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Gipfeltreffen

Der Kampf um Europas goldenen Thron

Der TSV Abensberg kann Historisches schaffen. Möglich wären der „Golden League“-Sieg, drei Triumphe in Folge und ein Rekord.
Von Martin Rutrecht

  • Der Israeli Sagi Muki (r.) wird beim Europacup zum ersten mal im Kimono der Babonen antreten. Er gewann heuer den Grand Slam in Baku. Foto: dpa
  • In den Jahren 2012 und 2013 gewann der eingeschworene Haufen aus Abensberg mit Trainer Radu Ivan und hält aktuell bei sieben Europacup-Triumphen. Foto: Archiv

Abensberg.Die Reise ist weit, sie führt bis ins tiefste Russland, nach Samara an der Wolga, noch mal 1000 Kilometer östlich von Moskau, nahe der Grenze zu Kasachstan. Die mögliche Krönung, die dort auf die Judoka des TSV Abensberg wartet, würde aber alle Strapazen vergessen machen. In der russischen 1,1-Millionen-Einwohner-Stadt wird der Vereins-Europacup erstmals als „Golden League“ ausgerichtet. Abensberg wäre bei einem Erfolg der erste Sieger dieser neuen Klub-Elite-Liga, würde den dritten Europacup-Streich in Folge landen (was noch keinem Verein gelang) – und bei der Zahl der Triumphe auf dem Kontinent mit acht Stück den ewigen Rivalen St. Petersburg als Rekordhalter überflügeln.

„Wir sind nicht unersättlich“

„Schöne Aussichten sind das“, sagt TSV-Ehrenabteilungsleiter Otto Kneitinger lächelnd und setzt hinzu: „Unersättlich wollen wir nicht sein. Ein zweiter oder dritter Platz macht uns auch nicht unzufrieden, aber wir fahren nach Samara, um diese Golden League zu gewinnen.“ Am Donnerstagmorgen bricht der Babonen-Tross auf. Mit Bussen geht’s nach München, per Flieger nach Moskau, zwei Stunden Aufenthalt, ehe der Weiterflug nach Samara ansteht. Es wird mindestens Abend russischer Zeit sein (zwei Stunden vor), bis die niederbayerische Delegation im Hotel Renaissance aufschlägt. „Ein Abendessen, mehr geht an diesem Tag nicht mehr.“ Die ausländischen Judoka des TSV reisen derweil aus ihren Heimatländern oder von Trainingslager-Stätten an.

Am Neuentwurf „Golden League“ war Otto Kneitinger als früherer Spitzenfunktionär und aktueller Berater der Europäischen Judo-Union (EJU) maßgeblich mitbeteiligt. Einmal mehr soll die offizielle Europameisterschaft für Vereine attraktiver gemacht werden. Die Erstauflage vereint die acht besten Klubs der Endrunde 2013. Titelverteidiger Abensberg ist als Sieger in einem von zwei Pools als Kopf gesetzt, in der anderen Gruppe ist es Finalgegner SC Levallois aus Frankreich. Und dann sind es vier russische (Nawara St. Petersburg, Dinamo RNO-Alania, Adygea Maykop, Sambo 70 Moskau) und zwei französische Vertreter (AC Boulogne Billancourt, SGS Sainte-Genevieve), die hinzugelost werden.

Die Entscheidung des Vorjahres sah nur drei Nationen auf den Rängen eins bis acht. „Für ein europäisches Konzert ist es etwas eintönig, aber spätestens im nächsten Jahr wird es sich durchmischen.“ Denn vier dieser acht Klubs steigen am Ende des Tages ab und werden von den vier Erstplatzierten der „Europa-League“ – sie kämpft am Samstag mit 17 Teams parallel in den Niederlanden – ersetzt.

Drei Neuzugänge im Aufgebot

Die Staffel des 20-fachen deutschen Bundesliga-Meisters ist weitgehend vollzählig und fit. „Unser Olympiadritter Dimitri Peters sowie Lukas Krpalek haben leichte Blessuren, deshalb verzichteten sie auch auf den Grand Slam in Tokio. Sie sollten aber am Samstag eingreifen können“, sagt Kneitinger, der das Jahr seines 60. Geburtstags in Samara vergolden könnte. Die meisten Athleten hätten sich zuletzt in Trainingslagern, oft mit dem jeweiligen Nationalkader, in Form gehalten. „Die Burschen stehen alle im Saft und jeder zeigt diesen Willen, der uns als Team so stark macht.“

Im Europacup sind nur fünf Gewichtsklassen ausgeschrieben (Bundesliga: sieben). Bis 66 kg stehen Sebastian Seidl, der Ukrainer Georgii Zantaraia und der Spanier Sugoi Uriarte bereit. In der Kategorie darüber (73 kg) bilden Christopher Völk, Kiyoshi Uematsu aus Spanien und – eine Premiere – der Israeli Sagi Muki das Trio. Auch in der 81 kg-Klasse feiert mit dem Deutschen Dominic Ressel ein TSV-Neuling sein Debüt. Er sowie der wieder genesene Sven Maresch und Fabian Seidlmeier sollen ohne Legionärs-Unterstützung die Kastanien aus dem Feuer holen. Der US-Amerikaner Travis Stevens ist nach einer schweren Verletzung von einem Einsatz noch weit entfernt.

Bis 90 kg sind der große Grieche Ilias Iliadis sowie Robert Dumke die TSV-Asse. Und plus 90 kg werden der Tscheche Krpalek, Peters sowie das Schwergewicht André Breitbarth – auch erstmals im Babonen-Kimono – aufgeboten. „Hier haben wir die Möglichkeit, je nach Gegner die zwei leichteren Jungs oder unseren André ins Geschehen zu werfen“, so der Ehrenabteilungsleiter. Bei den fünf Einzel-Duellen in einem Kampf dürfen nur zwei Ausländer eingesetzt werden. Wer letztlich am Freitagabend über die Waage geht, wird kurzfristig entschieden. Die Abensberger dürfen wie ihre Konkurrenten an diesem Tag in der Wettkampf-Halle, der MTL-Arena in der Armee-Straße, noch trainieren. Vor dem Abwiegen richten sich die Blicke gebannt auf die Auslosung.

Auch ein Abstieg ist möglich

Das Turnier in Russland wird mit Hoffnungsrunde bestritten, in der auch die Verlierer des ersten Kampfes ihre Chance auf den dritten Rang und damit den Klassenerhalt bekommen. „Das ist auch das Tückische dieser Endrunde“, sagt Kneitinger und beschreibt eine mögliche Konstellation: „Du gewinnst Kampf eins, also das Viertelfinale, verlierst aber im Halbfinale, kommst dadurch in das Duell um Rang drei – und wenn du dort auch unterliegst, steigst du ab.“ Einzig die Teams von Platz eins bis drei (im Judo zwei Dritte) sind gesichert.

Im ersten Durchgang werden die Babonen dem großen Rivalen Petersburg aus dem Weg gehen, selbst wenn er in ihren Pool gelost wird. Das könnte für den TSV den Einzug in die Vorschlussrunde begünstigen. Aber Kneitinger will kein Team unterschätzen. „Alle russischen Vertreter sind mit Nationalkader-Athleten besetzt, die Franzosen haben bei einer Millionen Judoka im Land eine ungeheure Dichte an Spitzenleuten. Wer da einen Gegner auf die leichte Schulter nimmt, versteht unseren Sport nicht.“

Die Favoriten indes liegen auf der Hand: Vorjahresfinalist Levallois mit dem Schwergewichts-Weltstar Teddy Riner – seit Jahren auf diesem Globus unbezwungen – und die St. Petersburger, die wie Abensberg bei sieben Europacup-Siegen halten. Macht einer der beiden die „Acht“ voll, ist er der alleinige Rekordhalter. Für die Niederbayern wäre es der dritte Streich in Folge, kein europäischer Verein hat das bisher geschafft.

Seit drei Monaten Gegner-Studium

Mit unheimlicher Akribie bereiten sich die Abensberger auf den Europa-Gipfel vor. „Seit drei Monaten studieren wir jeden Kämpfer, der dort antreten wird. Wir haben selbst Daten gesammelt, bedienen uns Judo-Datenbanken im Internet und treiben Videos auf, wo es geht. Wichtig sind natürlich die Erfahrungen unserer Judoka mit den Gegnern“, beschreibt der 60-Jährige die Arbeit. Jeder Babone bekommt dann ein Faktenblatt zu seinen möglichen Kontrahenten in die Hand gedrückt und versucht im Training, Antworten auf deren Stärken und Schwächen zu finden. „Das geht so weit, dass ein Trainingspartner den Stil eines Widersachers kopiert, um sich entsprechend einzustellen.“ Kneitinger zweifelt nicht daran, dass es die anderen Spitzenklubs ähnlich machen. „Petersburg wird vom Nationaltrainer-Gespann Makarov/Morosov betreut. Die befassen sich tagein, tagaus mit nichts anderem als den Gegnern ihrer Schützlinge.“

Das Gefühl sei „gut“, sagt Otto Kneitinger vor dem Samstag, der ein goldener in der Abensberger Vereinshistorie werden könnte. „Das Jahr war für jeden Judoka intensiv und lang. Trotzdem wird jeder von uns nochmals alles abrufen. Ich denke, unser großes Plus wird einmal mehr der Teamgeist sein.“ Vorab will der TSV-Macher kein erlegtes Bärenfell verteilen, aber eine kleine „Sorge“ drückt ihn schon: „Wenn wir gewinnen, brauchen wir wieder neue Anzüge, weil der achte Stern hinzu kommt.“

Die Europacup-Endrunde 2014

Golden League:

am Samstag ab 11 Uhr (9 Uhr deutscher Zeit) in Samara, Russland

Teilnehmer:

TSV Abensberg (als Titelverteidiger in Pool 1 gesetzt), SC Levallois (als Vorjahresfinalist in Pool 2 gesetzt), Nawara St. Petersburg, Dinamo RNO-Alania, Adygea Maykop, Sambo 70 Moskau, AC Boulogne Billancourt, SGS Sainte-Genevieve

Modus:

zwei Pools mit je vier Teams, die Poolsieger bestreiten das Finale, die Verlierer gehen in die Trostrunde.

Ablauf:

11 bis 16 Uhr Viertel-, Halbfinale sowie Trostrunde, ab 17 Uhr Finale, danach Siegerehrung und Farewell-Party.

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