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Baseball

Martin und seine Home Base

Martin Helmig sagt, wer eine Sache richtig gut beherrscht, kann alles. Auf den Meistertrainer der Regensburger Legionäre selbst trifft das auch zu.
Von Angelika Sauerer, MZ

  • „Es gibt keinen Druck. Du musst nur gewinnen“, scherzt Martin Helmig (r.) vor dem Spiel. Und dann wird es doch ganz schön ernst. Fotos: Sabine FranzlNähe ist Martin Helmig wichtig. Seiner Frau Lara (2. v r.) und Sohn Lou auch.
  • Kaffee und Kreuz
  • Matt Vance und der Trainer
  • Nähe ist Martin Helmig wichtig. Seiner Frau Lara (2. v r.) und Sohn Lou auch.

Zwei Tage vor der überraschenden Wendung im siebten Inning ist Martin Helmig (51) ganz ruhig. „Es gibt keinen Druck. Du musst nur gewinnen“, scherzt er mit trockenem Humor. Es ist der letzte Trainingstag der Buchbinder Legionäre vor dem Bundesligastart und alles andere als zwei Siege des amtierenden Deutschen Meisters aus Regensburg gegen die Stuttgart Reds wäre unwahrscheinlich. Fröstelnd stapft der Meistertrainer (sechs Titel mit Paderborn, vier mit Regensburg) im kalten Nieselregen quer übers Baseballfeld hinüber zum Käfig. Schlagtraining. Er legt den Arm um die Schultern von Christopher Howard, gibt ihm leise ein paar Anweisungen.

Auf Chris – unter anderem – wird es bei den beiden Spielen am Freitagabend und Samstagnachmittag in der Armin-Wolf-Arena im Regensburger Stadtteil Schwabelweis ankommen. Der Schlagmann (Batter) wird rund 18 Meter entfernt seinem Gegner, dem Werfer (Pitcher) gegenüberstehen. Denn Baseball ist immer ein Duell, ein Kampf zwischen zweien. Der Pitcher steht allein auf dem Hügel, der Schlagmann in seiner Batter’s Box neben der Home Plate. Jeder Ball ist wie ein Elfmeter, der exakt, scharf und unberechenbar geworfen und möglichst unhaltbar geschlagen werden muss. Niemand aus der Mannschaft kann sich hinter einem anderen verstecken. Es gehe darum, den Schlagabtausch „persönlich zu nehmen“, sagt Martin Helmig. Und trotzdem cool und kontrolliert zu bleiben. Auch den Kontakt zu den Spielern nimmt der Trainer sehr persönlich. Talent bringen sie ja alle mit, wenn sie bei ihm landen, im besten deutschen Baseball-Team. „Uns geht es darum, sie nicht nur zu Spielern auszubilden, sondern zu wahrhaftigen Männern.“ Männer, die diesem Druck standhalten und dabei so unglaublich lässig wirken.

Beherrscht im hitzigsten Drama und mental gespannt in den Pausen

Wie man den Kampf annimmt, hat der gebürtige Mannheimer auf dem Eis gelernt. Als Kind und Jugendlicher spielte Martin Helmig im Sommer Baseball, im Winter Eishockey. Nichts haben die beiden Sportarten scheinbar gemeinsam, außer, dass man jeweils mit einem Schläger hantiert. Hier der harte, direkte, oft aggressive Körperkontakt, dort ein indirektes, langes, von Regeln bestimmtes Spiel, ohne Berührungen. Helmig ist von beidem geprägt: Er ist beherrscht im hitzigsten Drama und mental gespannt in vermeintlichen Atempausen.

Man kann sich gut vorstellen, wie seine Gegner im Eishockey an ihm, an seiner Größe und durchtrainierten Wucht abgeprallt sind. Diese Körperlichkeit begleitete ihn auch im Baseball als Pitcher und Batter in der Nationalmannschaft, in kalifornischen College-Teams, bei den Haarlem Nicols (Niederlande), den Baltimore Orioles (USA), im italienischen Anzi oder im heimischen Mannheim, als Trainer und Spielertrainer der Paderborn Untouchables. Sie ist auch jetzt da, bei jedem Schritt übers Field, bei jedem kraftvoll routinierten Wurf, mit dem er seine Schlagleute trainiert.

Die ersten Schritte auf Kufen machte er bei den Mannheimer Adlern, mit dem EV Füssen wurde er dann 1977 Deutscher Eishockey-Jugendmeister, während er im Sportinternat Hohenschwangau zur Schule ging. Er wechselte in die Eishockey-Bundesliga (1978-1980) zum VfL Bad Nauheim. Dann hängte er die Schlittschuhe an den Nagel. Er hatte genug vom Winter, vom Schweißgeruch in den Kabinen, von kaltfeuchten Hallen, lauten Trainern. Sein eigener Stil ist ja leise. Er packt die Spieler einzeln bei ihrer Ehre. Das klappt auch im Eishockey: 2011/2012 sprang er als Coach des Regensburger Eishockey-Vereins EVR ein – und hielt die Liga.

„The boys of summer“ nennen die Amerikaner die Baseballspieler und Martin Helmig ist einer von ihnen, ein Sommer-Typ mit Haut und Haaren. Mindestens acht, neun Winter seines Lebens, rechnet er vor, tauschte er gegen die Sommer in Kapstadt aus, wo er sich als Spieler oder Trainer verpflichtete. Bevor er 2008 nach Regensburg kam, hatte er schon die Papiere für einen weiteren Aufenthalt in Südafrika beisammen – und entschied sich dann doch für die Oberpfalz, die ein Stück Heimat für den Rastlosen ist. Denn seit 30 Jahren kennt er sich hier aus. Sein bester Freund aus Internatszeiten lebt in Schwandorf, er verbrachte die Ferien hier, weitere Freunde kamen hinzu. Im Baseball läuft am Ende alles darauf hinaus, die sichere Base zu erreichen, gut heimzukommen. Im Leben ist das nicht anders. Familie und Freunde sind quasi die Home Base des Baseballers Martin Helmig. Sein Fernweh stillt er dafür ein bisschen mit der Liebe zu alten Autos.

In der Küche in seinem Haus am Ortsrand von Irlbach steht eine lange Tafel. Eigentlich sind sie ja nur zu dritt: seine Frau Lara, sein Sohn Lou, der in die vierte Klasse geht, und Martin. Seine bereits erwachsene Tochter Lorraine lebt in Mannheim. Aber es sind immer Leute zum Essen da: die Mitarbeiter der Veranstaltungsagentur, die Lara Helmig zusammen mit Martin betreibt – „Donauevents“ – oder Spieler, Freunde, Gäste, die Nachbarn, wenn gegrillt wird. Heute gibt es Nudeln mit Meeresfrüchten, Tomaten und Sahne. Martin kocht, nachdem er vom Vormittagstraining wieder zurück ist. Er wirft nebenbei einen skeptischen Blick durchs Fenster. Der Regen nervt ihn langsam.

Das Kreuz an der Wand: Auch das ist eine sichere Base

Am nächsten Tag aber reißt der Himmel auf. Erster Spieltag, es geht los. Martin Helmig streift sich in seinem Büro in der Arena das Trikot mit der Nummer 7 über. Wenn seine Glückszahl vergeben war, hat er sie dem Mitspieler abgekauft. Dabei vertraut er eigentlich weniger aufs Glück, als auf die Liebe Gottes, die er tief in sich spürt. „Ich hatte viel Glück und sportlichen Erfolg in meinem Leben. Ohne Gott an meiner Seite wäre es nicht so gut gelaufen“, meint Martin Helmig. In dem schmalen, mit Klamotten, Schlägern, Handschuhen, Schuhen, Kisten, Computer und einer gurgelnden Kaffeemaschine voll gestellten Raum hängt ein schlichtes, großes Kreuz an der Wand: Auch das ist eine sichere Basis.

Draußen spielt die Musik, während sich die Mannschaften einschlagen. „It’s like dancing in the sun, having trouble, having fun, ... it’s time to have an easy day“, schallt aus den Lautsprechern. Der noch kühle Wind treibt den dichten Rauch vom Grill aufs Spielfeld, die Schwaden vernebeln den Blick, drüben dampft das Kalkwerk und der Feierabendverkehr rund ums Stadion ebbt langsam ab. Einige Zuschauer sind schon da, die Atmosphäre gleicht einem großen Picknick mit Barbecue. Martin Helmig schaut lächelnd die Ränge hoch. Damit ist er aufgewachsen. Baseball wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Vater Claus (77) und Onkel Jürgen (74) waren 1956 die ersten Deutschen mit Profiverträgen in den USA. Claus Helmigs Lebenslauf listet zwei WM- und fünf EM-Teilnahmen auf, 67 Länderspiele und neun Deutsche Meistertitel. Er war Gründer und 20 Jahre Abteilungsleiter der Amigos Mannheim und ein paar Jahre Präsident der Mannheim Tornados. Martin Helmig ist der Sohn einer deutschen Baseball-Legende – und freilich selber längst eine: Alle drei Helmigs gehören der Hall of Fame des Deutschen Baseball & Softball Verbands an. Martin ist trotzdem ein ganz normaler Mensch geblieben, einer wie du und ich. Wahrscheinlich könnte er ein ganzes Buch über sich, die Helmigs und Baseball schreiben, und vielleicht macht er das ja auch. Denn über sich reden, das liegt ihm nicht so. „Ich mache meinen Job“, sagt er. Feiern dürfen die anderen. Und wenn es – wie im Oktober 2011 – sein Job ist, mit seinem Freund Thomas Gründing in die eiskalte Naab zu springen, um ein Kind aus einem Unfallauto zu holen, dann tut er das halt, ganz einfach.

Kann sein, dass man genau das im Baseball lernt: im richtigen Moment voll da zu sein. „Baseball formt den Charakter“, sagt Martin Helmig. „Den Ball zu treffen, ist so schwierig. Auch gute Batter schaffen das im Schnitt nur drei- von zehnmal.“ Man brauche ein starkes Selbstvertrauen und Geduld, um mit dieser ständigen Negativ-Bilanz zurechtzukommen. Das helfe einem in allen Lebenslagen, meint Helmig. „Wer Baseball kann, der kann alles“, sagt er, und relativiert für alle Nicht-Baseballer: Man müsse wenigstens eine Sache richtig gut können.

Vor allem auch gut beobachten: Während sich die Stuttgarter einspielen, sitzt Martin Helmig auf einer Kiste vor der Bank der Legionäre, die Arme verschränkt auf dem Geländer und schaut konzentriert zu. Später, während des Spiels, wird kaum ein Außenstehender die abgesprochenen Gesten und Zeichen wahrnehmen, mit denen er sein Team dirigiert. Am Freitag geht alles glatt, wie erwartet: 3:0. Aber am Samstag nicht. Der Stuttgarter Werfer Richard Olson hat einen sensationellen Tag und die Legionäre liegen in der Mitte des siebten Innings mit 0:7 im Rückstand. Eigentlich uneinholbar.

„Lasst uns das wie Männer zu Ende bringen“

Martin Helmig sieht man die Anspannung nicht an. Weiß er, dass der Werfer jetzt müde wird? Er holt die Spieler ganz nah zusammen und sagt eindringlich, aber nicht laut: „Lasst uns das wie Männer zu Ende bringen.“ Als Chris Howard zur Batter’s Box geht, hat sich das Blatt schon gewendet: Sein Bruder Philipp katapultierte sich mit einem satten Schlag soeben auf die dritte Base. Der Home Run, den Chris nun schlägt, bringt nicht nur die beiden heim, sondern die Legionäre wieder ins Spiel. Wie Männer bringen sie das Ding zu Ende: 10:7. Martin Helmig hat ihnen das Unglaubliche zugetraut.

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