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Sonntag, 25. Februar 2018 -3° 1

Olympia

Mit Gewehr und Munition an den Zuckerhut

Saaler Schütze Daniel Brodmeier sattelt fünf Gepäckstücke für Rio. Auf seine Rolle als „Held in Strumpfhosen“ freut er sich.
Von Martin Rutrecht

Daniel Brodmeier mit Sack und Pack: „Das Übergepäck muss ich nicht selbst zahlen.“ Fotos: Brodmeier

Saal. Daniel Brodmeier entkommt ein leiser Seufzer: „Hoffentlich vergesse ich nichts.“ Der 28-jährige Saaler Schütze, der mittlerweile in Niederlauterbach lebt, blickt auf seine drei roten Olympia-Koffer und einen Berg offizieller deutscher Kleidung. „Da gibt’s tausende Regeln, wie man alles zu deklarieren hat“, sagt er. Das Wichtigste an Reiseausstattung für den Rio-Starter sind zwei weitere, je 25 Kilo schwere Gepäckstücke: eines mit seinem Gewehr, das andere für Munition und Schützenanzug. „Ich freue mich schon, wenn ich am Flughafen mit fünf Taschen aufmarschiere“, grinst er.

„Die Gewehr-Tasche wird vom Zoll versiegelt.“

Daniel Brodmeier

Am Mittwochabend geht Brodmeiers Flieger Richtung Zuckerhut. Über den Zwischenstopp Frankfurt, wo er sich mit seinem Teamkollegen Henri Junghänel trifft, steht der Direktflug nach Rio de Janeiro an. Die beiden Taschen mit dem Kleinkalibergewehr und der Munition lassen sich nicht einfach am Schalter aufgeben. „Schon vor Wochen musste ich die Waffe mit Nummer beim Zoll anmelden. Es sind eine Reihe an Formularen auszufüllen, anhand der Waffenbesitzkarte wird geprüft, ob es mein Gewehr ist, und dann werden die Koffer versiegelt.“

Kugeln von WM-Silber fliegen mit

Um gerade beim Material nichts zu vergessen, „habe ich alles hundertmal durchgecheckt“. Das Sportgerät hat für Schützen außerordentliche Bedeutung. „Wir tüfteln Monate und Jahre am passenden System.“ Der Vize-Weltmeister von 2014 im Liegend-Anschlag hat sich entschieden, nur einen Gewehrlauf mitzunehmen. „Ich habe das Gefühl, das ist das richtige Ding“, sagt er. Bei der Munition packt er zwei Sorten ein. „Ein paar Schuss habe ich noch von der WM, bei der ich Silber holte. In Rio werde ich vergleichen, welche Munition sich am besten eignet.“ Nach der Ankunft in Brasilien werden Gewehr- und Schießtasche umgehend an den olympischen Stand gebracht und im versiegelten Zustand eingesperrt. „Kein Athlet möchte, dass irgendein Konkurrent nur einen Blick auf seine Waffe wirft.“

Daniel Brodmeier schultert sein Gewehr für die Spiele in Rio.

Brodmeier selbst wird sich im Olympischen Dorf einquartieren. „Ein paar Kollegen sind schon vor Ort, auch unser Physio. Sie berichten, dass alles passt, auch wenn es nicht so toll sein soll wie in London.“ 2012 war der Saaler der Shootingstar der deutschen Schützen. Als Neuling sicherte er sich Rang fünf in der Liegend-Disziplin. „Seit damals habe ich sehr viel Erfahrung gesammelt, die ich in die Vorbereitung einfließen ließ.“ Vom Olympia-Dorf in Rio sind es nur 30 Minuten bis zum Schießstand. „Das ist schon mal eine sehr gute Voraussetzung. Lange Anfahrten stressen dich, man muss auch früher raus.“

„Eine leichte Unruhe spüre ich. Sonst wäre ich nicht mit vollem Herzen bei der Sache.“

Daniel Brodmeier

Bis zu seinen Wettkämpfen mit dem Kleinkaliber-Gewehr am 12. (Liegend) und 14. August (Dreistellung) hat der Laborelektroniker von Osram Opto Semiconductors in Regensburg noch gut eine Woche Zeit. „Ein Touristen-Programm steht dennoch nicht auf meinem Zettel.“ Brodmeier wird auch am Zuckerhut fast täglich trainieren. Und er stellt sich in den Dienst seiner Nationalmannschaftskollegen Barbara Engleder und Michael Janker. „An einem Wettkampftag ist es unheimlich wichtig, wenn du jemanden an deiner Seite hast.“ Allein für eine Hilfe beim Schleppen der Taschen sei jeder dankbar. „Und wichtig ist, dass sich der Schütze abschotten kann. Als Begleiter hält man dem Starter den Rücken frei.“ Umgekehrt werden Engleder und Janker auch dem Saaler bei seinen Einsätzen zur Seite stehen.

Im Training vor Ort gelte es, sich am Stand einzurichten, auf die Lichtverhältnisse einzustimmen und verschiedenste Kleinigkeiten auszuprobieren. Zudem werde er die Anfangsphase eines Wettkampfes simulieren. „Wenn die ersten Treffer sitzen, steigen Sicherheit und Selbstvertrauen. Deshalb sind die ersten Schüsse extrem wichtig.“ Ergänzt wird die Trainingsarbeit von einer „kleinen Leistungskontrolle, aber sonst schalte ich vorher nicht mehr in den Wettkampfmodus“.

Graue Leggins und kurze Hosen

Zwei Tage hat Brodmeier vor seinem Start auch frei. „Da werde ich mich hauptsächlich im Olympischen Dorf aufhalten. Da gibt’s ja auch Gemeinschaftsräume, wo man sich mit anderen Sportlern trifft, quatscht oder mal am Kickertisch steht. Vor meinen Auftritten will ich mich nicht durch Sightseeing ablenken lassen. Ich schalte auch mein Handy ab.“ Außer seinen deutschen Schützenkameraden will Brodmeier auch niemanden dabei haben. „Ich will keine Eltern oder Freunde sehen. Bei solchen Großereignissen bin ich ganz bei mir.“

Bis zum ersten Schuss

  • Training:

    Von Freitag an wird Daniel Brodmeier in Rio de Janeiro am Stand stehen. Bis auf den 9. und 10. August wird er täglich am letzten Feinschliff arbeiten. „Man muss sich mit den Gegebenheiten intensiv befassen, von der Witterung bis zu Handgriffen am Stand.“

  • Wettkampf:

    Am 12. und 14. August tritt Brodmeier im Liegend-Anschlag sowie im Dreistellungsschießen an. Die Scheiben sind 50 Meter entfernt. Im Dreistellungskampf feuern die Schützen je 40 Schuss stehend, kniend und liegend ab. Die besten acht Athleten nach der Qualifikation bestreiten das Finale.

Als Erstes wird der Vize-Weltmeister am Freitag die Eröffnungsfeier in Rio mitnehmen. „Die deutsche Delegation trägt graue Leggins und kurze Hosen. Ich freue mich auf die Rolle unter den Helden in Strumpfhosen“, lacht der Olympia-Athlet. Seinen aktuellen Gemütszustand beschreibt der 28-Jährige so: „Ich bin schon voller Nervosität, aber in positivem Sinn. Eine leichte innere Unruhe spüre ich auch. Aber wenn’s die nicht gebe, wäre ich nicht mit ganzem Herzen bei der Sache.“

Fans lieben ihn – auch ohne Medaille

Die Vorbereitung gestaltete Brodmeier nach einem Masterplan, an jedem Detail feilte er. Mit 20 000 Schuss feuerte er doppelt so viel Trainingsmunition ab wie vor London 2012. „Bei den Wettkämpfen wird es schlicht darum gehen, wer mit seinen Nerven am besten klar kommt. Egal in welcher Disziplin, rund 30 Starter können nach Medaillen greifen. Beim Schießen entscheiden Nuancen.“

Brodmeier selbst möchte zumindest in ein Finale der Top Acht einziehen. „Diesen Kampf um die Medaillen kannst du dann nicht mehr steuern. Da legen acht Athleten an, von denen jeder alles drauf hat. Von einer Medaille als Ziel zu sprechen, halte ich daher für einen totalen Krampf“, sagt der 28-Jährige bestimmt. Freudig überrascht ist der Saaler von den vielen positiven Stimmen aus dem Umfeld. „Fans schreiben mir per SMS oder Mail, wollen Autogramme und wünschen mir alles Gute. Und da heißt’s dann auch: Selbst wenn du ohne Medaille zurückkommst – wir lieben dich.“

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