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Selbstversuch

Wenn das Jagdfieber erwacht

Für Biathlon braucht man Präzision und Ausdauer. Wer über beides nicht verfügt, sollte wenigstens ein bisschen Glück haben.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • Treffer im stehenden Anschlag sind ein Lotteriespiel – vor allem, wenn man vorher gelaufen ist. Foto: Sebastian Böhm
  • Der Teufel steckt im Detail: Man muss sich erst mal so hinlegen können... Foto: Sebastian Böhm

Bayerisch Eisenstein.Auf der Dult ist das Schießen meine Lieblingsdisziplin. Peng, und die Rose ist mein. Langlaufen kann ich auch, jedenfalls klassisch. Das mit dem Skaten müsste ich hinkriegen, als Skifahrerin dürfte das bissl Schlittern kein Problem sein. So kann man sich täuschen. Je größer die Selbstüberschätzung, desto höher die Fallhöhe. Darf man ruhig wörtlich nehmen. Ich hoffe, der Kollege hat den Plumps auf den Hintern nicht gefilmt. Aber es ist weder das Schießen noch das Skaten, an dem das ehrgeizige Unterfangen fast scheitern wird. Sondern ein völlig unterschätztes, wie sich herausstellen sollte, doch wichtiges Detail, auf das ich nie gekommen wäre.

Der Tag beginnt mit einer winterlichen Fahrt in den tiefsten Bayerischen Wald. Kurz hinter Deggendorf klingelt der Sepp durch und fragt, ob wir wirklich kommen wollen. „Bei uns saut‘s ohne Ende“, warnt der 19-fache deutsche Skilanglaufmeister, zweifache Olympiateilnehmer (Lake Placid und Sarajevo) und jetzt Sportwart im Skiverband Bayerwald sowie Stützpunktleiter des Hohenzollern Skistadions am Großen Arbersee. Sepp Schneider (60) ist ein Profi in Sachen Wintersport. Er betreibt eine Eventagentur, die unter anderem Biathlon-Workshops anbietet.

Reguläre Bedingungen

Hermann Ruckerbauer ist ein sehr geduldiger Lehrer. Aber was den Umgang mit dem Gewehr betrifft, kennt der Ex-Soldat keinen Spaß. Foto: Sebastian Böhm
Hermann Ruckerbauer ist ein sehr geduldiger Lehrer. Aber was den Umgang mit dem Gewehr betrifft, kennt der Ex-Soldat keinen Spaß. Foto: Sebastian Böhm

Würde Schneefall eine Laura Dahlmeier vom Start abhalten? Hätten die paar windigen Böen eine Magdalena Neuner abgeschreckt? Also bitte. Sepp, wir kommen. Wir, das sind Sebastian Böhm vom MZ-Video-Team und ich. Ab Bodenmais fragen wir uns allerdings, was abenteuerlicher ist: Biathlon oder die Anfahrt auf ungeräumter Straße den Bretterschachten hinauf und hinunter zum Arbersee. Allrad sei Dank erreichen wir das in meterhohes Weiß verpuppte Skistadion. Wenig später setzt der Sepp meinen Lehrmeister ab: Hermann Ruckerbauer (55), früher Aktiver und Trainer bei den Bundeswehr-Skijägern. Der richtige Mann, schließlich liegen die Ursprünge des Biathlon-Sports im Militärischen. Weitere Teilnehmer hat das Wetter verscheucht. Immer wieder pustet der Böhmische eine Schneewolke durch die Anlage. „Könnte unter diesen Bedingungen ein Wettkampf stattfinden?“, frage ich. „Klar“, sagt der Hermann und zieht die Mütze in sein von Wind und Wetter gegerbtes Sportlergesicht. Auf geht’s.

Hermann Ruckerbauer war Trainer und Aktiver bei den Skijägern der Bundeswehr. Das Gewehr liegt ihm gut in der Hand. MZ-Redakteurin Angelika Sauerer hingegen muss noch ganz viel üben. Foto: Sebastian Böhm
Hermann Ruckerbauer war Trainer und Aktiver bei den Skijägern der Bundeswehr. Das Gewehr liegt ihm gut in der Hand. MZ-Redakteurin Angelika Sauerer hingegen muss noch ganz viel üben. Foto: Sebastian Böhm

Ski und Schuhe kann ich ausleihen, das Gewehr gibt Hermann erst nach eingehender Erklärung aus der Hand. Überraschend schwer und massiv fühlt es sich an, obwohl die Athleten damit so leichthändig umgehen. „Es muss mindestens 3,5 Kilogramm wiegen“, erklärt der Ex-Soldat. Sensibel hingegen der Auslöser: 500 Gramm Abzugsgewicht (Standardpistole 1000 Gramm). Das Geschoss verlässt die Mündung mit maximal 380 m/s, bevor es 50 Meter entfernt hoffentlich ins Schwarze trifft. Bei stehendem Anschlag hat die Scheibe 11,5 und bei liegendem 4,5 Zentimeter Durchmesser.

„Da kannst’ einen damit totschießen.“

Hermann Ruckerbauer, Biathlon-Trainer

Hermann nimmt die Munition für das Kleinkalibergewehr aus dem Tresor. Mit Druck und gleichzeitigem Schieben befüllt er die Magazine mit je fünf Schuss. Erst am Schießstand darf die Waffe geladen werden, sie darf den Boden nicht berühren, der Lauf muss immer in Richtung Ziel zeigen. Die 22er Projektile, Kaliber 5,6, sehen so ungefährlich aus wie Kugelschreiberspitzen. Aber von wegen harmlos: „Da kannst’ einen damit totschießen“, warnt Hermann.

Geschossen wird immer scharf

Also nicht wild herumfuchteln, schön brav hinter der Feuerlinie bleiben – ich hab’ verstanden und erinnere mich an den Bayerwäldler Florian Graf, der unterm Schießen plötzlich das Gewehr absetzte und von oben in den Lauf pustete, Schreck lass nach. Und an den Norweger Frode Andresen, der mit geladener Waffe in den Massenstart ging, um Zeit zu sparen. Und an Andrea Henkels Querschläger im Trockentraining 2009 in Pyeongchang. Er durchschlug eine Wand, zum Glück war keiner dahinter. Alle drei wurden disqualifiziert.

Liegend Schießen ist um einiges leichter als im stehenden Anschlag. Foto: Sebastian Böhm
Liegend Schießen ist um einiges leichter als im stehenden Anschlag. Foto: Sebastian Böhm

Ehrfürchtig nehme ich das Gewehr und lege mich zum Einschießen auf die Matte. Bis dahin hatte ich noch nie im Leben eine so tödliche Waffe in der Hand. Ich lade, spanne – und der erste Schuss geht los, bevor ich es will. Dem behandschuhten Finger mangelt es an Feingefühl. Den Kolben an die Schulter gepresst, Ellbögen aufgestützt, peile ich die nächste Scheibe durch das Diopter am Auge und das Ringkorn vorn an der Mündung an. Hermann hat eine Stütze für den Lauf hingestellt. Dank ihr liegt das Gewehr ruhig. „Finger am Abzug leicht beugen, halb ausatmen, abdrücken“, sagt er. Und – peng! ein Treffer!

Der sanfte Rückstoß ist kaum zu spüren. Feiner Pulvergeruch mischt sich mit kalter Schneeluft und steigt mir in die Nase. Das Jagdfieber erwacht. Was für ein archaischer Sport: Skilaufen und Jagen. Höhlenmalereien aus Norwegen zeigen, dass die Menschen schon vor 5000 Jahren auf diese Weise dem Wild nachstellten – allerdings mit Pfeil und Bogen. Wer gut war, gewann keine Medaillen, sondern sicherte das Überleben seiner Sippe. Ich wäre verhungert. Stehend schießen ist wie Lotto. Ich schaffe es nicht, das Gewehr ruhig zu halten. Zwei Treffer von zehn Versuchen, quasi im Vorbeizittern. Bestimmt war es Zufall. Und überhaupt: Ich bin ja noch gar nicht geskatet.

Hier sehen Sie im Video, wie sich unsere Reporterin geschlagen hat:

Höchste Konzentration auf der Arber-Hausstrecke

Hermann gibt mir einen Crashkurs. „Die Stöcke lassen wir erstmal weg.“ Schade eigentlich. Mit wackeligen Beinen renne ich ihm nach. Die Ski rutschen wie der Teufel, was in der Ebene gefährlich flott wird, aber bergauf das Fortkommen arg erschwert. „O-Beine machen, auf den Außenkanten in V-Form aufsetzen, alles aus den Beinen raus.“ Puh. Schnaufend merke ich: Ich kann eigentlich nur bergab.

Dann wird es ernst: Laufen, stehend Schießen, Laufen, liegend Schießen – meine Sprint-Prüfung, die Sepp und Hermann beaufsichtigen. Ein Witz für einen Biathleten, aber für mich reicht’s.

Lesen Sie außerdem: MZ-Redakteur Bernhard Fleischmann stellt sich der Streif in Kitzbühel. Und: Marianne Sperb hat sich als Skispringerin versucht.

„Noch a bissl, ja, du packst es!“

Ich haste den Berg hoch, fahre ab, stelle mich seitlich neben die Linie, Stöcke ablegen, Gewehr runter, Laufklappe auf, Magazin rein, spannen, anlegen. Der Atem lässt sich kontrollieren. Aber nicht das Herz! Mit jedem Schlag rumpelt der am Körper abgestützte, angewinkelte Arm nach oben. Ich ziele und treffe – nichts. Stehend k. o., sozusagen. Wie machen die das bitteschön? Mein Respekt wächst ins Unermessliche. Ich schwöre: Nie wieder meckere ich vorm Fernseher über Schießfehler.

Alle Sehnen und Bänder sind bis zum Zerreißen gespannt.

Nächste Runde, liegend Schießen. Sepp winkt mit der Urkunde. „A gmahde Wiesn“, denke ich, nach meinen Schießerfolgen von vorher. Und dann das: Ich kann mich nicht hinlegen mit den Latten an den Füßen. „Völlig unmöglich, da schnappen mir die Knie raus“, sag’ ich zum Hermann. „Des geht scho, probier’s noch amal“, feuert er mich an. Vorsichtig wie ein betagter Opa gehe ich in die Knie, dann auf den Bauch. „Noch a bissl, ja, super, du packst es!“ Alle Sehnen und Bänder sind bis zum Zerreißen gespannt. Lange halte ich das nicht aus, also ruckzuck spannen, zielen, feuern, spannen, zielen, feuern... fünf Treffer in Serie. Laura Dahlmeier kann sich kaum mehr freuen, wie ich in diesem Moment.

Zahlen und Fakten zum Biathlon:

Lesen Sie mehr über unsere Reihe „Selbstversuch“ im Vorfeld der Olympischen Winterspiele: Bernhard Fleischmann stellt sich der Streif in Kitzbühel und Marianne Sperb wagte sich auf die Sprungschanze.

Mehr zu Olympia gibt es hier.

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