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Trailrunning

Heimspiel mit leeren Akkus

Markus Mingo und seine Erfahrung beim Arberland Ultratrail: Man muss nicht immer siegen, um zu gewinnen.
Von Markus Mingo

Markus Mingo bündelte beim Arberland Ultratrail seine letzten Reserven. Foto: Felgenhauer/xc-run.de
Markus Mingo bündelte beim Arberland Ultratrail seine letzten Reserven. Foto: Felgenhauer/xc-run.de

Bad Kötzting.Was würde sich besser für einen Saisonabschluss anbieten als der Arberland Ultratrail? Der Zeitpunkt Ende September ist optimal, Start- und Zielbereich nur 30 Fahrminuten von meiner Haustür entfernt, zahlreiche Bekannte und Freunde an und neben der Strecke und ein Großteil der Trails in meinem Trainingsgebiet. Nach dem Sieg über 60 Kilometer (2016) und 35 Kilometer (2017) wäre heuer konsequenterweise die 16-Kilometer-Strecke an der Reihe gewesen.

Doch der neu konzipierte Arberland Trail mit 64 Kilometern und 2700 Höhenmetern war einfach zu reizvoll, um ihn nicht zu laufen. Die Vorbereitung war eher suboptimal. Ich bin ein großer Fan des Wechsels zwischen Spannung und Entspannung und nach dem Transalpine Run (TAR) vor zwei Wochen gab ich dem Körper erst einmal das, was er brauchte: Ruhe und Essen. Das Trainingstagebuch hatte in zwei Wochen eine Mountainbike-Tour und ein lockeres Läufchen zu verzeichnen und ein Blick auf die Waage zeigte vier Kilo mehr als vor dem TAR – ja, ich habe die letzten Tage nicht mit Kuchen und Schokolade gespart...

Neue Location ist gut gewählt


Trotzdem fühlte ich mich gesund, ausgeruht und vor allem vollkommen verletzungsfrei als ich mich, begleitet durch den Spielmannszug Zwiesel, aus dem Hohenzollern Skistadion am Großen Arbersee auf die fast sechsstündige Reise machte. Schon am ersten Anstieg merkte ich, dass ich mich täuschen sollte: Die Beine waren schwer, die Akkus leer und der Kopf nicht bereit, sich wirklich auf einen Wettkampf einzulassen. Im Downhill schießt mir kurz durch den Kopf, dass die 16 Kilometer heute wohl doch gereicht hätten, aber im Skistadion fasse ich neuen Mut. Die neue Location wurde von den Veranstaltern gut gewählt. Gepusht von den Zuschauern geht es nach einer Ehrenrunde wieder hinaus in den Wald. Der folgende Trail zur Regenhütte lässt Trailrunnerherzen höherschlagen: Schmal und verwinkelt geht es über Wurzeln und Steine den Regen entlang bis VP2 (25 Kilometer).

Ab hier muss ich nichts beschönigen: Ich spüre die lange Saison und die Strapazen der Vorwochen allzu deutlich und fühle mich wie „Flasche leer“. Die langen Schotterabschnitte machen die Beine nicht leichter, der ganze Bewegungsapparat ist irgendwie stumpf gelaufen – es fehlt jegliche Elastizität in Muskeln und Gelenken. Jede Aufprallerschütterung geht durch Mark und Bein. Ich überlege ernsthaft, den Tag auf der 41-Kilometer-Strecke etwas früher zu beenden. Die unbändige Lauffreude, die mich sonst zu Höchstleistungen antreibt, fehlt komplett und ich stelle mir die Frage, die ich selbst schon so oft beantworten musste: „Warum tue ich mir das an?“

Die Freude kehrt zurück


Einziger Lichtblick auf diesem Abschnitt ist Martin Mühlbauer, der mich mustergültig versorgt und sogar ein paar Meter neben mir läuft. Durch seine Motivation und Ablenkung verpasse ich auch den Abzweig der 41k-Strecke ins Skistadion und beschließe, zumindest bis zur Klause (48k) durchzuziehen. Das Schöne am Ultralaufen ist: Nach jedem Tief kommt ein Hoch (spätestens im Ziel)! Ob es nun am netten Plausch, am leckeren Riegel oder am Wechsel von Schotter- auf Waldweg liegt – plötzlich geht es wieder leichter.

Die Freude kehrt zurück und nach wenigen hundert Metern den Hochfall hinauf befinde ich mich im regelrechten Flow. Ich bin unendlich glücklich, hier gesund und schmerzfrei meiner großen Leidenschaft nachgehen und durch diese grandiose Landschaft laufen zu dürfen. Fast vergesse ich, dass ich mich in einem Wettkampf befinde und lasse meinen Gedanken freien Lauf: Die Saison 2018 zieht an meinem geistigen Auge vorbei und ich erinnere mich an die schönen Ausflüge und wunderbaren Stunden auf Trails.

Angefangen vom Training auf Langlaufskiern, der harten WM-Vorbereitung mit erfolgreichen Rennen beim Thermenmarathon in Bad Füssing, dem Silberhüttentrail oder dem Chiemgau Trailrun. Dann der Auftritt im Nationaltrikot beim Penyagolosa Trail in Spanien, gefolgt von einem Abstecher ins Ötztal zum neu konzipierten Stuibentrailrun oder dem mystischen Nachtlauf am Großglockner. Anfang September die sieben unvergesslichen Tage im Leadertrikot beim Transalpine Run und jetzt der Arberland Ultratrail zum Saisonabschluss.

Das Ziel war es, den Lauf zu genießen, gesund anzukommen und die Wettkampfsaison inmitten zahlreicher Freunde zu beenden – und genau das würde ich nun tun. Wie auf Stichwort erreiche ich den Goldsteig – einen meiner Lieblingstrails im Bayerischen Wald – und laufe spielerisch in Richtung Kleiner Arber. Sogar die steile Himmelsleiter zaubert mir ein breites Grinsen ins Gesicht und der trockene Kommentar von Kathi am Arbergipfel („Markus, a Sprint is des heid oba ned grod vo dir“) lässt mich noch einmal lachen, bevor es in den anspruchsvollen Downhill in Richtung Arbersee geht.

Auch hier Freude pur: Nichts tut weh am Ende dieser langen Saison. Getoppt wird das Ganze nur vom Zieleinlauf, wo mich die Familie erwartet und Veronika und Paul die letzten Meter neben mir joggen. Das Leben ist schön – und man muss nicht immer siegen, um beim Trailrunning zu gewinnen! Am Ende stehen 63 Kilometer, 2690 Höhenmeter, der dritte Platz und eine Zeit von 5:56 Stunden. Chapeau vor der Leistung von Stefan Lämmle, der mir ordentliche neun Minuten aufgebrummt hat. Aber auch das hat mir ganz gutgetan – nach der ganzen Lobhudelei in Folge des Transalpine Run.

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