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LEICHTATHLETIK

Der fallengelassene Nationalheld

Vize-Europameister David Fiegen aus Luxemburg kämpft nach drei harten Jahren in Regensburg um sein Comeback.
Von Claus-dieter wotruba, mz

REGENSBURG. David Fiegen rennt los. Ein Fahrradfahrer mit Stoppuhr um den Hals fährt nebenher. Die Zeit läuft auf der Laufbahn am Weinweg. Drei Jahre lang lief nichts: Hier in Regensburg geht es um einen Neuanfang. „Ich möchte zeitlich wieder in die Gegend kommen, wo ich schon einmal war“, sagt der 25-Jährige.

Seine Bestzeit über 800 Meter steht bei 1:44,81 Minuten. Das ist eine Hausnummer, David Fiegen ist eine Hausnummer in der Leichtathletik-Welt. Als Junior schoss er nach oben ins Rampenlicht: Vize-Europameister 2003 in Debrecen, Bronzemedaillengewinner der WM in Kingston 2002. Vor vier Jahren gelang der ganz große Coup: Bei der Europameisterschaft in Göteburg gewann der Mittelstreckler Silber hinter dem Niederländer Bram Som. Es war die erste EM-Medaille für sein Land, für Luxemburg, überhaupt.

David Fiegen aus Esch war ein Nationalheld. „Wenn du in Luxemburg Leistung bringst, bekommst du sehr viel.“ Doch die Leistung brachte der Sportsoldat zuletzt nicht mehr. 2007 kostete ihn eine Achillessehnenverletzung die WM-Teilnahme, 2008 brachte ihn ein Virus um seine zweiten Olympischen Spiele. 2009 prüfte ihn das Schicksal mit einer schweren Erkrankung seiner Mutter, die inzwischen wieder gesund ist. David Fiegen nimmt das Wort „Krebs“ nicht in den Mund. „Die Nachricht hat mich aus der Bahn geworfen. Ich mache mir sehr viele Gedanken um die Personen in meinem Umfeld“, sagt er.

Das Umfeld von David Fiegen machte sich diese Gedanken weniger. „Ich war gut in Form, versuchte das Training mit der Brechstange durchzuziehen.“ Es klappte nicht, Fiegen brach die Saison mit der WM in Berlin ab. „Komischerweise haben das viele nicht verstanden.“

Kleine Spiele nicht das große Ziel

Auch anderswo waren die Ziele ganz unterschiedlich: Die Luxemburger wollten ihn die Goldmedaille bei den „Spielen der kleinen Staaten“ holen lassen. „Ich habe gesagt, ich kann da starten, aber es interessiert mich nicht. Das kann nicht mein Ziel sein. Da habe ich gemerkt, dass Luxemburg ein Dorf ist.“ In David Fiegen wuchs die Frage, „wo das hingehen soll“.

Wo es im Training hingehen soll, sagt ihm Vater Romain, sein Trainer, der Mann mit der Stoppuhr auf dem Fahrrad am Weinweg. Er war erst Umweltbeauftragter der Stadt Esch, jetzt Sportbeauftragter. Er wurde sogar freigestellt für das Training. Jetzt nicht mehr. Früher war Romain Fiegen selbst Leichtathlet, lief 400 Meter Hürden. Mit 25 musste er aufhören. Zuviel Bahntraining. „Alles redete damals von Tartan.“ Romain Fiegen erkannte das Talent von David, wollte ihm Fehler wie bei ihm ersparen. Jetzt ist sein Sohn viel verletzt. „Die Ärzte in Luxemburg haben das mit der Achillessehne und auch den Virus zu spät erkannt“, sagt Romain Fiegen. „Jetzt wird er in Belgien betreut, beim Arzt der Tennisspielerin Justine Henin.“ Deswegen fährt David Fiegen auch alle drei, vier Wochen nach Hause.

Eigeninitiative – das ist es, was David Fiegens Karriere immer voranbrachte. Als Nachwuchsläufer ging es auf eigene Faust nach Frankreich, Belgien, Deutschland. „In Luxemburg war ja keiner“, sagt David Fiegen. Dann finanzierte man sich eine Art Austauschprogramm mit kenianischen Läufern in Luxemburg. David Fiegen profitierte von ihnen, die Afrikaner profilierten sich in Europa. „Doch das Team ist im vergangenen Jahr geplatzt“, sagt David Fiegen.

Die Fernbeziehung leid

Wieder war die Eigeninitiative gefragt: Italien, die Heimat von Manager Giovanni Demadonna, stand zur Debatte. Auch Südfrankreich, Marseille, wo das Wetter so herrlich konstant ist. Doch private Bande führten David Fiegen nach Regensburg. Freundin Jana Beh, eine Hürdensprinterin aus dem Allgäu mit Bestzeit 13,98, studiert seit Herbst 2009 in der Oberpfalz. „Wir waren es leid, eine Fernbeziehung zu führen“, sagt David Fiegen. „Dass ich jetzt ständig bei ihr bin, tut gut.“ Auch ein anderes Gefühl: „In Luxemburg dachte ich, ich wäre jedem Rechenschaft schuldig. Zuviele Leute haben sich eingemischt, teils sogar in private Dinge.“

Also fuhr er nach Regensburg und kontaktierte Kurt Ring, den Chef der LG Telis Finanz. „Er hat mir das Unigelände gezeigt, das Trainingsgelände am Weinweg und diese Höhen, wo man Dauerlauf machen kann (gemeint sind die Winzerer Höhen, d. Red.). Ich war sofort angetan von allem, auch der Stadt“, sagt Fiegen.

Auch vom Verein. David Fiegen steckte als Jugendlicher schon einmal in einem deutschen Trikot, in dem von einem der bekanntesten Leichtathletik-Klubs der Republik, dem TV Wattenscheid. „Da habe ich mich nicht so wohlgefühlt, aber ich war ja auch nie dort.“ Fiegen hat daraus gelernt, fuhr mit der LG Telis Finanz in die Trainingslager, genießt die neue Gruppe. „Das ist auch ein großer, ein leistungsorientierter Verein. Aber man ist keine Nummer. In Luxemburg ist alles schnelllebiger und unpersönlicher. Ich habe zu Jana schon hundert Mal gesagt: Ich habe keine Sekunde bereut, hierher gekommen zu sein.“

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