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Judo

Der Erzrivale verlässt die Matte

Großhaderns Rückzug schockt auch Abensberg. Der Rekordmeister angelt nach Münchnern – ein Olympionike regt „Team Bayern“ an.
Von Martin Rutrecht

Florian Wanner (in weiß) war ein Großhaderner Aushängeschild. 2003 gewann er den WM-Titel und kämpfte auch gegen Abensbergs Patrick Reiter (blau). Foto: Frank Kleefeldt/dpa
Florian Wanner (in weiß) war ein Großhaderner Aushängeschild. 2003 gewann er den WM-Titel und kämpfte auch gegen Abensbergs Patrick Reiter (blau). Foto: Frank Kleefeldt/dpa

Abensberg.Die Judoka aus den beiden Lagern waren selten einer Meinung. Doch diesmal gleichen sich die Bekundungen. „Es wird etwas fehlen“, sagen Vertreter beider Teams. Gemeint ist der Rückzug des TSV Großhadern aus der Judo-Bundesliga, gemeint ist das ewige Duell zwischen den Münchnern und dem TSV Abensberg. Die nicht mehr zu deckenden Kosten sowie terminliche Überbelastung hätten zur „schweren Entscheidung“ geführt, das Oberhaus zu verlassen. „Schade“, sagen beide Seiten.

„Ein solches Duell ist das Geilste.“

Benjamin Münnich

Abensbergs Abteilungsleiter Martin Oberndorfer war „ganz schön baff“, als er von Großhaderns Entschluss hörte. „Das Derby war eines der Saisonhighlights für uns.“ Noch deutlicher drückt es Judoka Benjamin Münnich aus. „Ein solches Duell ist das Geilste.“ Auch er zeigt sich überrascht vom Abschied. „Jetzt könnte man sagen: Super, ein Konkurrent weniger. Aber genau um diese Konkurrenz geht’s ja. Solche Rivalitäten machen das Judo aus.“

Vor und nach Abensberg Meister

Der TSV Großhadern setzt die Klammer um den sagenhaften Erfolgslauf der Babonen in den vergangenen 20 Jahren. Die Münchner Vorstädter waren der letzte Meister (2001), ehe im Jahr 2002 Abensbergs Serie von 13 Bundesliga-Titeln in Folge begann. Als sich der Rekordmeister (20 Titel) 2015 wegen der Olympia-Qualifikation aus der Bundesliga abmeldete, folgte wieder Großhadern als Champion. Auf elf Meisterstücke bringen es die Münchner, die vor allem in den 1980er-Jahren in Deutschland die Nummer eins waren.

Ein Video über den TSV Großhadern mit sehenswerten Kämpfen aus 2017 finden Sie hier:

„Ich stamme noch aus der Großhaderner Aktivenzeit, die Abensberg dominierte“, lacht Ralf Matusche, ehemals Kämpfer des Rivalen und heute Bundesstützpunkt-Trainer. In Erinnerung blieb ihm das Finale 2001. „Wir haben mit einem Punkt mehr in der Unterbewertung gewonnen.“ Ähnlich eng war es auch, als in der Abensberger Ära das Pendel auf die Niederbayern-Seite ausschlug. Olympiasieger Ole Bischof und Weltmeister Florian Wanner lieferten sich das entscheidende Duell, in dem das Babonen-Ass Bischof die ausschlaggebende Wertung mitnahm.

Als „parteiischer Zuschauer“ musste Matusche in seinen Trainerjahren am Stützpunkt Großhadern oft miterleben, „wie wir den A... vollgekriegt haben“. Sein Vorteil: Seine Sympathie konnte auch auf die Gegenseite wechseln. „Wenn meine Stützpunktathleten wie Sebastian Seidl oder Manuel Scheibel gegen einen unserer Ausländer antraten, war ich tatsächlich mehr für den Abensberger Kämpfer.“

Die Konkurrenten begegneten sich oft wie Streithähne – hier Großhaderns Aufmarsch zur Endrunde 2008. Foto: Archiv
Die Konkurrenten begegneten sich oft wie Streithähne – hier Großhaderns Aufmarsch zur Endrunde 2008. Foto: Archiv

Sonst war der Seitenwechsel ziemlich verpönt. Martin Oberndorfer erinnert sich an eine Episode, als Judoka Toni Lettner vor knapp 20 Jahren von der Isar an die Abens ging. „Die Großhaderner haben ihm eine Ecke aus seiner deutschen Meistermedaille rausgesägt, so sauer waren sie auf ihn.“ Persönlich bei ihm festgesetzt hat sich eine Titelkür in Großhadern. „Wir lagen 3:4 hinten und wurden noch Meister.“

Dem Olympioniken blutet das Herz

Die Erinnerung von Großhaderns Olympioniken Tobias Englmaier (2012 und 2016) setzt vor etwa zehn Jahren ein. „Ludwig Paischer und Dominik Liebl – an diese Abensberger Gegner aus meinen Anfangszeiten kann ich mich noch gut erinnern“, erzählt der frühere Vorzeigeathlet, der zuletzt mit Gerhard Dempf das Bundesliga-Team betreute. „Emotionen waren immer drin, gegen Abensberg und auch andere Gegner. Du fieberst mit deinen Kollegen mit. Als Einzelsportler macht man das sonst nie.“

2005 gewann Abensberg (l. Ilias Iliadis/r. Alex Budolin) in Großhadern den Titel. Foto: Archiv
2005 gewann Abensberg (l. Ilias Iliadis/r. Alex Budolin) in Großhadern den Titel. Foto: Archiv

Schon deshalb „blutet mit irgendwie das Herz“, sagt Englmaier, der nachdenklich meint: „Die Bundesliga war ein wichtiger Baustein unserer Außendarstellung. Ich bin etwas in Sorge, wie wir künftig Fans und Nachwuchs in die Hallen kriegen können.“ Aber vernünftig betrachtet gebe es keine Alternative zum Rückzug. „Sponsoren fehlen und wir können nicht noch mehr über Mitgliedsbeiträge finanzieren.“ Auch die Halle ächzt nach fast 30 Jahren unter Renovierungs- und Instandhaltungskosten. „Eine Bezuschussung ist kaum existent“, erklärt der Verein.

„Mit Timo Cavelius haben wir schon den ersten Großhaderner geholt.“

Martin Oberndorfer

Großhadern bringt in seiner Begründung auch die terminliche Belastung, „zum Teil Überlastung unserer Sportler“ ins Spiel. Die Bundesliga mit acht, neun Kampftagen sei mit den Turnierplänen von europäischem und internationalem Verband nicht mehr vereinbar. „Man muss damit leben, dass die Spitzenkämpfer ab und an fehlen“, sagt Martin Oberndorfer. „Aber Abensberg hat sich 2015 aus ähnlichen Gründen zurückgezogen, nämlich wegen der Olympia-Qualifikation“, erinnert Stützpunktcoach Matusche. Ligareferentin Pamela Bickendorfer räumt ein, dass viel an Verpflichtungen vorgegeben sei. „Für den einzelnen Judoka ist das unvermeidlich, wenn er Richtung WM oder Olympia gehen will.“

Werben um Vize-Weltmeister

Mit der Auflösung der Bundesliga-Teams bei Männern und Frauen in Großhadern beginnt auch das Werben um die Athleten des elffachen Deutschen Meisters. „Leipzig, Esslingen und auch Vereine aus dem Norden – die Anfragen sind schon da“, sagt Matusche. Vor allem Vizeweltmeister Karl-Richard Frey (bis 100 kg) gilt als begehrt, sein Bruder Johannes wäre im Schwergewicht eine schöne Zugabe. „Ich bin an zwei, drei Großhadernern dran“, erklärt Abensbergs Abteilungsleiter Martin Oberndorfer. Der 22-jährige Timo Cavelius (81 kg), vor kurzem EM-Dritter in der U23, hat schon zugesagt. „Das stand aber bereits vor Großhaderns Rückzug fest.“

Heute und gestern

  • Abschied:

    Das Halbfinale gegen das Hamburger Judo-Team war Großhaderns letzter Bundesliga-Auftritt. Die Münchner wehrten sich gegen den späteren Meister bis zur Pause mit 3:4 heftig, gingen dann aber 3:11 unter.

  • Ausnahme:

    Abensbergs „Mister Judo“ Otto Kneitinger hatte in seiner aktiven Zeit mit dem Großhaderner Olympia-Zweiten und -Dritten Günther Neureuther seine Not. „Er war als Polizist fast Profi, ich verlor jedes Mal gegen ihn.“

In diesen Austausch fügt sich auch eine Idee von Tobias Englmaier. „Ich hätte mir schon früher eine Kooperation zwischen Großhadern und Abensberg vorstellen können, ein Team Bayern.“ Oberndorfer kennt den Vorstoß. „Das würde in Abensberg keiner verstehen“, zeigt er sich zurückhaltend. „Obwohl: Wenn jetzt ein paar Großhaderner kommen, ist’s schon soweit.“

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