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Tränenreicher Abschied bei Koreas Eishockey-Frauen

Nordkoreas Tanzgruppe war nicht mehr da. Dafür flossen nach dem letzten Olympia-Spiel von Koreas historischem Eishockey-Team Tränen. Am Projekt gab es aber auch Kritik. Eine gemeinsame Zukunft beurteilen Trainerin und Spielerinnen skeptisch.
Von Carsten Lappe, dpa

Trainerin Sarah Murray (l) wischt sich nach dem letzten Spiel des Teams bei Olympia Tränen aus dem Gesicht. Neben ihr steht der nordkoreanische Coach Pak Chul-ho. Foto: YNA
Trainerin Sarah Murray (l) wischt sich nach dem letzten Spiel des Teams bei Olympia Tränen aus dem Gesicht. Neben ihr steht der nordkoreanische Coach Pak Chul-ho. Foto: YNA

Pyeongchang.Zum Abschluss gab es noch einmal große Emotionen. Sarah Murray, vor Olympia noch scharfe Kritikerin des Starts eines geeinten Eishockey-Teams Koreas, brach nach dem letzten Turnierspiel ihrer Mannschaft in Pyeongchang an der Bande in Tränen aus.

Ihr Team aus Nord- und Südkoreanerinnen drehte Ehrenrunden, grüßte die 4125 begeisterten Zuschauer, und aus den Lautsprechern dröhnte die Schnulze „Hand in Hand“, die bei den Sommerspielen 1988 in Seoul offizieller Song gewesen war. Das war zu viel für Koreas Trainerin.

„Ich war einfach nur stolz. In dem Moment wusste ich: Die ganze Arbeit war es wirklich wert“, sagte Murray nach dem 1:6 gegen Schweden. Das historische Projekt des ersten gemeinsamen Teams von Nord- und Südkorea bei Olympia ist damit vorerst beendet. Team Korea wurde Letzter. Interessiert hat das am Dienstag wenig. „Sport bringt die Menschen zusammen. Ich hätte mir dieses Team niemals so vorstellen können. Sport lässt Barrieren einstürzen“, sagte Murray.

Der 29 Jahre alten amerikanisch-kanadischen Tochter des früheren Eisbären-Berlin-Coaches Andy Murray war erst wenige Wochen vor Olympia mitgeteilt worden, dass aus Südkoreas Team eine gemeinsame Mannschaft Koreas werde. Murray musste ad hoc zwölf Spielerinnen aus Nordkorea integrieren, die sportlich noch weniger konkurrenzfähig waren als ihre südkoreanischen Spielerinnen ohnehin schon.

Mit den Worten von IOC-Präsident Thomas Bach, das gemeinsame Team sei „ein großartiges Symbol der vereinigenden Kraft des olympischen Sports“, konnte Murray damals so gar nichts anfangen. Sie sei „geschockt“ gewesen, hatte sie gesagt und ließ am Dienstag wieder eine Spitze los. „Die Politiker haben entschieden, dass wir als ein Team auftreten müssen. Aber die Spielerinnen und der Betreuerstab haben die Arbeit gemacht“, sagte Murray. „Ich lebe elf Monate im Jahr in Südkorea. Meine Assistentin hat vor vier Jahren ein Kind bekommen, sie hat ihren Sohn nicht sehr oft gesehen“, sagte Murray weiter, wusste nach dem wahrscheinlich letzten gemeinsamen Auftritts Koreas aber auch: „All diese Aufopferungen waren es wirklich wert.“

Sportlich war der Auftritt Koreas schwierig, das Team wurde mit 2:28 Toren aus fünf Spielen Olympia-Letzter. Nicht ganz unschuldig daran sei auch der - teils inszenierte - Rummel gewesen, monierten Trainerin und Spielerinnen. „Es ist schon eine Herausforderung, wenn nicht nur Südkorea, sondern die ganze Welt auf einen schaut. Wir reden hier ja über eine Reihe wirklich noch sehr junger Frauen“, sagte etwa Randi Heesoo Griffin, Torschützin des ersten olympischen Tores des gemeinsamen Teams beim 1:4 gegen Japan in der Vorrunde. „Dann spielen die Nerven einfach verrückt“, sagte die Harvard-Absolventin auch zu Besuchen von Politikern und Funktionären.

Das gesamte Projekt beurteilte die 29 Jahre alte Tochter einer in die USA ausgewanderten Koreanerin trotz entstandener Freundschaften untereinander kritisch. Einschließlich der Gruppe von Cheerleadern aus Nordkorea, die bei den bisherigen Spielen verblüfft hatte, zum Schluss aber nicht mehr da war. Mit beeindruckender Präzision und perfekten Sopranstimmen hatte die von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un geschickte Gruppe perfekt einstudierte Gesänge und Tanzeinlagen dargeboten. „Um ehrlich zu sein, hatte ich zwischendurch das Gefühl, dass sie nicht wirklich wegen uns oder wegen Eishockey da waren, sondern wegen irgendetwas anderem“, mäkelte Griffin.

Ob das Team eine gemeinsame Zukunft hat, so wie es sich Weltverbandspräsident René Fasel „als Botschaft des Friedens“ wünscht, ist offen. Griffin und Murray sind skeptisch. „Da muss diskutiert werden, wie das genau funktionieren soll“, sagte Griffin: „Vier Jahre als Südkorea zu trainieren, und dann kommen zwei Wochen vor dem Turnierstart zwölf neue Spielerinnen dazu und die Leute sagen uns: 'Ihr müsst die jetzt auch aufstellen' - so wollen wir das nicht.“ Auch Murray glaubt anscheinend nicht wirklich daran.

„Ich bin nicht sicher, ob es in Zukunft ein gemeinsames Team geben wird“, sagte die Trainerin. „Wir werden vielleicht niemals wieder so zusammen spielen. Wir können nur hoffen, dass wir uns irgendwann mal wiedersehen“, sagte Murray. Griffin beurteilt diese Frage durchaus realistisch und erinnert an die Entbehrungen des nordkoreanischen Volkes und daran, dass Kontakt zwischen beiden Staaten normalerweise nicht möglich ist. „Ich weiß, dass sie kein Facebook haben. Von daher wird es vielleicht schwer, in Kontakt zu bleiben“, sagte sie.

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