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Sport aus Cham
Freitag, 27. April 2018 19° 3

Eishockey

Ein Puck an den Kehlkopf, das ist übel

Die Arnschwanger Bäcker-Familie Baumgartner und ihre spezielle Liebe zum Kufensport in Taus. Früh aufstehen, spät aufhören.
Von Markus Günther

  • „Du kannst in diesem Sport nicht einfach sagen, jetzt spiele ich Eishockey“, musste sich Leon Baumgartner die Grundlagen hart erarbeiten. An Disziplin mangelt es dem Bäcker-Lehrling ja nicht. Fotos: Baumgartner/Tschannerl
  • Vater und Sohn Baumgartner sind ein eingespieltes Team.
  • Von der Pike auf gelernt.
  • Wie alles begann.

Arnschwang.Alle diejenigen Eltern, die ihren Spross nach Nürnberg oder nur um die Ecke ins Fußball-Training gefahren, im kalten Auto gewartet haben, bis ihr Talent geduscht hat, um dann abends noch die Hausaufgaben zu erledigen, sind nicht allein: Mit dem Ball spielen kann jeder, heißt es so schön. In Arnschwang läuft bei der Familie Baumgartner alles im Zeichen der schwarzen Hartgummi-Scheibe. Unerreicht bisher, nicht einmal nachgeahmt. Vater Tobias Baumgartner fährt seinen inzwischen 16-jährigen Sohn Leon schon seit Jahren im Winter zweimal pro Woche nach Taus zum Eishockey spielen, am Wochenende dann oft für zwei Spiele dorthin. Das ist einzigartig im so sportlichen Landkreis.

Demnach hat das Talent samt elterlichem Management nicht immer Zeit, um zu reden über diese für Außenstehende Dauer-Herkulesaufgabe. Denn Vater und Sohn haben auch noch einen anstrengenden Beruf als Bäcker am Ort. Lehrlinge sind in dieser Branche rar inzwischen. So sind Papa Tobias und Mutter Sonja froh, dass ihr verlässlicher Sohn diesen Weg einschlagen wollte. Logisch, dass die ganze Familie diese Aufgaben voll mitträgt. Eine Wechselwirkung, diese außergewöhnliche Kooperation im Hause Baumgartner. Längst mit sportlichen Erfolgen überdies, denn die Jugendabteilung von Ostbayerns DEL-Marktführer Straubing Tigers hat schon Kenntnis vom Talent des Arnschwanger Kufenflitzers.

Straubing wäre verlockend

Michal Klozek, ein Tscheche, hatte den jungen Puckjäger schon im Training auf Gäuboden-Eis begutachtet. Papa Tobias hatte die Kontakte geknüpft. Daraus könnte mehr werden, nicken Vater und Sohn hoffnungsfroh, wenngleich man in dieser Lebensphase noch nichts planen kann. Der Tauser Jugendjahrgang seines Sohnes stehe auf der Kippe, sagt Vater Tobias, manchmal hätten sie Mühe, drei Reihen aufbieten zu können. Ausfallen dürfe fast keiner, wirft Leon ein, sonst wird‘s eng. Auch beim Siegen. Ginge es in Taus weiter, wäre für den Leon natürlich die bisherige sportliche Heimat erste Wahl. Doch Straubing ist verlockend, logisch. Leon Baumgartner brennt für seinen Sport. Nach zwei Rippenbrüchen hatte er mehrere Wochen noch weitergespielt, ehe der Arzt fast schon wieder grünes Licht gegeben hatte. Rippen wachsen schnell wieder zusammen.

Außenseiter ist Baumgartner junior dennoch nicht im beschaulichen Vorort der Grenzstadt Furth i. Wald. „Deswegen geht er auch mit seinen Freunden fort“, wirkt der Papa zufrieden mit der Passion seines Sohnes. Tochter Emilie ist da mehr musisch orientiert, „spielt Klavier“, erzählt der Vater, die Arme vor der Brust verschränkt. Auch Hündin Sina ist übrigens Fan.

Der hausinterne Azubi

Höchste Disziplin erfordert der Alltag dennoch: Zwar ist es Humbug, Bäcker müssten um zwei Uhr früh aufstehen und hätten damit so gut wie keine Freizeit, weil sie für den Rest des Tages schlafen müssten. Um fünf Uhr früh mit dem Handwerk zu beginnen, wäre für viele andere 16-Jährige dennoch der blanke Horror. „Er muss nur die Treppe runtergehen“, sind Sonja und Tobias Baumgartner happy, dass ihr Sohn so anpackt. Leon wirkt total entspannt, im ersten Lehrjahr gab es keine Probleme mit dem hausinternen Azubi.

Wenn man an einer Sache Freude hat, dann kennt man dabei keinen Stress, spricht Vater Tobias vielen Sportler-Eltern aus der Seele. Disziplin heißt dennoch das Zauberwort: Jeden Montag zwei Stunden im Zug von Arnschwang nach Schwandorf, dort umsteigen nach Regensburg, weil es in Cham keine Bäcker-Berufsschule mehr gibt. Nach acht Stunden das Ganze auf Schienen wieder zurück. Die moderne Wohlfühljugend würde den Mittelfinger recken, sich nach langer Internet-Nacht lieber auf die andere Seite drehen. Daunendecke über den Kopf.

Leon Baumgartner erzählt begeistert von den beiden Profitrainern, einer hat sogar studiert, die auf Tauser Eis die Rohdiamanten schleifen. Dass er erst die Fachbegriffe in Tschechisch auszusprechen lernen hatte müssen, war kein Hindernis, erzählt uns der Vater. Erstens ist die Sprache des Eishockeys international, ein wenig Englisch ging immer. Während die Tauser eher in Russisch bewandert sind, die jüngere Generation in Grenznähe ist nämlich nicht mehr aufgewachsen mit Deutsch als Zweitsprache. Natürlich sind Tauser und Arnschwanger Eltern längst miteinander warm geworden. Ein Verlust wär‘s schon für die Baumgartners, würde das in Taus in die Brüche gehen.

30 bis 40 Spiele sind es schon wieder, die der Junior seit Saisonbeginn auf dem Buckel hat. Drei Stunden Fahrt im 50 Mann-Bus nach Liberec an die polnische Grenze, Prag ist noch die kürzeste Entfernung. Sowas schweißt zusammen, bestätigt Leon mit wissendem Blick. Besonders wenn der Kader auf Kante genäht ist. Natürlich sind auch tschechische Jugendliche extrem gut vernetzt, Facebook ist fast schon wieder Auslaufmodell. Auf dem Eis in einer Top-Nachwuchsliga eines zigfachen Weltmeisters musst du alles können. Perfektes Schlittschuhlaufen hat Leon als kleines Kind gelernt, als die Winter damals noch so kalt waren, dass die Weiher am Dorfanger bis zum Boden zugefroren waren. In den Tiefen des Klimawandels bangt inzwischen sogar Eishockey-Nation Finnland um die Tragfähigkeit der Bolzplätze ihrer Naturtalente.

Wie im Fußball: Je älter du als Jugendlicher wirst, desto stärker werden die Gegenspieler. Leon Baumgartner sieht sich als versierten Stürmer, doch 1,90 Meter große Gegner, noch dazu in dieser Ausrüstung, können zur Wand werden. „Du musst fit und robust sein“, beschreibt der junge Mann seine Art, sich zu behaupten. Irgendwann, wenn auch das Nervenkostüm dick ist, verlieren die Bandenchecks an Wirkung. In der U19 Bayernliga beim EHC Straubing, dem Unterbau der Tigers, würde Leon Baumgartner schon auf erwachsene Gegenspieler treffen. Die nächste Steigerung. Da wäre für einen Auszubildenden weiterhin das Vollvisier als Gesichtsschutz hilfreich. Erst ab 18 darf der ganze Mann das Augenpaar nur noch per Plexiglas schützen. Sollen die Schlaumeier nur behaupten, Vollvisier trügen nur Weicheier. Baumgartner junior ist alles andere als ein Weichei, 15 Treffer sind es heuer, in der letzten Saison waren es mehr. Weil die Gegenspieler stärker werden. Stark sein muss natürlich auch die Ausrüstung, der Schirmständer im Hausflur ist zweckentfremdet durch die Lagerung von Schlägern. Karbon ist der letzte Schrei, bricht aber öfter als erwartet. Irgendwann geht sowas ins Geld, was tut man nicht alles, damit der Sohn glücklich ist und einen glücklich macht.

Karbon bricht auch oft

Vater Baumgartner kennt das ja mit dem allseits präsenten Lederball: „Ich habe von der E-Jugend bis zu den Alten Herren bei der DJK gespielt“, schmunzelt der Bäckermeister. Wenigstens muss die Mutter nicht die Dressen der ganzen Mannschaft daheim waschen und trocknen. Wie beim Fußball. Nur die Leiberl vom Bub, Aufgabe genug.

Leon zählt die Verletzungen auf, die für sein Team Standard sind: Er die Rippen, einem Kollegen hat es die Kniescheibe weggedonnert, Puck an den Kehlkopf ist ganz übel, du musst einfach schnell im Antritt sein, dann hast du den entscheidenden Vorteil. Zumindest das haben Plastikball und Hartgummi-Scheibe gemeinsam.

Jetzt dann ein Nickerchen, zwei Stunden, „dann geht‘s scho wieda weida“, lächelt der Papa erfüllt. Abfahrt nach Taus, eine Stunde später geht das Training los. Müde, aber befriedigt ins Bett fallen, um fünf Uhr geht‘s weiter in der heimischen Backstube. In Böhmen sind sie übrigens ganz versessen auf resche Brezn, die Sturmspitze Leon macht, auch das Arnschwanger Brot hätten sie ihm schon aus der Hand gerissen, erzählt uns Leon, wenn er ab und zu mal einen Korb voller Schmankerl mitbringt. Gute Brezn schätzen sie in Straubing aber auch.

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