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Corinna Harrer und ihr längster Lauf

Im Ziel ist für die Regensburgerin längst nicht alles klar. Am Ende reicht es fürs Halbfinale – und der Trainer in London und die Fans in Regensburg feiern.

Corinna Harrer (außen li.) beim 1500-Meter-Lauf bei den Olympischen Spielen in London. Foto: afp

London. 1500 Meter sind eine Sache von rund vier Minuten. Normalerweise. Nicht für Corinna Harrer, nicht bei Olympischn Spielen. 35 Minuten, nachdem sie gestartet war, brandete der befreiende Jubel auf im „10 Reasons“, jenem Lokal in Regensburg, in das LG-Präsident Norbert Lieske die Leichtathletik-Fans des Vereins zum Public Viewing gerufen hatte. Dort, wo sonst meist Fußball läuft, zitterten Zwillingsschwester Carina, Mutter Roswitha und Vater Raimund genauso wie Harrer-Trainer Kurt Ring vor Ort im Olympiastadion erst exakt 4:07,83 Minuten, bis die 21-Jährige im Ziel war, dann bis zum Ende des dritten Vorlaufs – und noch lange, bange Minuten darüber hinaus.

Die Reaktionen in Regensburg und London deckten sich. „Beim zweiten Vorlauf habe ich nach zwei Runden super hineingerufen“, erklärt Ring der MZ am Telefon. „Beim dritten dann, sie sollen langsamer machen.“ Als Corinna Harrer über die Ziellinie gekommen war, wirkte sie angestrengter denn je zuvor, ja enttäuscht. „Sie ist es eben nicht gewohnt, Zehnte zu werden“, sagte Ring. Die direkte Qualifikation war verpasst, dass die Regensburgerin eine der sechs Zeitschnellsten sein könnte, schien nicht zur Debatte zu stehen – zunächst einmal.

Erst, als Lauf zwei nach 800 Metern zehn Sekunden langsamer war, und auch Lauf drei erst spät, zu spät Fahrt aufnahm, gedieh die Hoffnung. „Ich bin mindestens ein Jahr älter geworden“, sagte Ring. „Corinna hat alles richtig gemacht. Und man muss mal schauen, wer da alles hängengeblieben ist.“ Hallen-Weltmeisterin Genzebe Dibaba aus Äthiopien etwa, oder die starke Russin Ekaterina Martynova, die beide heuer schon unter vier Minuten gelaufen waren.

Für Corinna Harrer (Bestzeit 4:04,30) war der olympische Vorlauf von London der längste 1500-Meter-Lauf ihres Lebens – und zwar in doppeltem Sinne. Die Regensburgerin lief viele, viele Meter mehr, weil sie von Anfang an die Außenbahn nahm – auch, um das Gedränge zu meiden. Nach 2:13,67 Minuten passierte die Schnellste die 800 Meter, nach 3:18,97 waren die 1200 Meter zurückgelegt. Im Ziel hatte sie exakt die gleiche Zeit wie die Australierin Zoe Buckman, die sich die Plätze 23 und 24 im Halbfinale sicherten – und am Ende sogar 95 Hundertstel Puffer auf Rang 25 hatten.

Die Regensburgerin hatte erst im Endspurt ihre Mühe gehabt. „Hinten raus habe ich die Extrameter gemerkt“, sagte Harrer im TV-Interview. Da litt das Regensburger Live-Publikum am Fernsehschirm, das im Ziel aufmunternd applaudierte, wegen des vermeintlichen Ausscheidens noch mit. „Sowas Verzinktes wie diesmal über die 1500 Meter habe ich noch selten erlebt“, sagte Kurt Ring und lobte die Londoner Atmosphäre: „Der helle Wahnsinn – sowas habe ich noch nie erlebt.“

Für Harrer geht es jetzt am Mittwoch um 20.45 Uhr deutscher Zeit weiter. „Ihre Chancen, dass sie ins Finale kommt, liegen bei 0,0001 Prozent“, sagt Ring. Trotzdem: LG-Präsident Lieske wird ab 19 Uhr wieder an selber Stelle wie am Montag zum Public Viewing laden, wenn Corinna Harrer im ersten von zwei Halbfinals gegen zwei Britinnen, zwei Amerikanerinnen, zwei Australierinnen, eine Russin, eine Kanadierin, eine Spanierin, eine Türkin und eine Läuferin aus Bahrain um den Endlauf am Freitag kämpft. Doch wer weiß? Corinna Harrer tritt mit der sechstschnellsten Meldezeit an, es kommen jeweils die ersten fünf weiter – plus diesmal zwei Zeitschnellste. Und vielleicht dauert der Lauf ja wieder ein wenig länger als vier Minuten.

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