MyMz

Triumph

Abensberg auf Europas Judo-Gipfel

Der deutsche Rekordmeister feiert in Istanbul den perfekten Tag und wird Europacup-Sieger. Nur bei der Dopingkontrolle hapert’s.
Von Martin Rutrecht, MZ

  • Der Moment des Sieges: Ilias Iliadis landet mit seinem Erfolg den entscheidenden Punkt im Finale gegen Yawara Newa St. Petersburg. Fotos: Carlos Ferreira
  • Die Teamkameraden um Ehrenabteilungsleiter Otto Kneitinger (l.) bejubeln den Triumph.
  • Der große Grieche, Athen-Olympiasieger Ilias Iliadis, nimmt die europäische Siegestrophäe für die TSV-Truppe entgegen.
  • Sven Maresch (r.) musste zuletzt wegen einer Erkrankung Penizillin nehmen. Im Finale kämpfte er bis zur Erschöpfung – und gewann.

Abensberg. Die ganze Mannschaft war startbereit für die Fete, der Team-Bus stand abfahrbereit vor der Wettkampfhalle in Istanbul – aber einer fehlte. Und er ließ sich bitten: Sven Maresch war zur Dopingkontrolle ausgewählt worden, aber, wie soll man sagen, es ging nicht. „Wir haben ihn mit Bier beliefert, trotzdem hat es geschlagene zwei Stunden gedauert, ehe er fertig war. Einige im Bus haben schon rumort, weil sie Hunger hatten und zum Buffet wollten“, berichtet Otto Kneitinger, der Ehrenabteilungsleiter der Judoka im TSV Abensberg. Seit Samstag zählt der Klub sechs Europacup-Siege, die Kontinental-Krone 2012 gehört den Abensbergern. Und da es auch noch mit der Dopingkontrolle klappte, war es ein perfekter Tag.

Vor sechs Jahren hatten die Babonen zuletzt triumphiert. „Ich habe mich manchmal gefragt, ob wir es überhaupt noch einmal schaffen können“, sagt Kneitinger. Es schlichen sich Gedanken ein, die europäische Bühne zu verlassen. „So ein Abenteuer ist ein immenser Kraftakt. Wenn man das Ziel nicht erreicht, stellt man sich die Frage, ob es noch Sinn macht, so viel zu investieren.“ Jetzt, nach dem sechsten Triumph, sei eines klar: „Du darfst niemals aufgeben.“

Das Gefühl, das sich nach dem Finalerfolg gegen den Favoriten Yawara Neva St. Petersburg einstellte, sei „überwältigend, unglaublich“ gewesen, pflichten die TSV-Judoka bei. Für die meisten Athleten des Vereins ist es der erste europäische Triumph. „Da ist ein Funke übergesprungen, den ich vorher nicht kannte“, sagt Olympiastarter Christopher Völk aus Regenburg, der im Gipfeltreffen mit den Russen einen entscheidenden Part spielte.

Nachdem am Vormittag die European-League ihren Meister suchte und in Galatasaray fand, begann um die Mittagszeit die „European Champions League for Clubs“, sprich: die Königsklasse. Abensberg hatte die Franzosen aus St. Genevieve zugelost bekommen. Der Spanier Sugoi Uriarte (66 kg), Völk (73 kg), der US-Olympionike Travis Stevens (81 kg), der griechische Olympiasieger von 2004, Ilias Iliadis (90kg), sowie der Olympiadritte Andreas Tölzer (plus 90 kg) fuhren für den TSV einen ungefährdeten 5:0-Sieg ein. „Auf dem Papier sieht es deutlich aus. Aber wenn man weiß, dass die Franzosen am Ende Dritter wurden, kann man sich ihre Qualität vorstellen“, so Kneitinger zum Auftaktduell.

Ähnlich souverän schien das Halbfinale gegen Lokalmatador Galatasary abzulaufen. Der neue TSV-Iberer Uriarte wurde dem Status eines Vize-Weltmeisters gerecht und siegte mit Festhaltegriff. Sein Landsmann Kiyoshi Uematsu (73kg) verteidigte eine kleine Wertung geschickt, und Abensberg führte mit 2:0. Ein Sieg fehlte noch.

Aber das Blatt wendete sich. Stevens verlor gegen den jungen Georgier Avtandil Tchrikishvili. Da sich Iliadis im ersten Duell ein dickes Knie geholt hatte, musste nun Robert Dumke sein Glück gegen den georgischen Europameister Varlam Liparteliani versuchen. Und scheiterte. Alles lag jetzt beim Stand von 2:2 an Andi Tölzer. Er traf wieder auf einen Georgier in den Reihen der Türken, auf den Schwergewichts-Shootingstar Adam Okruashvili (23). Dass es noch zu früh für eine Wachablösung ist, zeigte der Abensberger Koloss mit seinem Sieg.

Parallel hatte sich St. Petersburg im zweiten Halbfinale gegen SC Portugal mit der Babonen-„Leihgabe“ Joao Pina ebenfalls erst im letzten Kampf durchgesetzt. Bei den Russen war allgemein der Einsatz von Olympiagrößen erwartet worden, doch sie hatten nach London den Turbo runtergefahren und reisten nur als Staffage an. Auf der Matte standen aber nicht minder kampfstarke Athleten, so Doppel-Europameister Sirazhudin Magomedov (81 kg). „Wir haben natürlich gerätselt, wenn man gegen uns aufstellen wird.“ Entsprechend der Überlegungen zog die TSV-Gemeinde ihre Register – und lag eigentlich falsch.

Denn sowohl Völk als auch Maresch (81kg), die den Vorzug gegenüber Uematsu und dem schon ausgepumpten US-Boy Stevens erhielten, bekamen Gegner vorgesetzt, mit denen sie keine guten Erfahrungen hatten. Die Vorahnung verfinsterte sich, als TSV-Neuling Uriarte im ersten Vergleich des Finales dem mehrfachen Grand Prix-Turnier-Sieger Mikhail Pulyaev unterlag.

Doch Völk packte gegen Denis Iartsev eine taktische Meisterleistung aus und besorgte den 1:1-Ausgleich. Anschließend brachte Maresch die Niederbayern mit einem sehr aggressiven Kampfstil gegen Vize-Europameister Murat Khabachirov in Führung. „Sven hatte in den vergangen 14 Tagen Penizillin genommen, weil er krank war. Wie er sich reingehauen hat, war unglaublich. Ich dachte, er fällt jetzt irgendwann um“, so Trainer Radu Ivan.

Mit getaptem Knie wollte es sich Athen-Olympiasieger Iliadis gegen Kiril Voprosov, Grand Prix-Sieger in Abu Dhabi vor einer Woche, nicht nehmen lassen, den entscheidenden Punkt zu landen. Und der große Grieche schaffte es: Mit einem Ipponwurf wuchtete er den Russen zu Boden und hob den TSV Abensberg mit dem Punkt zum 3:1 auf den Europa-Gipfel. Dass Tölzer den letzten Kampf verlor – geschenkt.

Coach Radu Ivan strahlte: „Dass unsere Jungs den Topfavoriten geschlagen haben, zeigt mir, wie stark diese Mannschaft ist. Abensberg zählt zum Besten, was Judo zu bieten hat.“ Otto Kneitinger freute sich auch, im Gold-Duell letztlich das richtige Händchen bewiesen zu haben. „Wir haben auf Christopher und Sven gesetzt, die gut werfen können. Am Ende gingen zwei von den drei Zählern auf das Konto deutscher Athleten. Damit erübrigen sich auch die Unkenrufe von wegen Legionärstruppe.“

Einen Wermutstropfen gab es in der Phase der Entscheidung doch noch. Als Galatasary im Halbfinale an den Babonen gescheitert war, leerte sich die Halle am Bosporus in Windeseile. Bis auf Athleten und Athletinnen – auch die Damen kürten ihren Vereins-Europameister (Sieger: Champigny aus Frankreich) – und ein tapferes Häufchen von Abensberger Anhängern waren die Ränge verwaist. „So etwas Ähnliches habe ich in Paris mal erlebt“, erinnert sich Kneitinger, „da war mit dem Ausscheiden des Lokalmatadors das Publikum auch weg.“

Der Freude der TSV-Riege tat es keinen Abbruch. Nach dem allerletzten Kampf sprangen die Judoka ihren Kameraden und Betreuern in die Arme. „Ich hatte so ein Wohligkeitsgefühl, ich kann’s gar nicht beschreiben“, fehlen dem Ehrenabteilungsleiter für diesen Moment fast die Worte.

Dass die Abensberger auch beim Feiern europäische Klasse haben, bewiesen sie bei der Abend-Gala im „Holiday Inn“. Dort waren sämtliche Teams des Wettkampftags untergebracht. „Es war ein richtig nettes Festl.“ Der Zeitpunkt der Bettruhe wurde individuell gestaltet. Kneitinger machte um 2 Uhr den Anfang.

Am Sonntagnachmittag traf der Flieger mit den Champions am Münchner Flughafen ein. In Abensberg bereitete man indes einen Empfang für die Europa-Figther vor (Anm.: Bericht folgt). Bevor der Bus in der Landeshauptstadt los fuhr, ließ man noch mal die Anwesenheit kontrollieren. Sven Maresch war da.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht