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Fussball

Ein „Quantensprung“ im Amateurbereich

Günther Leipold arbeitete mit Thomas Tuchel zusammen – nun kümmerte er sich um die Laktatwerte des ASV Cham.

Günther Leipold nimmt ASV-Spieler Jonas Schöps Blut am Mittelfinger ab.

Cham. Der Cheftrainer hat sein Amt abgegeben. Für einen Tag. Nicht Uwe Mißlinger, sondern Günther Leipold gab den Fußballern des ASV Cham am Donnerstag Anweisungen. Der Sportheilpraktiker aus Landshut bat die Spieler in der Praxis des langjährigen ASV-Physiotherapeuten Hans-Otto Nüßle zu einem Laktattest. Nach der Auswertung der Ergebnisse erhalten die Fußballer einen individuellen Trainingsplan für die Winterpause – um danach topfit in die Vorbereitungsphase einsteigen zu können.

Günther Leipold weiß, was er tut. Seit Juli leitet er das Nachwuchsleistungszentrum in Landshut, von 2008 bis 2010 war er Kraft- und Fitnesstrainer bei den Junioren des FSV Mainz 05, betreute dort unter anderem Nationalspieler André Schürrle. Im Trainerteam von Thomas Tuchel erlebte er den Gewinn der Deutschen U19-Meisterschaft 2009 hautnah mit. Tuchel sorgt heute mit den Mainzer Profis in der Bundesliga für Furore, Leipold hat sich für sein Privat- und Berufsleben entschieden. „Es war kurz angedacht, dass ich mit in den Profibereich gehe, aber ich habe eine Grundsatzentscheidung getroffen. Ich weiß ja, wie kurzlebig das sein kann.“

Kein Spaß bei 1860 München

Seine Frau, die drei kleinen Kinder sowie die eigene Praxis in Landshut haben ihn letztlich bewogen, diesen Schritt nicht zu machen. Als Berater steht er den Mainzern aber weiterhin zur Verfügung, dort hat er sich immer wohlgefühlt: „In Mainz gibt es kurze Kommunikationswege und es wird ein großer Aufwand betrieben, die Spieler individuell zu fördern.“ Das Menschliche bleibe dabei aber keinesfalls auf der Strecke, jeder Jugendspieler werde beim FSV zur Eigenverantwortung erzogen. In seiner Zeit als U16-Trainer des TSV 1860 München machte er andere Erfahrungen. „Die Burschen wurden sehr stark mit ihren Schwächen konfrontiert, das ist mit meiner Art von Mannschaftsführung nicht kompatibel.“

Ganz locker gab sich Leipold am Donnerstag gegenüber den ASV-Spielern. „Servus, ich bin der Günther“, begrüßte er Jonas Schöps. Der 19-Jährige hatte sich viel vorgenommen: „Ich freue mich auf den Test und bin gespannt, wo ich im Vergleich zu den anderen stehe.“ Ehe der Außenbahnspieler auf das Laufband stieg, musste er einen Pulsmesser anlegen und seinen Fettanteil messen.

Übersäuerung bei vier Millimol

Dabei erlebte er eine kleine Enttäuschung: Mit 16,5 Prozent lag er etwas über dem Richtwert von 15 Prozent. Schöps Größe (1,71 Meter) und sein Gewicht (71 Kilogramm) benötigt Leipold ebenfalls für die Auswertung. Dann konnte der Chamer Jungspund im gemächlichen Tempo von sechs Stundenkilometern auf dem Laufband loslegen. Im Drei-Minuten-Rhythmus erhöhte Leipold das Tempo jeweils um 1,5 Stundenkilometer und zapfte dem Fußballer in einer kurzen Pause Blut am Mittelfinger ab.

Der Teststreifen zeigt dem Experten, wie viele Laktate – dabei handelt es sich um Salze der Milchsäure – sich im Blut sammeln. Der entscheidende Wert ist die sogenannte anaerobe Schwelle, ab einem Wert von vier Millimol übersäuert der Sportler. Der 19-Jährige bewies seine gute Kondition, erst bei 15 Stundenkilometern kam er erstmals ins Schwitzen. Zwei Stufen später beendete Leipold den Test, Schöps hatte bei einem Puls von 177 exakt den Wert von 4,0 Millimol erreicht. „Es wäre schon noch weitergegangen“, fühlte er sich gut in Form. Leipold war zufrieden: „Jonas steht ganz gut im Saft.“

Über die Fußballer des ASV Cham legt der Sportheilpraktiker nun ein Ausdauerprofil unter den Gesichtspunkten Grundlagenausdauer, Intervallbereich, Fettverbrennung sowie Regeneration an. Die Spieler sollen sich bei ihren Läufen in der Winterpause an ihrem Puls orientieren und erhalten genaue Vorgaben, in welchen Bereichen sie sich wie lange zu bewegen haben. „Bei 20 Spielern kann man eine Mannschaft meist in Gruppen zu je vier oder fünf Spielern aufteilen“, sagt der Sportheilpraktiker.

Eine „ideale Maßnahme“

Chams Trainer Mißlinger arbeitete in der Saison 2006/07 als Co-Trainer Leipolds in Freising, seitdem ist der Kontakt nie abgebrochen. Bereits einmal, im Sommer 2009, begleitete Leipold eine Trainingseinheit des ASV mit Pulsmessungen. „Das waren super Erkenntnisse für mich, wir haben nach diesen Richtwerten dann gezielt in Gruppen gearbeitet“, sagt Mißlinger. Im Winter sei dies aber aufgrund der Veränderungen im Kader und der nicht mehr aktuellen Werte langsam eingeschlafen.

Der im Profibereich meist zweimal im Jahr – vor der Winter- und Sommerpause – übliche Leistungstest findet im Amateurbereich eher selten statt. „Meist aus finanziellen Gründen“, weiß Leipold. Für sinnvoll hält er den Test gerade in den unteren Klassen: „Es ist eine ideale Maßnahme. Bei den Profis kann man höchstens noch ein paar Prozent rauskitzeln, bei Amateuren kann es dagegen einen Quantensprung bedeuten.“

Mit Thomas Tuchel steht der 47-Jährige nach wie vor telefonisch oder per E-Mail in Kontakt, allerdings grenze der Mainzer Höhenflug die Freizeit des Erfolgstrainers doch erheblich ein. Bei seinen früheren Spielern sei das ganz ähnlich. „Lose Kontakte“ habe er zu den meisten, zuletzt gratulierte Leipold seinem ehemaligen Schützling Schürrle per SMS zu dessen Vertragsunterschrift bei Bayer 04 Leverkusen.

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