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Psyche

Der Druck bei den Amateurkickern

Per Mertesacker litt bis zum Brechreiz. Belastung stresst auch Kelheimer Fußballer – bis hin zur „Angst, zum Auto zu gehen“.
Von Alexander Roloff und Martin Rutrecht

Stürmer Christian Brandl (l.) wird am Torerfolg gemessen – „damit kann ich umgehen“. Foto: Brüssel/Archiv
Stürmer Christian Brandl (l.) wird am Torerfolg gemessen – „damit kann ich umgehen“. Foto: Brüssel/Archiv

Kelheim.Das Interview beschäftigt ganz Fußball-Deutschland. „Alles ist eine Belastung, körperlich und mental. Sekunden vor Anpfiff eines Spiels hat mich jedesmal der Brechreiz gepackt“, sagte Profi-Kicker Per Mertesacker (33) dem „Spiegel“. Der Verteidiger vom FC Arsenal und deutsche Ex-Nationalspieler offenbarte einen unmenschlichen Druck im Bezahlgeschäft. Dass auch Amateure einiges abkönnen müssen, zeigen Aussagen von Kelheimer Kickern.

„Ich habe junge Spieler erlebt, die in ein Loch gefallen sind.“

Christian Brandl

Tore, Tore, Tore – nichts anderes wird von Landesliga-Goalgetter Christian Brandl aus Kirchdorf gefordert. „Ich weiß um diese Erwartungen. Ich bin Stürmer und werde am Torerfolg gemessen. Das Gute daran: Ich habe es selbst in der Hand“, sagt der 30-Jährige von der SpVgg Landshut. Die Ebenen Profis und Amateure könne man nicht vergleichen. „Aber Druck gibt es auf beiden Seiten. Die Frage ist immer, wie gehe ich damit um? Ein labiler Typ knabbert daran. Ich habe die Haltung: Was andere sagen, interessiert mich wenig – außer es sind Menschen, die Bedeutung für mich haben.“

Harte Schule in Bayern-Jugend

„Nicht ganz so einfach“ war die Situation für Brandl als Spielertrainer beim TV Schierling. „Plötzlich trägst du die Verantwortung, bei Niederlagen bist du schuld. Das hat mich auch abseits des Platzes beschäftigt. In solchen Momenten darfst du nicht an dir zweifeln.“ Im eigenen Team habe er vor allem junge Spieler gesehen, „die in ein Loch fielen. So etwas hatte ich vorher gar nicht registriert. Aber als Trainer merkt man plötzlich, dass der eine oder andere unter dem Druck leidet, wenn er gegen den Abstieg spielen muss.“

Martin Wagner (mit Sohn im Arm) wird bei Drittligist Meppen gefeiert. Bei Klubs wie Mannheim oder Trier hat er „schnell eine drauf gekriegt, wenn’s nicht lief“. Foto: Leißing/Archiv
Martin Wagner (mit Sohn im Arm) wird bei Drittligist Meppen gefeiert. Bei Klubs wie Mannheim oder Trier hat er „schnell eine drauf gekriegt, wenn’s nicht lief“. Foto: Leißing/Archiv

Martin Wagner als Amateurkicker zu bezeichnen, wäre falsch. Der 31-jährige Bad Abbacher lebt mit dem SV Meppen endlich seinen Drittliga-Traum. Und doch ist der „Emsland-Messi“ kein richtiger Profi, halbtags macht er die Ausbildung zum Industriekaufmann. „Druck kenne ich, seit ich mit 14 Jahren vom Dorf zum FC Bayern kam. Jeder Spieler schaut da nur auf sich und seine Karriere, selbst in diesem Alter. Ich musste erst lernen, egoistischer zu sein.“

„Nachts diskutierst du an deinem Auto eineinhalb Stunden mit aufgebrachten Fans.“

Martin Wagner

Belastungen und Erwartungshaltungen seien immer da – „das geht Arbeitnehmern nicht anders. Und nicht jeder ist geeignet, das auszuhalten“, sagt Wagner, der später für Traditionsvereine wie Waldhof Mannheim oder Eintracht Trier spielte. „Wenn es da nicht lief, hast du von Fans und Leuten, die was zu sagen haben, schnell eine drauf gekriegt. Da musste ich mir zeitweise einiges anhören.“

Ein MZ-Interview mit einem Sportpsychologen zu diesem Thema lesen Sie hier.

Dampf aus dem Kessel nehmen

Er erinnere sich auch an Phasen, „wo ich nach dem Spiel Angst hatte, zum Auto zu gehen, weil ich fürchtete, dass Fans mich dort zur Rede stellen – um es moderat zu formulieren“. Mit einem Abwinken war es nicht getan. Über eine Stunde diskutierte Wagner mitten in der Nacht mit den Anhängern. „Ich versuchte zu erklären: Hey, Leute, wir sind Menschen und keine Maschinen. Man muss sich auch von Fans nicht alles gefallen lassen.“

„Profis werden dementsprechend entlohnt.“

Dominik Treitinger

Wagner hat in den vielen Jahren einen Umgang mit diesem Druck gefunden. „Ich gebe immer alles für einen Klub und seine Ziele. Ich gehe auf den Platz, um Spaß zu haben, und haue mich rein. Man muss seinem Charakter treu bleiben.“ Mehr Lockerheit habe er durch sein zweites Standbein Berufsausbildung gewonnen. „Das eröffnet andere Sichtweisen, es gibt andere und wichtigere Dinge als Fußball.“ Er lerne gerade auf Abschlussprüfungen hin. „Das ist zwar Stress, aber der Kopf ist dann auch mal woanders.“

Per Mertesacker löste mit seinen Aussagen eine deutschlandweite Diskussion aus. Foto: Mike Egerton/dpa
Per Mertesacker löste mit seinen Aussagen eine deutschlandweite Diskussion aus. Foto: Mike Egerton/dpa

Dass Per Mertesacker nun an die Öffentlichkeit ging, findet der Bad Abbacher gut. „Es gibt Ängste bei den Fußballern, das muss man respektieren. Es wäre gut, wenn sich Spieler innerhalb ihrer Mannschaften über solche Sachen unterhalten könnten. Gerade im Amateurbereich könnte man einigen Dampf aus dem Kessel nehmen.“

Dominik Treitinger kennt von Zeiten beim TV Schierling den Landesliga-Fußball, jetzt kickt er für den TSV Abensberg II in der Kreisklasse. Mertesackers Aussagen sieht er kritisch. „Profis werden dementsprechend entlohnt. Ihr Hobby ist ihr Beruf. Sie haben viel Freizeit und Betreuung“, meint der 31-jährige Kicker.

Keine schlaflosen Nächte

Im Amateurbereich weiß er um die Erwartungshaltung an früher höherklassige Kicker. „Jeder Spieler, der von einer höheren in eine niedrigere Liga wechselt, hat den Druck. Durch die Erfahrung, die er gesammelt hat, kann er damit umgehen.“ Seitens der Fans oder der Mitspieler nimmt Treitinger keine gesonderten Ansprüche wahr. „Von Vereinen kommt das schon, wenn’s um Auf- oder Abstieg oder Sechs-Punkte-Spiele geht.“

Dominik Treitinger (l.) bleibt entspannt. „Wir verdienen nicht mit Fußball unser Geld.“ Foto: Stöcker/Archiv
Dominik Treitinger (l.) bleibt entspannt. „Wir verdienen nicht mit Fußball unser Geld.“ Foto: Stöcker/Archiv

Er selbst bleibe entspannt. „Man hat gute und schlechte Tage. Natürlich sollte man zu gewissen Spielen nahezu seine Topleistungen abrufen können. Aber wir sind Amateure und verdienen unser Geld nicht mit Fußball.“ Jeder Spieler sei nach einer verlorenen Partie erstmal geknickt, „aber schlaflose Nächte hatte ich nie“.

„Nicht jeder ist ein Meister der Druckbewältigung.“

Thomas Rappl

Nahe am Bezahl-Fußball war Thomas Rappl als Bayernliga-Kicker, nun ist er Spielertrainer des ATSV Kelheim. „Die Belastung für Profis ist durchaus nachvollziehbar. Allein weil man von Beruf Fußballer ist, verfügt man nicht automatisch über eine auf die mentalen Anforderungen ausgelegte Persönlichkeit. Nicht jeder ist ein Meister der Druckbewältigung.“ Das gelte auch für Spieler an der Basis, wenn wichtige Partien anstünden.

Auch Trainer stecken einiges ein

Aus seiner Karriere sind ihm Drucksituationen bekannt, „speziell, wenn man sich in Auf- oder Abstiegssituationen befindet“. Als Trainer sei ihm bewusst, dass Entscheidungen durchaus Einfluss auf die gesamte Fußball-Sparte haben können. „Man muss es richtig einordnen, dass unter diesen Umständen Kritik entstehen kann. Trotzdem gilt es, mutige Entscheidungen zu treffen. Im Fußball gibt es Phasen, in denen es läuft – oder eben nicht.“

Landesliga-Trainer Peter Gaydarov (Mitte) richtet den Fokus auf seinen Job als Coach, „andere Einflüsse muss man richtig kanalisieren“. Foto: Rimmelspacher/Archiv
Landesliga-Trainer Peter Gaydarov (Mitte) richtet den Fokus auf seinen Job als Coach, „andere Einflüsse muss man richtig kanalisieren“. Foto: Rimmelspacher/Archiv

Peter Gaydarov trainiert den TV Aiglsbach in der Landesliga Südost. „Ich denke, die Digitalisierung bewirkt auch auf unserer Ebene einen zunehmenden Druck. Alles geht viel schneller rum, man ist greifbar und angreifbar.“ Er richte seinen Fokus auf die Arbeit. „Entscheidend ist, alle anderen Einflüsse richtig zu kanalisieren.“ Einigkeit in Team, Verein und Umfeld nehme Druck vom Trainer, findet er. „In der Hallertau ist man geerdet. Niemand erwartet, dass wir um die vorderen Plätze mitspielen.“

Anderes, so Gaydarov, blühe ihm bei seiner nächsten Station, dem Aufstiegsaspiranten SpVgg Landshut. „Da wird keiner zufrieden sein, wenn wir am Ende Elfter werden.“ Da wartet er wieder, der Druck.

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