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Ski-Selbstversuch

Viel Spaß in der Mausefalle

Die Streif ist eine der rasantesten Rennstrecken. MZ-Redakteur Bernhard Fleischmann bereitet sie so viel Lust wie Schmerzen.
Von Bernhard Fleischmann

Grandioser Ausblick auf den Wilden Kaiser neben dem Starthäuschen – hier beginnt die Streif am Hahnenkamm.  Foto: Philipp Froschhammer
Grandioser Ausblick auf den Wilden Kaiser neben dem Starthäuschen – hier beginnt die Streif am Hahnenkamm. Foto: Philipp Froschhammer

Kitzbühel.Kaiserwetter auf 1665 Metern Höhe. Die Sonne strahlt, der Blick in die Ferne fällt auf das Massiv des Wilden Kaiser. Bergidylle pur. Direkt vor mir liegt der Starthang der Streif. Da gehts runter: einmal im Jahr für die besten Abfahrer der Welt, heute zum ersten Mal für mich.

Als ich im Büro vorschlug, eine der gefährlichsten Rennstrecken der Welt nachzufahren, fand ich die Idee super. Hier am Berg schleicht sich Bammel in die Neugier. Mausefalle, Steilhang, Traverse – die irren Ritte der Ski-Elite kommen mir in den Sinn.Andererseits: Ich werde – meinen begrenzten Fahrkünsten angepasst – ja nur auf Ankommen fahren. Und im Prinzip ist jeder präparierte Hang zu meistern.

So weit die Vorstellung. Manchmal ist es besser, nicht exakt zu wissen, was kommt. Denn später wird klar: Lust und Schmerz liegen dicht beieinander. Die Streif macht einen Riesenspaß. Und sie tut weh, auch noch am Tag danach.

Die Fahrt unseres Reporters sehen Sie hier im Video:

Ein eisiger Ritt über die Streif ins Tal

Didier Cuche wusste aus dem Training, was auf ihn zukommt. Fünf Mal hat der Schweizer Rekordsieger gewonnen. Bei seinem ersten Start am Hahnenkamm wäre er oben am liebsten umgekehrt. Streif-Legende Franz Klammer erzählt, er habe am Start „die Hosen voll“ gehabt. Eine Piste für Menschen mit einem Hang zum Wahnsinn.

Ganz so schlimm sieht es nicht aus. Zwar irritieren die gelben Schilder „Achtung Lebensgefahr“ etwas, doch der Starthang scheint machbar. Die Rennfahrer beschleunigen hier bei einem Gefälle von gut 50 Prozent binnen weniger Sekunden auf Tempo 80/90.

Lieber schnell runter als kämpfen

Einfahrt in die Mausefalle. Hier springen die Rennfahrer hinein. MZ-Redakteur Bernhard Fleischmann überlegt, wie er runterkommt. Foto: Philipp Froschhammer
Einfahrt in die Mausefalle. Hier springen die Rennfahrer hinein. MZ-Redakteur Bernhard Fleischmann überlegt, wie er runterkommt. Foto: Philipp Froschhammer


Als Freizeitfahrer hält man sich besser zurück. Denn es wartet sogleich die berüchtigte Mausefalle. Ein Absatz, dahinter 85 Prozent Gefälle – die steilste Stelle. Die Rennfahrer springen 40 bis 60 Meter weit hinein. Gewöhnliche Skifahrer bleiben davor stehen. Zum ersten Mal braucht es etwas Mut. Es ist sinnlos, mit kurzen Schwüngen gegen den Hang anzukämpfen – zu steil und eisig. Lieber oben zwei, drei großzügige Kurven ziehen und dann laufenlassen. Das ergibt unten raus ordentlich Tempo, macht aber nichts. Pah, wenn die spektakuläre Mausefalle fahrbar ist, dann wird es so schwierig wohl nicht mehr werden, denke ich. Von wegen.

In einem 180-Grad-Turn ziehen die Rennläufer in den Steilhang. Weil nichts markiert ist, lässt sich der Verlauf der Rennstrecke auf Anhieb nur schwer nachvollziehen. Am Ende des Steilhangs gilt: Mut zur Geschwindigkeit, auch wenn man durchgeschüttelt wird. Denn danach folgen mit Brückenschuss und Gschöss flache Passagen.

Übergang in den Steilhang, da oben eine noch stressfreie Piste. Foto: Philipp Froschhammer
Übergang in den Steilhang, da oben eine noch stressfreie Piste. Foto: Philipp Froschhammer

Erster Frust, dann die Wonne

Das Gschöss ist ein Ziehweg. Wer nicht aufpasst, verpasst die Abzweigung der Rennstrecke in die Alte Schneise. Sie ist weniger bekannt. Man möchte sie auch ungern kennenlernen. Denn da lauert eine unpräparierte üble Hügelpiste. Derart holprig kann sie an den Renntagen unmöglich sein. Sämtliche Skifahrer, die einbiegen, würgen sich bar jeglicher Eleganz hinunter. Mir ergeht es ebenso, zum ersten Mal wirft mich die Streif in einen gefühlten Anfängermodus. Ein paar wacklige Kurven, dann ignoriere ich die Buckel und gebe die Ski frei. Die nehmen das wörtlich, zeigen hier und da in die Luft. Am Ende der Schneise steche ich mit tüchtig Speed in eine querende Piste und dahinter bergauf hin zum Seidlalm-Sprung.

Hier ist exakt Halbzeit auf der Streif, der Sprung mangels Renntempo aber kaum ein Hopser. Erlöst von der grausigen Schneise folgt der wohligste Teil. An der Seidlalm vorbei gehts flott in den Lärchenschuss. Ein Gute-Laune- Hang, steil genug, um richtig schnell zu werden, aber frei von Tücken. Hurra, das Leben ist schön. Die Ski laufen in den flacheren Oberhausberg, Kitzbühel kommt in Sicht.

Hier wissen die Rennfahrer, dass ihnen eine harte Prüfung bevorsteht. Und die Pistenverantwortlichen, dass man allzu waghalsige Freizeitabfahrer besser davon abhält, den Profis nachzueifern. Ein kleiner Schneewall leitet die Skitouristen in gemütlichere Gefilde.

Berühmte Sieger, bekannte Opfer

Viele Rennfahrer sind auf der Streif berühmt geworden. Klammer, Cuche, ganz früh Toni Sailer und Karl Schranz, später Pirmin Zurbriggen, Franz Heinzer, Luc Alphand, Sepp Ferstl. Mindestens ebenso viele hat die Streif geopfert. Karrieren endeten abrupt, Stürze katapultierten hoffnungsvolle Athleten ins sportliche Rentnerdasein: den Deutschen Klaus Gattermann, die Österreicher Patrick Ortlieb, Andreas Schifferer, Hans Grugger, die Kanadier Brian Stemmle und Todd Brooker.

Einige dieser Stürze waren vom Zielraum aus zu sehen. Die Läufer werden beim Sprung über die Hausbergkante von unten sichtbar, rattern danach quer zum Berg über die Traverse, um in den Zielschuss hineinzustechen.

An den Renntagen ist die Piste hier wellig. Im Alltag gilt ab der Hausbergkante: Befahren auf eigene Gefahr, keinerlei Präparierung, nahezu unfahrbares Geläuf, bis sich die Traverse zum Zielhang mit der daneben verlaufenden Piste vereint. Niemand fährt rein, ich habe den Hang für mich – und weiß alsbald wieso. Noch ärger als in der Alten Schneise reihen sich eisige Buckel aneinander. Das ist keine Skipiste mehr, sondern grobes Gelände. Die seitlich hängende Traverse überwinde ich peinlich rutschend. Dann fällt sie an einem leichten Rechtsknick steil ab.

Das Debakel im zweiten Anlauf

Hier mahnen Sportreporter die Läufer, als hörten sie zu: weit oben bleiben. Aussichtslos im heutigen Zustand. Der erste Versuch mündet in eine Rutschpartie auf der rechten Pobacke. Der zweite Anlauf gerät zum Debakel: Im Schwung neben die Piste gelangt, gibt es kein Halten mehr. Die Ski verabschieden sich grußlos in die Weiten des Hanges, auf dem Rücken geht es Kopf voran immer schneller abwärts. Wie ein wehrloser Käfer rumpelt der Körper bergab, hochgeworfen von ruppigen Eishaufen. Komisch, dass es kaum wehtut. Das kommt erst Stunden später.

Nie wieder die Traverse

Der dritte Versuch gelingt ohne Absitzer. Ein bescheidener Sieg, garniert mit dem Entschluss: Diese Stelle fahre ich nie wieder. Aus dem Hang rausgezittert, wartet der Zielschuss. Die Rennfahrer haben da 140 Sachen drauf.

Auf die Sieger wartet die Unsterblichkeit der Erinnerung wie zuletzt für Thomas Dreßen. Kristian Ghedina hat das zweimal unterschiedlich geschafft. Einmal, als er 1998 das Rennen gewann. Das andere Mal 2004, als er die Nerven hatte, beim Zielsprung die Beine zur Grätsche auseinanderzureißen.

Die Streif ist ein Spektakel: bis zu 50 000 Zuschauer im Zielraum, ein Promi-Auflauf sondersgleichen. Kitzbühel zehrt ganzjährig von diesem Ruhm.

Auf mich wartet zum Glück niemand, mangels Tempo aus der Traverse fehlt der wahre Schwung für eine beeindruckende Ankunft mit staubwolkigem Abschwinger. So erlahmt der Zielschuss zur problemlosen Pistenautobahn. Da bleibt Zeit zum Sinnieren: über Wonne und Qual, Euphorie und Hilflosigkeit, Mutprobe und Genuss, Lust und Schmerz. Es war alles dabei, komprimiert auf 3300 Metern.

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