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Philipp Pflieger: Berlin änderte alles

Am Sonntag erfüllt sich für den Regensburger der größte Antrieb im Leben. Was danach ist, entscheidet sich nicht im Ziel.
Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Auf den olympischen Auftritt hat Philipp Pflieger viele Jahre lang hintrainiert. Am Sonntag ist er als letzter der 13 Ostbayern am Start.
Auf den olympischen Auftritt hat Philipp Pflieger viele Jahre lang hintrainiert. Am Sonntag ist er als letzter der 13 Ostbayern am Start. Foto: Eibner

Regensburg. Eine Frau läuft um die neue Laufbahn auf dem Oberen Wöhrd in Regensburg und schiebt ihren Kinderwagen vor sich her. Auch andere Freizeitläufer drehen ihre Runden. Dazwischen fegt ein hagerer Mann ums Oval, dessen Tempo aus dem Rahmen fällt: Wer ist das denn? Angesprochen wird er nicht. Tags zuvor war der Mann mit dem Käppi im Gespräch mit unserer Zeitung schon in der Regensburger Innenstadt verwechselt worden: „Ist das nicht der Erik Thommy vom SSV Jahn?“

Ist er nicht. Die Trainingseinheit auf dem RT-Gelände war für Philipp Pflieger rund eineinhalb Wochen vor dem Start eine der letzten schärferen vor den Olympischen Spielen. Dreimal fünf Kilometer mit Pause dazwischen: „Im Halbmarathon-Tempo“, sagt der Marathonmann. Klingt harmlos, bedeutet aber: 15 Mal 1000 Meter in drei Minuten. „Er ist gut drauf“, sagt Jonas Koller, sein Vereinskollege von der LG Telis Finanz Regensburg, auch ein Läufer der deutschen Spitze. Koller kann das Pensum nicht komplett durchhalten. Noch nicht.

Erst vergangenen Mittwoch ging es für Philipp Pflieger per Nachtflug nach Brasilien. Am Sonntag ab 14.30 Uhr steht er in Rio de Janeiro am letzten Wettkampftag am Ziel seines Läuferlebens. „90 Prozent des sportlichen Antriebs war, einmal an Olympia teilzunehmen.“ Es war eine körperliche Gratwanderung für den 29-Jährigen, der Weg war steinig und hart. 2011 musste er drei Operationen über sich ergehen lassen. „London 2012 war da weg. ´Meine Karriere stand auf der Kippe“, sagt Pflieger. Er schwor, wenn er gesund würde, alles, was in seiner Macht stünde, reinzulegen, es noch einmal mit aller Konsequenz zu versuchen. Pflieger wurde gesund, schloss sein Bachelor-Studium ab, wurde Laufprofi. „Hätte ich es nicht geschafft zu Olympia, hätte ich das Kapitel Laufen abschließen können.“

Der Kampf um die Norm

Er musste es nicht. Aber es blieb steinig. Der erste Marathon-Versuch im Herbst 2014 geht schief: Kollaps in Frankfurt bei Kilometer 36. Der zweite Anlauf ein Jahr später in Berlin gab Anlass zum Feiern: Pflieger beendete sein Zieldebüt nach 2:12:50 Stunden und war einen Vormittag lang gemeinsam mit dem Ex-Regensburger Julian Flügel (2:13:57) der Star der ARD-Liveübertragung. Zur damaligen deutschen Norm fehlten 35 Sekunden, die internationale Pflichtzeit zur Zulassung (2:17) war weit unterschritten. Dem Regensburger mit schwäbischen Wurzeln spielte der parallele Dopingskandal um Russland in die Karten. Pflieger und Co. kämpften im Hintergrund per Anwalt um Rio. Die Verbände waren erst unwillig und lenkten dann doch ein – freiwillig natürlich.

Wir haben Philipp Pflieger vor dem Abflug nach Rio im Training getroffen:

Philipp Pflieger freut sich auf Rio

Pflieger hatte es ohne einen weiteren Frühjahrsversuch geschafft. Flügel verlor zunächst im letzten Moment seinen Platz an Hendrik Pfeiffer, ist nun aber nach den verletzungsbedingten Ausfällen von Pfeiffer und der deutschen Nummer eins Arne Gabius auch dabei. Die bewährte „Laufgemeinschaft von Berlin“ bildet wie schon beim EM-Halbmarathon von Amsterdam eine Zimmergemeinschaft. Es herrschte aber auch Rivalität. „Ich respektiere ihn noch spezieller als alle andere Konkurrenten“, sagt Pflieger. „Er muss wahnsinnig viel tun, aber in Berlin war mir wichtig, vor ihm zu sein, weil ihn das Team Memmert weggekauft hatte und Regensburg angreifen wollte.“

„Die EM war nicht supersinnvoll“

Auch für die EM in Amsterdam gab es Irrungen und Wirrungen um die Nominierung. Pflieger war erst raus, dann drin. „Intransparent“, fand Pflieger, dass zunächst ein Zögling des Bundestrainers den Vorzug erhalten hatte. „Es ging um die Sache, nicht mich. Für mich war die EM sowieso nicht supersinnvoll.“ Philipp Pflieger war trotz dickem Knie im bergigen St. Moritz vor und nach den kontinentalen Meisterschaften in der Höhe zugange und plagte sich. „Ich war anfangs klinisch tot“, erzählt er von den am Anfang von 120 auf 190 Wochenkilometer hochgeschraubten Trainingsumfängen.

Der sportliche Ehrgeiz bei der Europameisterschaft war da, aber unangebracht. „Ich wusste, dass nicht viel zu erwarten ist“, sagt Pflieger. Vergeblich versucht hat er es trotzdem. Neun Plätze und 43 Sekunden hinter Julian Flügel kam Pflieger im Halbmarathon nach für ihn nicht tollen, aber erklärbaren 66:01 Minuten auf Rang 33 ins Ziel. „Nach Amsterdam war ich in der Schweiz wieder am verzweifeln. Hätte ich mich nicht auf Olympia, sondern einen City-Marathon vorbereitet, hätte ich vielleicht den Stecker gezogen.“

Dann brachte ein sogenannter Long-Run über 30 Kilometer die Wende: „Ich näherte mich der Bestzeitform, war nur 17 Sekunden langsamer als vor Berlin – und seither läuft es.“ Dennoch: Bestzeit in Rio ist kein Thema, schon des Klimas wegen. „Das ist unmöglich. Man muss es konservativ, also langsam angehen – wie meine Klubkollegin Anja Scherl vergangenen Sonntag.“ Philipp Pflieger hat auch das Trinken trainiert, alle 16/17 Minuten: „Um den Magen daran zu gewöhnen, Flüssigkeit und Nährstoffe zu verarbeiten.“ Zufriedenheit bei Olympia habe er erreicht, „wenn du alles aus dir rausgeholt hast, was da ist – und das werde ich im Ziel relativ bald einschätzen können.“

Viele Verträge laufen aus

Nicht entschieden wird in Rio, an das Philipp Pflieger mit Familie und Freunden noch ein paar Tage Brasilien-Erkundung anschließt, wie die Karriere weitergeht. „Ich weiß, mein Trainer Kurt Ring hört das nicht gern. Aber ein großer Teil der Opferbereitschaft, Schmerzen zu ertragen, auf vieles zu verzichten und von wenig Geld zu leben, wird weg sein“, macht Pflieger vieles von neuen Verträgen abhängig. „Viele laufen aus. Leichtathletik ist eine Randsportart heutzutage. Ich bin zwar noch neu im Marathon, aber auch 29. Es ist nichts geplant, aber irgendwann kommt eine Familie – und ich muss das Geld dafür verdienen.“

Vielleicht geht es ja so weiter wie seit dem starken Auftritt beim Berlin-Marathon. „Seither hat sich alles verändert, von der Aufmerksamkeit, von den Sponsoren“, sagt Pflieger. „Mit meinem Ausrüster Adidas hatte ich dreimal so viele Aktionen wie in den drei Vertragsjahren zuvor.“ Ja, Philipp Pflieger wunderte sich manchmal gar, wie er in erlesene Kreise mit Biathleten wie Simon Schempp oder Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste geriet. „Zum DFB-Pokalfinale gab’s eine Einladung und wir waren in einem der nobelsten Schuppen essen, wo du sonst ein halbes Jahr vorher einen Tisch bestellen musst. Da waren übrigens auch die Dortmunder Spielerfrauen zu Gast.“

Mehr Talente als nur Laufen

Pflieger fragte sich: „Was will ich denn da? Was ist passiert? Ich habe meinen ersten Marathon ins Ziel gelaufen und Glück gehabt.“ Vielleicht ist es mehr. „Ja, kann schon sein, dass es auch karmamäßig ein Ausgleich ist.“ Für die harten Zeiten. Und ein wenig andere Talente als Laufen hat Philipp Pflieger ja auch noch: „In Sachen Kommunikation, Empathie und mit Leuten ins Gespräch kommen.“ Nicht unwahrscheinlich also, dass noch ein wenig Belohnung mehr zu Philipp Pflieger zurückkommen könnte.

Alles rund um die Olympischen Spiele erfahren Sie im MZ-Spezial hier.

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