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Aufgebot

Eine Judo-Armada für London

18 Athleten bei den Olympischen Spielen tragen in Bundesliga oder Europacup den Kimono des TSV Abensberg. Aushängeschild ist Ole Bischof.
Von Martin Rutrecht, MZ

  • Abensbergs Überflieger Ole Bischof will am Dienstag seinen Olympiasieg von 2008 verteidigen. Fotos: dpa-Archiv
  • Er kennt den Geschmack von Olympia-Gold und zwei WM-Titeln: TSV-Grieche Ilias Iliadis.
  • Ariel Zeevi, Olympia-Dritter von 2004, war eigentlich schon in Judo-Rente. Jetzt ist er mit 35 noch einmal dabei.

Abensberg. Sie sind angekommen. „Die ersten Eindrücke vom Olympischen Dorf sind super – die Appartements, der Wahnsinns-Blick aus unserem Fenster auf das Olympiastadion und die riesige Mensa“, schwärmt Christoph Lambert, einer aus dem Tross der elf deutschen Judoka (fünf Frauen, sechs Männer) bei den Spielen in London. Die Abordnung des TSV Abensberg ist ein wenig größer: Nicht weniger als 18 Athleten in Großbritannien tragen in Bundesliga oder Europacup den Kimono des deutschen Rekordmeisters. Die Zahl steht auch für Qualität, denn in den sieben Herren-Gewichtsklassen dürfen nur die besten 22 aus der Weltrangliste antreten.

Einer ragt aus den TSV-Judoka aus dem In- und Ausland in jedem Fall hervor: Olympiasieger Ole Bischof. Vor vier Jahren gelang dem 32-Jährigen der Goldstreich in Peking. Der 81kg-Athlet strengt nicht weniger als die Titelverteidigung an. „Ich kann es schaffen“, betont er immer wieder und setzt augenzwinkernd hinterher: „Bei Olympia bin ich noch ungeschlagen.“

Zu seiner Mammutaufgabe flog er am Dienstag mit dem deutschen Aufgebot nach London. Die Auslosung der Wettkämpfe ging zwei Tage später über die Bühne. Abensbergs Aushängeschild trifft zum Auftakt auf den routinierten Italiener Antonio Ciano (31), heuer Zweiter beim Grand Prix in Paris – geschlagen im Finale von Ole Bischof. „Er ist ein harter Gegner, aber bei Olympia gibt es keine leichten“, sagt der TSV-Held. Am Dienstag schlägt für den gebürtigen Reutlinger die Stunde der Wahrheit, und auch für zwei Teamkollegen aus dem Babonen-Lager. Travis Stevens (26) aus den USA und Elnur Mammadli (24) aus Aserbaidschan gehen ins Medaillenrennen – wobei Letzterer 2008 Olympiasieger bis 73 kg war und nun bis 81 kg zur absoluten Weltspitze zählt.

Einen ähnlich großen Wurf wie dem deutschen Olympiasieger traut man dem TSV-Schwergewichtler Andreas Tölzer zu. In seiner Kategorie spricht alles nur vom Gigantenduell: einem Finale zwischen dem fünffachen Weltmeister Teddy Riner aus Frankreich und dem zweimaligen Vizeweltmeister „Tölz“. Die beiden Dominatoren im Schwergewicht stehen auf Platz eins und zwei der Weltrangliste. Das in Bonn geborene 145 kg-Bröckerl hat in der Vorbereitung unterstrichen: „Ich weiß, wie ich Teddy knacken kann. Aber es wäre völlig falsch, nur auf ihn zu gucken. Zuerst muss ich durch Vorrunde und Halbfinale.“ Die beiden Kolosse würden erst im Finale aufeinandertreffen.

Früher mit dem Franzosen bekäme es TSV-Mitstreiter Martin Padar aus Estland zu tun. Er steht im selben Pool (= Vorrunde) wie Riner. Der junge Rumäne Vladut Simionescu hätte – übersteht er den ersten Kampf – seinen 32-jährigen Vereinskollegen Tölzer, der selbstredend auch erst die erste Runde gewinnen muss, zum Gegenüber.

Während es für Bischof und Tölzer ziemlich sicher die letzten Spiele ihrer Laufbahn sind, hätte der Regensburger Christopher Völk (23) wohl noch eine oder zwei weitere Chancen auf Olympia-Lorbeeren. Dass er sich für London qualifizieren konnte, ist ein persönlicher Höhepunkt für ihn. „Ich bin nicht so naiv, mich als Anwärter auf eine Medaille zu sehen“, sagt der Athlet der Kategorie bis 73 kg.

Der Medizin-Student hat sein Judo-Handwerk von jungen Jahren an in Abensberg gelernt. Mittlerweile beherrscht er es im Stile eines gestandenen Athleten, wie Rang zwei beim Grand Prix in Paris belegt. Dort unterlag er im Duell um Rang eins dem Mongolen Nyam-Ochir Sainjargal – genau ihm begegnet er am Montag zum Aufakt. Danach könnte es noch pikanter werden: TSV-Teamkollege Joao Pina (31) aus Portugal stünde auf der Matte. Freilich müsste der zweifache Europameister zunächst den Ukrainer Volodymyr Soroka ausschalten. Und als wär’s nicht genug, mischt in diesem Pool aus der spanische Babone Kiyoshi Uematsu (34) mit.

Apropos Begegnung mit TSV-Kollegen: Der deutsche 100 kg-Starter Dimitri Peters aus dem Abensberger Stall nimmt es in Runde eins mit Ariel Zeevi aus Israel auf, der 2004 Olympia-Bronze gewann und zur Garde des Rekordmeisters zählt. Eigentlich hatte der 35-Jährige seine Karriere schon beendet, doch plötzlich gab er bekannt, er wolle noch einmal zu den Spielen. Tatsächlich qualifizierte sich der Israeli und nimmt es nun mit Peters (26) auf. Der Deutsche könnte eine Überraschung landen.

Mehr Experten haben den Tschechen Lukas Krpalek (21) auf dem Zettel, der Abensberg seit dem Vorjahr verstärkt. Er war 2009 Junioren-Weltmeister und 2011 WM-Dritter bei den Männern. Sein Problem in London: Ihm dräut im ersten Auftritt der japanische Weltmeister Takamasa Anai.

Die Legionäre aus der Aventinusstadt sind in den Klassen 60 kg (heute) und 66 kg (Sonntag) besonders präsent. Im Super-Leichtgewicht treten der TSV-Ösi Ludwig Paischer (Olympia-Silber 2008), Weltmeister Georgii Zantaraia aus der Ukraine sowie der Armenier Hovhannes Davtyan an. Paischer hat es in der Auslosung knallhart erwischt: Die Nummer eins der Welt, Rishod Sobirov (Usbekistan), misst sich mit ihm. Bis 66kg halten sich Armen Nazarvan aus Armenien, Miklos Ungvari aus Ungarn und der Rumäne Dan Fasie bereit. Vor allem Ungvari kennen die TSV-Fans. Er ist dreifacher Europameister und gewann dreimal WM-Bronze.

Ein Ausnahmeathlet rundet das Aufgebot ab des TSV. Der große Grieche Ilias Iliadis holte vor acht Jahren Olympia-Gold (bis 81 kg), mittlerweile ist er zweifacher Weltmeister bis 90kg. In dieser Kategorie betritt er in London als Nummer eins der Welt die Matte. Er ist der 18. Vertreter des deutschen Rekordmeisters. Bei genauerem Hinsehen zählt der TSV gar 20 Mann. Sebastian Seidl aus Pförring und Fabian Seidlmeier aus St.Johann bei Train flogen als Sparringspartner der Deutschen mit. Abensberg goes Olympia.

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