkoreanische Team. Diana Sartor drückt ihm ab heute für Pyeongchang die Daumen.

Lesen Sie außerdem: MZ-Redakteur Bernhard Fleischmann stellt sich der Streif in Kitzbühel. Und: Marianne Sperb hat sich als Skispringerin versucht.

Matthias Benesch drückt sanft aufs Tempo. Die Arbeit wartet nicht. Der ehemalige Bob-Pilot organisiert Wettkämpfe – 2020 gehen hier die Bob- und die Skeleton-WM über die Bühne – und Publikumsverkehr. 3000 Gäste besichtigen die Anlage pro Jahr. Der Skeleton-Sport ist ein Zwerg, mit weltweit nur ein paar hundert Profis, aber medial ein Riese. Altenberg hat bei großen Events fünf bis zehn Millionen TV-Kontakte. Das zieht auch bei Sponsoren. Die Bahn, die dem Landkreis gehört, muss immerhin 40 Prozent der Kosten selbst einspielen.

„Hat Spaß gemacht“, behauptet Marianne Sperb. Foto: Froschhammer

Bei meinem zweiten Durchgang bleibt der Schlitten weitgehend schön mittig. Ohne großes Kniezittern stemme ich mich vom Brett hoch. Ich stelle mich lässig vor der Kamera von Philipp Froschhammer in Positur. „Gib’ ein kurzes Fazit!“ Cool behaupte ich: „Hat Spaß gemacht.“

Lesen Sie mehr über unsere Reihe „Selbstversuch“ im Vorfeld der Olympischen Winterspiele: Bernhard Fleischmann stellt sich der Streif in Kitzbühel und Marianne Sperb wagte sich auf die Sprungschanze.

Mehr zu Olympia gibt es hier.

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