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Ausdauersport

Acht Tage lang Gefühlschaos pur

Nach hartem Training hat Christian Mayer aus Chamerau den Transalpine Run geschafft. Wie sich das anfühlt, erzählt er hier.
Von Christian Mayer

Geschafft und euphorisiert zugleich: Mit Stolz nahmen der Chamerauer Christian Mayer (rechts) und sein Laufpartner Eric Leidenfrost (links) ihre Finisher-Shirts entgegen. Foto: Christian Mayer
Geschafft und euphorisiert zugleich: Mit Stolz nahmen der Chamerauer Christian Mayer (rechts) und sein Laufpartner Eric Leidenfrost (links) ihre Finisher-Shirts entgegen. Foto: Christian Mayer

Cham.Bereits die nackten Zahlen sorgen für hochachtungsvolles Staunen. Innerhalb von acht Etappen hat der Chamerauer Trailrunner Christian Mayer zusammen mit seinem Laufpartner Eric Leidenfrost beim Transalpine Run (TAR) nicht weniger als 277 Kilometer bis ins Ziel zurückgelegt und dabei einen positiven Höhenunterschied von 16416 Höhenmeter bewältigt. Am Samstag überquerten die beiden Ausnahmesportler die Ziellinie. Nun mit einen paar Tagen Abstand blickt Mayer noch einmal zurück auf die Strapazen und zieht ein persönliches Fazit:

Gerade wenn man mit dem ambitionierten Laufen von Trailwettkämpfen in Berührung kommt, stößt man irgendwann einmal auf eine Veranstaltung namens Transalpine Run. Erst im Laufe der Zeit erkennt man durch Berichte oder aber vom Hörensagen, dass der TAR für die Trailrunner einen ähnlichen Stellenwert hat wie zum Beispiel der Ironman für die Triathleten. Auch mir wurde vor Jahren von dieser Veranstaltung berichtet und mit großen Augen habe ich zu meinen Helden Jahr für Jahr emporgeschaut, hab diese für ihre Ausdauer bewundert und darauf gehofft, diesen speziellen Wettkampf einmal selbst zu bestreiten.

Als Entschädigung für seine Leistung eröffneten sich Christian Mayer immer wieder tolle Ausblicke. Foto: Christian Mayer
Als Entschädigung für seine Leistung eröffneten sich Christian Mayer immer wieder tolle Ausblicke. Foto: Christian Mayer

Ich trainierte, lief von Wettkampf zu Wettkampf, erlitt einen Rückschlag nach dem anderen und stand immer wieder auf und kämpfte mich hartnäckig zurück. Irgendwann wurde ich in das neu geschaffene GoreWear xc-run Trailrunning Team aufgenommen und als es an die Saisonplanung 2019 ging, erhielt ich meine Chance. Das Team bekam vom Organisator einen Startplatz zugesichert und ich machte deutlich, dass ich diesen Lauf bestreiten möchte. Mit Eric Leidenfrost hatte ich auch gleich einen passenden Teampartner gefunden und so begann ich im Dezember 2018 mit den Vorbereitungen für meinen sportlichen Lebenstraum.

Enorm wichtige Vorbereitung

Training ist eine Säule einer erfolgreichen Teilnahme, die mindestens ebenso wichtige, weitere Säule ist die Organisation. Ab Januar begann ich die Etappenorte zu studieren. An welcher Stelle ist der Zieleinlauf, wo befinden sich die nächsten Unterkünfte und welche Kosten kommen dabei auf uns zu? Können diese ein ausreichendes Frühstück zu teils unchristlichen Zeiten sicherstellen? Zwei Stunden vor Start sollte die letzte richtige Nahrungsaufnahme erfolgen, um die Verdauung in Gang zu setzen und aufgefüllte Energiespeicher zur Verfügung zu haben. Wie sieht es aus mit Regenerationsmöglichkeiten? Acht Tage am Stück laufen ist eine enorme Belastung für den Körper. Aus diesem Grund darf die Pflege und Regeneration des Körpers nicht zu kurz kommen.

Trailrunning

Fantastische Strecke durch den Schnee

Die siebte Etappe des Transalpine Runs kostet Christian Mayer aus Chamerau viel kraft. Dennoch landet er auf Platz 13.

Diese Dinge nahmen sehr viel Zeit in Anspruch, so dass ich neben meinem Fulltime-Job gut und gerne die Hälfte der normalen Wochenarbeitszeit zusätzlich für die Vorbereitung verwendet habe. Natürlich sollte trotz aller Euphorie die normale Laufsaison ablaufen, um den Körper an diese Stresssituationen zu gewöhnen. Während ich im ersten Quartal hervorragende Fortschritte machte, kam im April der Moment, der alles in Frage stellen sollte. Bei meinem allerersten Rennen dieser Saison in Innsbruck erlitt ich einen Ermüdungsbruch. Nach einer Distanz von 20 Kilometern konnte ich vor Schmerzen kaum noch laufen. Da diese Situationen ebenfalls zum Alltag eines Trailrunners gehören, kämpfte ich nicht nur gegen meine Schmerzen, sondern auch gegen meinen Kopf und absolvierte mehr schlecht als recht die restlichen 45 Kilometer. Trotz dieser schwerwiegenden Verletzung holte ich auf dieser Distanz den 8. Platz.

Bei diesen Bilder kann man erahnen, welche Strapazen die Extremsportler auf sich genommen haben.  Foto: Christian Mayer
Bei diesen Bilder kann man erahnen, welche Strapazen die Extremsportler auf sich genommen haben. Foto: Christian Mayer

Als ich eine Woche später die Diagnose erhielt, empfahl mir der Orthopäde eine sofortige Laufpause, um spätere Komplikationen bei der Heilung nicht zu riskieren. Ein akuter Wadenbeinbruch und nur noch knapp vier Monate bis zum TAR, wie soll das funktionieren? Ich steckte meinen Kopf nicht in den Sand, begann mein Training neu zu strukturieren und kaufte mir ein Rennrad. Auf diesem absolvierte ich in den folgenden acht Wochen ein hartes Ausdauertraining und steigerte dadurch meine körperliche Fitness. Nach nur neun Wochen begann ich wieder mit dem Lauftraining und bereits zwei Wochen später holte ich beim Pröller Berglauf den 2. Platz. Von da an vergingen die Wochen viel zu schnell und mit zugegeben flauem Magen machte ich mich am 30. August auf den Weg zum Startort nach Oberstdorf.

Trailrunning

Über das Geröllfeld auf den 11. Platz

Trailrunner Christian Mayer aus Chamerau ist bei der sechsten Etappe des Transalpine Runs in den Graubündner Alpen unterwegs.

Zweifel an eigener Stärke

Mein nach Außen getragener Optimismus hatte einzig und allein den Zweck meinem Umfeld zu zeigen, dass ich wieder vollständig genesen und voller Euphorie den Transalpine Run bewältigen werde. In mir drin sah es jedoch ganz anders aus und zu Beginn wurde ich von starken Zweifeln geplagt. Auch die Laufstärke meines eigenen Teampartners auf den ersten beiden Etappen machte mir zu schaffen. Mit dem Hinweis, dass dieser Lauf über acht Etappen geht, bremste ich ihn mehrmals ein. Ich versuchte mein Bestes, lief aber trotzdem immer mit angezogener Handbremse. Irgendwann zu Beginn der dritten Etappe platzte plötzlich der Knoten.

Christian Mayers sportliche Pläne

  • Orientierung:

    Seit dem Zieleinlauf am Samstag sind schon einige Tage vergangen. Trotzdem fällt es Christian Mayer schwer, sich im normalen Alltag in der Heimat wieder zurechtzufinden. Es gibt viele schöne und unterschiedliche Trailwettkämpfe, aber es gibt nur einen Transalpine Run.

  • Bedeutung:

    „Nur wer diesen Traum selbst durchlebt hat, kann dieses Gefühlschaos nachvollziehen. Der TAR gibt den Läufern so viel, fordert aber auch seinen Tribut. Ich wäre aber jederzeit bereit, mich dieser Aufgabe nochmals zu stellen!“, sagt Mayer, für den der TAR 2019 ein sportlicher Lebenstraum war.

  • Herausforderungen:

    Im Kopf hat Mayer schon viele neue Projekte: Finish eines 100 km Rennens, bestreiten eines der legendären Rennens im Rahmen des UTMB im französischen Chamonix, oder aber der Transalpine Run 2020 auf der Ostroute, die von Garmisch-Partenkirchen nach Brixen verläuft.

Es war an einem sehr langen Aufstieg, das Wetter war gut, ich rammte meine Stöcke in den Boden und drückte mich kraftvoll den Berg hinauf. Die Welt um mich versank in Gedanken und auch mein Partner war in diesem Moment nicht mehr für mich da. Kurz vor Ende der Etappe stellte mich dieser zur Rede, warum ich an diesem Tag soviel Druck machte. Ich machte aber keinen Druck, sondern lief endlich wieder komplett befreit von schlechten Gedanken und Zweifeln. Von diesem Tag an lief es wie geschmiert und die Etappen flogen wie im Wind an uns vorbei.

Natürlich litt mein Körper auch unter dieser ständig vorhandenen Belastung, aber weder dies noch eine leichtere Bandverletzung konnten mich spürbar bremsen. Leider hatte nun aber mein Teampartner mit einer alten Verletzung zu kämpfen, so dass wir von Rennen zu Rennen empfindlich Zeit einbüßten. Aber das ist das Schicksal eines Teamwettkampfes. Man ist immer vom Wohlergehen des Partners abhängig und muss sich anpassen.

Trailrunning

Team Mayer sprintet auf Platz zehn

Kurz und knackig – auf der fünften TAR-Etappe war ein Sprint angesagt. Zieleinlauf am Berg war ein echter Gänsehautmoment.

Während bis zum Ende dieser Woche insgesamt 48 Teams aufgeben mussten, kämpften wir gegen Hitze, Regen, Wind, Kälte, Schnee und natürlich gegen die eigenen Befindlichkeiten und absolvierten Etappe für Etappe. Im Gegensatz zu mir hat mein Teampartner seine Gefühle stärker im Griff. Mir dagegen liefen auf den letzten Metern ins Ziel große Krokodilstränen die Wangen herunter und sogar jetzt noch spüre ich noch diese große Ergriffenheit. Wir haben es gemeinsam geschafft – unvergessliche 277 Kilometer von Oberstdorf bis nach Sulden am Ortler!

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