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Sport aus Cham
Montag, 23. April 2018 21° 8

Experiment

Vom Trailrunner zum Langläufer

90 Tage begab sich Markus Mingo in den Schnee. Wie aus dem deutschen Trailrunningmeister ein Starter beim Skadi Loppet wurde.
von Markus Mingo

  • Mission erfüllt – Markus Mingo hat das Ziel des Skadi Loppet verletzungsfrei erreicht. Foto: Felgenhauer/www.xc-run.de
  • Platzreservierung – bei Trails an der Spitze, startete Mingo in Block drei. Foto: Felgenhauer/www.xc-run.de

Cham.Unter dem Motto „Vom Trailrunner zum Langläufer in 90 Tagen“ wagte Markus Mingo ein ungewöhnliches Projekt. Ziel des ambitionierten Läufers war es, einen Teil des Wintertrainings auf Langlaufskiern zu absolvieren und das Ganze mit der Teilnahme beim Skadi Loppet in Bodenmais über 32 Kilometer in „freier Technik“ abzuschließen. Für unser Medienhaus hat der Vollblutläufer aufgeschrieben, wie es ihm bei diesem Experiment erging:

Irgendwann hatte ich mal gesagt, dass es für einen Trailrunner als optimale Wintervorbereitung genau zwei Möglichkeiten gibt. Entweder man sucht sich einen Straßenlauf, bolzt Kilometer und feilt an der Grundschnelligkeit, um seine persönliche Bestzeit im Halbmarathon oder Marathon zu verbessern. Oder man trainiert Höhenmeter, Kraft und Grundlagenausdauer beim Skibergsteigen. Ich entscheide mich heuer für die dritte der beiden Möglichkeiten: Skilanglauf! Bis zum Skadi Loppet am 17. März 2018 bleiben mir dazu exakt 90 Tage. Zeit genug, um aus einem ordentlichen Trailrunner einen passablen Langläufer zu machen? Ich weiß es nicht! Für mich ist das Ganze ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Aber egal: Schnee hat es, Ziele sind definiert, die Motivation ist da – kann losgehen…

Erste Schritte unterm Mühlriegel

Wenn ich behaupten würde, ich wäre noch nie auf Skiern gestanden, müsste ich lügen. Ich bin ein Kind des Bayerischen Waldes und vor 30 Jahren war bei uns die Tatsache „Skifahren zu können“ fast so wichtig wie Fußball spielen. Als Vierjähriger stand ich zum ersten Mal auf Alpinski und absolvierte im Schulskikurs die obligatorischen ersten Schritte auf Langlaufskiern. Ich bin also kein blutiger Anfänger und man hat mir nachgesagt, mich bei neuen Sportarten (solange sie nicht im Wasser stattfinden) ganz ordentlich zu schlagen.

Top motiviert vom Vorhaben Skadi Loppet stehe ich Ende Dezember vor der ersten Langlaufeinheit des Jahres. Ich habe knapp zwei Stunden Zeit und möchte die erste Grundlageneinheit absolvieren, um „reinzukommen“. Geplante Strecke für Insider: Hudlach – Eck – Mühlriegel und zurück. Die ersten paar Kilometer gehen recht locker. Das Skaten auf Skiern ist wohl eine der schönsten Bewegungsformen, die es gibt. Sind hier doch Oberkörper, Beine, Ausdauer und die nötige Koordination gefragt. Anders sieht es „hoch zum Mühlriegel“ aus. Es warten nichtpräparierte fünf Kilometer und 350 Höhenmeter Anstieg auf mich. Aus der „lockeren Grundlageneinheit“ wird ein gefühlter Kampf ums Überleben und innerhalb von 20 Minuten laufe ich mich blau wie der Himmel über Bayern.

Runter fehlt mir jegliches Gefühl für den Ski und ich jage komplett „out of Control“ durch die steilen Serpentinen der 350 Höhenmeter. Komplett durchgeschwitzt, mental am Ende und mit schlotternden Knien stehe ich wieder am Fuße des Anstiegs und möchte eigentlich nur noch eines: Nochmal da hoch. Am Ende bleibt die Uhr bei 21,8 Kilometern und exakt zwei Stunden stehen. Kurz schießt mir durch den Kopf, dass ich mit diesem Durchschnittpuls in Laufschuhen deutlich flotter unterwegs gewesen wäre – es gibt also viel zu tun.

„Du stehst ja scho ganz guad am Schi!“. Ich muss schmunzeln bei diesem Satz. Erinnert er mich doch an meinen ehemaligen Seminarlehrer, der mir im Umgang mit Schülern immer wieder eingebläut hat: „Loben, loben, loben – das tut den Menschen gut!“. Mit Stephan Treml hat sich ein echter Profi in Sachen Langlauf und ehemaliger Skilehrerkollege der DJK Vilzing angeboten für eine erste Technikeinweisung. Während ich so gut wie immer mit der autodidaktisch erlernten Armschwungtechnik (2:1-Doppelschub) unterwegs war, bekomme ich nun Tipps, wie ich die Technik dem Gelände anpasse. Eine kleine Korrektur („Schwerpunkt weiter nach vorne“) liefert den ersten Aha-Effekt und plötzlich klappt der koordinativ für mich bisher so schwierige Eintakter (1:1).

Das Training wurde bisweilen zum Familienausflug auf Langlaufskiern. Foto: Felgenhauer/www.xc-run.de

Nach wenigen hundert Metern bin ich im Flow, und die Sache beginnt Spaß zu machen. Nach einigen weiteren Tipps und Tricks schließe ich die 15 Kilometer Runde am Bretterschachten mit einem wahnsinnig guten Gefühl ab. Die 1,5 Stunden Techniktraining mit Stephan haben mir deutlich mehr gebracht als 20 Stunden blindes Training auf Langlaufskiern.

90 Tage nach Start des Projektes stehe ich nun am Bretterschachten in Bodenmais bei der größten Langlaufveranstaltung der Region. Mein Startplatz befindet sich in der dritten Welle. Weit hinter den Eliteläufern, kurz vor dem Kaffeekränzchen. Ich genieße das Gefühl, ohne Ambitionen oder Erwartungsdruck in ein Rennen zu gehen. Während bei Trailrunningveranstaltungen Sponsoren, Umfeld und das Ego meist einen Podestplatz von mir erwarten, muss ich niemandem etwas beweisen und kann als Neuling gemütlich Wettkampfluft schnuppern.

Showdown am Bretterschachten

Der Ablauf zwischen Trail- und Langlaufwettkampf ist ähnlich: Freitag Startnummernausgabe mit Pastaparty, Shuttlebusse zum Start, Stau vor den Dixie-Klos und jede Menge erwartungsvolle Gesichter im Startbereich.

Glücksgefühl – der Top-Trailrunner landete auf Platz 202. Foto: Felgenhauer/www.xc-run.de

Der einzige Unterschied – ähnlich wie der deutsche Strandurlauber seine Liege, reserviert der erfahrene Langläufer seinen Startplatz. Dazu platziert er Ski und Stöcke im Vorfeld auf der gewünschten Position im Block. Ich tue es den Profis gleich und lege meine Ski schön brav in Reihe zwei der dritten Startwelle. Nach meinem obligatorischen „Warme-Sachen-Ausziehen“ und „Angstbisler“ kurz vor dem Startschuss erlebe ich bei meiner Rückkehr den ersten Aha-Effekt: Die Startreihen wurden bereits geöffnet und 100 Meter hinter den letzten Läufern liegen einsam und verlassen meine Skier. So beginnt also mein erster Start in einen Langlaufwettkampf aus der letzten Reihe – noch hinter den „Ohne-Stress-Läufern“. Entsprechend zäh gestaltet sich der Anfang des Rennens. Zwei Meter gehen, ein Meter stehen heißt es zu Beginn für mich. Unzählige Skier und Stöcke sind im Weg. An ein Überholmanöver ist nicht zu denken. Erst ab Kilometer sieben lässt es sich gut überholen. Ab hier kann ich meine rohen Kräfte sinnlos walten lassen und finde eine Art Rhythmus. Der Skadi Loppet beginnt, trotz stürmischen Wetters und matschiger, völlig zerstörter Loipe, Spaß zu machen. Ich bin meist am Überholen, bedanke mich artig bei den paar applaudierenden Zuschauern und den Helfern an den Verpflegungsstellen. Ich genieße meinen ersten Auftritt bei einem Langlaufwettkampf in vollen Zügen.

Runde zwei der 32-Kilometer-Strecke ist noch matschiger und tiefer als die erste, und bei Kilometer 22 werde ich in einer Abfahrt von hinten unsanft von den Beinen geholt (überfahren). Vor allem bei diesen unkontrollierten Abfahrten im Schneematsch steigen Puls und Adrenalinspiegel. So bin ich nach 2:11h und Platz 202 heilfroh, das Ganze gesund und verletzungsfrei überstanden zu haben. Meine Frau Veronika würde nun augenzwinkernd sagen „Ich glaube, du hast dich nicht richtig bemüht!“ – und ein Durchschnittspuls von 130 deutet auch erstmal darauf hin. Aber das stimmt nicht. Gut, den Start und die ersten Kilometer habe ich verbummelt, aber habe ich im Rahmen meiner Möglichkeiten alles gegeben. Allerdings war ich bei diesen schwierigen Loipenbedingungen meist koordinativ so stark gefordert, dass ein höheres Tempo für mich einfach nicht möglich war.

Langlaufen ist eine Kombination aus Technik, Körpergefühl, Kraft und Ausdauer, und genau das macht diese Sportart so faszinierend. Mit bloßer Gewalt erreicht man hier wenig. Allerhöchsten Respekt deshalb an alle Teufelskerle (und Schneehexen), die mir hier bis zu 50 Minuten abgenommen haben. Chapeau!

Meine Trainingsaufzeichnungen verraten mir, dass ich in den vergangenen 90 Tagen fast 400 Kilometer und 30 Stunden auf Langlaufskiern verbracht habe. Gemäß dem Motto „der Weg ist das Ziel“ hat mir die Vorbereitung auf den Skadi Loppet meist mehr Spaß gemacht als das Rennen selbst. Die Faszination Skilanglauf hat mich mächtig gepackt. Ich möchte das im nächsten Jahr unbedingt ausbauen. Jetzt wird es aber erstmal Zeit für den Frühling, kurze Hosen und den Start in die Trailrunningsaison…

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