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REGENSBURG.

Große Lauf-Vita mit kleinen Sprüchen

Wie das Oberpfalz-Aushängeschild Claudia Meier-Gesell heimlich, still und leise von der Bühne der Weltklasse verschwand. Jetzt wird sie Mama.

Von Claus-Dieter Wotruba, MZ

Diese Zeit war ihre Zeit: Wenn – wie jetzt am Wochenende in Nürnberg – Deutsche Meisterschaften riefen, war Claudia Gesell, die seit Sommer 2007 nach ihrer Hochzeit im Namen ein Meier vor das Gesell stellt, zur Stelle. Oft genug in den Jahren von Großereignissen auf den allerletzten Drücker. Über 800 Meter lief ihr höchstens die Zeit mal weg. Eine Gegnerin – wenigstens hierzulande – nie! So oft die Oberpfälzerin bei der DM antrat, so oft siegte sie und gewann den Titel. Das letzte Mal war das 2003 – und davor schon vier weitere Male.

„Ich höre auf: Den Satz wirst du von mir nicht hören“, sagt sie jetzt, mit ihren inzwischen 30 Jahren. „Ich habe ja auch nie angefangen.“ Es stimmt. Laufen war für Claudia Meier-Gesell oft Qual, oft genug aber auch Qualität im Leben. Jeder Schritt tat gut, jeder brachte sie vorwärts. „Ich bin mit mir im Reinen. Es hätte besser sein können“, sagt sie, und es klingt durchaus nach Rückblick. „Aber ich weiß, dass ich an entscheidenden Stellen meiner Karriere auch Glück hatte.“

Karriere – schnell wird dieser Ausdruck benutzt, wo er gar nicht angebracht ist. Bei Claudia Meier-Gesell war (sorry, Claudia, wegen der Vergangenheitsform!) der Begriff angebracht: Als hoffnungsvolle Nachwuchssportlerin doppelte Junioren-Weltmeisterin 1996 (auch in der 4 x 400 m-Staffel) und U 23-Europameisterin 1999, danach bei den „Großen“ zweimal Olympische Spiele, zweimal Weltmeisterschaften, zweimal Europameisterschaften – eine Vita auf solchem Niveau hat kein hiesiger Sportler zu bieten. Große Meetings wie Zürich oder Rom, dort also, wo längst nicht jeder starten darf – Claudia Meier-Gesell gehörte zum Feld. Und fünfte Plätze auf der Kontinental- bzw. Weltbühne wie 2002 in München und 2003 in Paris, der Europacupsieg 2003 in Florenz sind im deutschen Laufbereich nun wahrhaft mit der Lupe zu suchen.

Nach ihrer einzigen Hallensaison, die sie immerhin in den Endlauf der Hallen-EM in Madrid führte, steht als letzter Eintrag eine für Gesellsche Verhältnisse indiskutable 2:05,98 Minuten (bei einer Bestzeit von 1:58,34, gelaufen 2000 in Leverkusen) am 13.Mai 2005 in Doha, also fernab der Heimat. Danach kamen eine Achillessehnen-Operation, zwei Bandscheibenvorfälle und ein jahrelanger Kampf um die Karriere, wie ihn einst Fußballer Matthias Sammer geführt hatte.

Eine Frage vor der Sparkassen-Gala

Nicht untypisch für die Wahl-Regensburgerin, dass sie heimlich, still und leise abgetreten ist von der Bühne der Weltklasse. Es waren nicht viele Hähne, die nach ihr krähten. Hin und wieder aber, meist bei der Zustandbeschreibung ihrer 800-Meter-Strecke, kommt ihr Name aufs Tablett. So wie vor der Sparkassen-Gala in Regensburg, als der Mitarbeiter des Internet-Portals leichtathletik.de fragte: „Was macht eigentlich Claudia Gesell?“

Nein, große Sprüche waren nie ihr Ding, und dass sie weitab vom Schuss herstammte (die Eltern wohnen am Waldesrand in Ernestgrün bei Waldsassen), bekam sie zu spüren, auch wenn Bayer Leverkusen, der beste aller deutschen Leichtathletik-Vereine, ihr Stamm- und Lieblingsverein war. Horst Gesell hatte die meiste Zeit ihrer Laufbahn eine Doppelfunktion: Papa und Trainer. Einfach ist das nicht, kritisch beäugt wird so etwas immer auch. Belasten tut es auch, denn: Nicht selten, wenn es ihr schlecht ging, machte sich seine Claudia erst einmal Gedanken, „was Papa dazu sagt“.

Es ging Claudia Meier-Gesell, der Läuferin des starken Endspurts, öfter schlecht: 2001 musste sie zum Beispiel eine ganze WM-Saison passen, wegen einer Bandscheibenvorwölbung. Jetzt zwangen sie zwei Bandscheibenvorfälle zu der Einsicht, dass wohl nichts mehr geht und normales Laufen zum Spaß schon schwer genug ist. Selbst in ihren besten Jahren ging’s allerdings nicht ohne Beschwerden ab. 2000 hätte bei einem Autounfall weit mehr als ein Schleudertrauma herauskommen können. Als Olympia-Touristin musste sie sich von einer Sportzeitschrift beschimpfen lassen, die erträumte Rückkehr an die Stätte ihres Junioren-WM-Triumphes schaffte sie trotzdem, und die Halbfinal-Teilnahme. In ihrer Studienstadt München stürmte sie 2002 im „Wohnzimmer“ Olympiastadion ins Finale und auf Platz fünf – mit angerissener Plantarsehne wohlgemerkt!

Mit Ellenbogen nur auf der Bahn

Claudia Meier-Gesell betrieb ihre Strecke immer ehrlich, voller Hingabe. Auf der Bahn konnte sie das, was sie im Leben nicht mag, was sich aber für eine Mittelstrecklerin gehört: Die Ellbogen auspacken. Ehrgeiz trieb sie immer an. Auch bei ihrem zweitliebsten Sport, dem Schwimmen. „Der Johannes (ihr Ehemann, d. Red.) sagt oft einmal: Jetzt lass‘ doch den Konkurrenzkampf“, wenn sie im Bad mal wieder einen scheinbar ambitionierten Schwimmer neben sich einfach nicht ziehen lassen kann.

Bei einigen ihrer Konkurrentinnen musste sie das dennoch tun. Sie musste auch zusehen, wie sich andere schon mal sprunghaft verbesserten. Eine Jolanda Ceplak aus Slowenien zum Beispiel, die Europameisterin 2002, spät des Dopings überführt. Zu spät für Gesell, die sagt: „Eine 1:55 kann eine Frau nicht laufen.“ Laufen war, nein ist, für Claudia Meier-Gesell fast alles. Aber eben nur fast. Studieren, arbeiten – das musste immer sein, schon für den Kopf. Zuletzt baute die Diplomsportwissenschaftlerin in Bad Elster an einer Klinik etwas auf.

Jetzt aber wird Regensburg wieder ihr Lebensmittelpunkt. Johannes, der aus Amberg stammt und den sie übrigens auf der Laufbahn (wo sonst?) kennenlernte, ist gerade Assistenzarzt an der Universität geworden. Und Ende des Jahres wird Claudia Gesell Mama. „Gell, es gibt ihn doch, den idealen Zeitpunkt“, sagt sie und lacht. Eigentlich aber wollte sie ihre Laufkarriere auf der blauen Bahn bei der Heim-WM Berlin 2009 beenden. Sie rechnet: „Wann ist der Termin? 15. bis 23. August? Das könnte ja noch reichen.“

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