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Sport aus Kelheim
Samstag, 21. April 2018 27° 2

Faszination

Flüchtlingskinder finden Stille am Brett

Im Zug saugt sich ein Junge an der Schach-App von Johannes Obermeier fest. Mittlerweile spielen 25 Asylbewerberkids bei ihm.
Von Martin Rutrecht

Johannes Obermeier hat die Flüchtlingskinder ans Schachbrett geführt. Sie sind gebannt vom Königsspiel. Fotos: Christine Grafl (2)

Kelheim.Am Handy spielen, klar, welches Kind dieser Welt mag das nicht. Und so drückte sich der Junge interessiert an den Kelheimer Studenten Johannes Obermeier, der im Zug auf der Rückfahrt von seinem Studienort Regensburg nach Hause war und auf seinem Smartphone tippte. „Es war ein Flüchtlingsjunge“, erzählt der 26-Jährige, „ich hatte aber nur meine Schach-App drauf und ließ ihn spielen.“ Der Bub blickte kaum mehr auf, „er wurde regelrecht in den Bann des Schachspiels gezogen“.

„Ich sehe sie nicht als traumatisiert an. Es sind ganz normale Kinder.“

Johannes Obermeier

Diese Begegnung blieb bei Obermeier hängen. Er gehört dem Kelheimer Schachklub an und ist Teamkapitän der vierten Mannschaft. „Ich war echt total erstaunt, welche starke Sogwirkung das Schachspiel auf diesen Jungen hatte.“ Der Jura-Student schnappte sich ein paar Bretter und Figuren seines Vereins und bot in der Asylbewerberunterkunft in Saal einen Schach-Nachmittag an.

Schach-Nachmittag in Asylbewerberheim

Rund 100 Menschen leben in diesem Flüchtlingsheim, darunter viele Familien mit Kindern. Sie warten auf den Ausgang ihrer Asylverfahren. Dürfen sie bleiben? Müssen sie gehen? Die Kinder sind zum Teil schon bis zu zwei Jahren in Deutschland, noch immer in Ungewissheit über ihre Zukunft. Obermeiers Schachzug erwies sich als Volltreffer. „Seit den Anfängen habe ich regelmäßig zwischen 15 und 20 Kinder in der Flüchtlingsunterkunft, die begeistert Schach üben und spielen.“ An einem Nachmittag überrannten ihn sogar 25 Kids. „Da komme ich echt an meine Belastungsgrenze.“

Bis zu 25 Kinder aus der Asylbewerberunterkunft Saal tauchen ins Spiel ein.

Seine Schützlinge sind zwischen sechs und 14 Jahre, kommen aus Ländern wie Syrien, Irak oder Afghanistan. Die Umstände ihrer Flucht stehen für Johannes Obermeier nicht im Vordergrund, selbst wenn es sicher dramatische Momente im Herkunftsland oder auf dem Weg nach Europa gab. „Ich habe nicht den Eindruck, dass sie sehr traumatisiert oder psychisch belastet sind. Viele waren klein, als sie geflüchtet sind und haben manches noch gar nicht so mitbekommen.“ Für den Kelheimer sind es schlicht „ganz normale Kinder, die sich einfach freuen, wenn man mit ihnen Schach spielt“.

Zu Verständigung genügen die Hände


Zum Teil finden sich seine jungen Schützlinge auch beim Training des Schachklubs im Hotel Dormero ein. „Eine Vereinskollegin nimmt auf dem Weg von ihrer Arbeitsstelle in Regensburg ein paar Kinder aus der Saaler Unterkunft mit, ich selber fahre auch mit einem voll besetzten Auto zu unserem Trainingslokal“, so der 26-Jährige. Die Plätze in den Mitfahrgelegenheiten sind heißt begehrt. „Die acht Kinder, die in unsere Autos passen, sind nur knapp die Hälfte der Spieler, die an den Schach-Nachmittagen teilnehmen.“

Syrische Flüchtlinge in einem Camp Foto: Paul Jeffrey/Caritas international

Was sich im Asylbewerberheim oder im Schachklub am Brett abspielt, lässt Beobachter staunen. Die Kinder versinken in die Partien und verständigen sich, ohne eine gemeinsame Sprache zu haben. „Einmal saßen sich zwei Kinder gegenüber, die sich gar nicht unterhalten konnten“, erzählt Obermeier. „Da hat der eine seinem Gegenüber mit ein paar Handzeichen die Regeln erklärt und dann saßen die beiden über eine Stunde an ihrer Partie.“ Die beiden Kinder blendeten Zeit und Ort aus. „Sie waren in ihrer Schachpartie vollkommen zu Hause“, formuliert es ihr junger Trainer, der sich in seiner Initiative bestätigt sieht. „Es wurde mir in kürzester Zeit klar, dass Schach eine universelle Plattform bildet, auf der sich ungeachtet sprachlicher Barrieren ein Gemeinschaftserlebnis findet.“

„Niemand weiß, wo sie landen werden. Aber sie leben im Hier und Jetzt.“

Johannes Obermeier

Im Kelheimer Schachverein wurde man ebenfalls hellhörig und ist voll des Lobes. „Die Saaler Flüchtlingskinder sind durch die Bank lerneifrig und fleißig bei der Sache“, so Schachklub-Jugendleiter Constantin Blodig. „Wir haben uns wegen ihrer raschen Fortschritte entschlossen, einige von ihnen zu registrieren, damit sie am regulären Spielbetrieb und an Verbandsturnieren teilnehmen können.“

Studien belegen den positiven Einfluss von Schach auf Kinder, weit abseits des Fortschritts am Brett. Schachklub-Vorsitzender Helmut Kreuzer kennt einige Untersuchungen. „Bei einem Schachprogramm an 100 New Yorker Schulen hat sich herausgestellt, dass schüchterne, verängstigte oder suizidale Schüler bedeutend an Selbstvertrauen gewinnen. Sie fanden einen Weg der Verständigung, was wiederum eine Basis für Verständnis und Toleranz schafft“, zitiert er.

Die Freude, etwas zu geben

In Russland förderte eine weitere Studie Erstaunliches zutage: Schlechtere Schüler verbesserten sich in Aufmerksamkeit, Denken und Sprache „in hohem Maße. Bei einem Schüler hatte sich sogar eine diagnostizierte Entwicklungsverzögerung nach einem Jahr Schachunterricht normalisiert.“ Die Trierer Schachstudie von 2003 bis 2006 registriert: „Die Schüler zeigten ein beständiges, subjektiv erlebtes Wohlbefinden über den gesamten Untersuchungszeitraum.“

Hochkarätige Spieler kommen

  • Das 6. Weihnachts-Open

    des Schachklubs Kelheim startet am 27. Dezember um 10 Uhr im Hotel Dormero. Bis Samstag, 30. Dezember, treten rund 150 Spieler täglich zu zwei Durchgängen an, am Finaltag gibt es nur einen Umlauf und die Siegerehrung.

  • Als topgesetzter Spieler

    hat sich jüngst Leon Mons von MSA Zugzwang München angemeldet. Er hat in diesem Jahr die Großmeister-Norm geschafft und wird in Kürze diesen Titel vom Weltschachbund erhalten. Vier Internationale und drei FIDE-Meister stehen damit bisher im Feld.

Ob die Flüchtlingskinder der Schach-Szene erhalten bleiben, weiß niemand. „Es ist natürlich nicht klar, wo sie letztendlich landen werden“, so Johannes Obermeier. „Aber vielleicht sollten wir Erwachsenen uns da etwas von den Kindern abschauen und einfach das Hier und Jetzt auf uns wirken lassen.“ Wenn er sich auf den Augenblick einlasse, „habe ich echte Freude, diesen Kindern etwas bieten zu können, was ihnen sichtlich Spaß macht“.

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